Die Rückgewinnung der Sprachlichkeit – zum Sammelband „Die drei Revolutionen der Denkart – Systematische Beiträge zum Denken von Bruno Liebrucks“ (Karl Alber Verlag 2013)

Share

a_48618-4_phil_gottschlich_a 1.Auch unter philosophisch Interessierten den Namen Bruno Liebrucks (1911 – 1986) ins Gespräch zu streuen, kann verdutzte Blicke auslösen, die oft zu Fragezeichen zu gerinnen scheinen. Einer der originellsten und profundesten Denker des 20.Jahrhunderts scheint so gut wie vergessen, es sei denn, es hat jemand in den 60er Jahren in Frankfurt Philosophie studiert, und begegnete dabei nicht nur Adorno oder Habermas, sondern eben auch Liebrucks. Er war dort von 1959 bis zu seiner Emeritierung Direktor des philosophischen Seminars und gab während dieser Zeit u.a. sein großes Werk „Sprache und Bewusstsein“ heraus. Liegt womöglich das weit verbreitete Vergessen seines Wirkens daran, dass dieses Werk sieben Bände mit jeweils 500 bis 700 Seiten umfasst, so dass sich Doktoranden daran schon der schieren Fleißarbeit wegen nicht herantrauen? Doch wer das schmale Büchlein zum Handgebrauch sucht, wird in der Philosophie ohnehin nicht fündig werden – Heidegger, Hegel oder Kant haben gewiss nicht weniger Seiten beschrieben als Liebrucks. Ist es womöglich die Sprache, die an Liebrucks schreckt? Wiederum könnte hier nicht die Sprache des Autors selbst gemeint sein, hat doch jeder der großen Philosophen – erneut denken wir an Hegel und Heidegger – sich einer zunächst kaum verständlichen „Geheimsprache“ bedient. Ginge es also im Falle Liebrucks um die Sprache überhaupt? Sein großes Thema ist immerhin die Sprachlichkeit des Menschen, wobei er seine Philosophie ausdrücklich nicht als Sprachphilosophie oder Philosophie der Sprache, sondern als eine Philosophie von der Sprache her verstanden hat, wie Max Gottschlich in dem vorliegenden Band „Die drei Revolutionen der Denkart – Systematische Beiträge zum Denken von Bruno Liebrucks“ hervorhebt. Scheinbar liegt in diesem „von der Sprache her“ der Stolperstein, denn in einer von Idealismus und anderen Ismen gesättigten Kultur des Denkens ist Sprache zu einem Werkzeug der Übermittlung von – vorsprachlich produzierten – Gedanken oder einem puren Zeichensystem erniedrigt. Dass diese Missachtung der Sprache – anders gesagt die Entsprachlichung – zu Unfreiheit und Entfremdung führt, macht es dringlich, sich Liebrucks’ Philosophie von der Sprache her erneut oder vielleicht überhaupt zum ersten Mal zu widmen. Insofern ist es das Verdienst des Alber Verlags, nun eine Sammlung von Texten zu Bruno Liebrucks unter der Herausgeberschaft von Max Gottschlich vorgelegt zu haben – und das Verdienst der Autoren, im Herbst 2011 ein Symposium zum 100.Geburtstag von Liebrucks an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz veranstaltet zu haben. Einige von ihnen sind unmittelbare Schüler von Liebrucks, andere Schüler seines Schülers, des Wiener Philosophieprofessors Franz Ungler.

Der Titel dieser Aufsatzsammlung „Die drei Revolutionen der Denkart“ zitiert nicht nur die Überschrift eines grundlegenden Textes von Liebrucks, sondern benennt den Ausgangspunkt seines Philosophierens. Wie der Herausgeber Max Gottschlich ausführt, sieht Liebrucks die europäische Philosophie von drei Revolutionen des Denkens über das Denken geprägt: die platonische Ideenlehre, die Kantische Transzendentalphilosophie sowie die Hegesche Dialektik. Dies scheint auf den ersten Blick keine sonderlich überraschende Erkenntnis, doch dass sich ein Denker des 20.Jahrhunderts über Jahrzehnte erneut an diesen „alten Fragen“ des Denkens abarbeitet, muss wohl Gründe – oder zumindest einen Grund – haben. Worum geht es bei diesen „alten Fragen“ von Metaphysik, Logik und Ontologie? Drei werden genannt: das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, das Problem der Methexis (Teilhabe), das um den Zusammenhang zwischen dem besonderen, veränderlichen Einzelnen und dem unveränderlich seienden Allgemeinen kreist, sowie schließlich das Verhältnis zwischen Mythos und Logos.

Liebrucks’ systematische philosophische Kernerarbeit habe nun zum einen zeigen können, dass die Leistung Platons erst durch Kant, und jene erst durch Hegel deutlich werde, wobei die jeweils vorhergehende Stufe der Denkart durch die nächstfolgende nicht entwertet, sondern erst in ihrer Begrenzung, aber auch in ihrer Bedingung für die nächst folgende verständlich werde. Zum anderen habe Liebrucks eine neue und unkonventionelle Deutung des Hegelschen Begriffs erarbeitet, indem er in diesem den „sprachlich existierenden Menschen“ gefunden habe. Das Bewusstsein der Sprachlichkeit habe zur Erkenntnis geführt, dass der Mensch sein Selbstverhältnis über den Anderen gewinnt, wobei die Sprache nicht nur Mittel zur Kommunikation sei, vielmehr läge in ihr selbst das Selbst- und Weltverhältnis des Menschen, dieser könne nur in Sprache denken und handeln.

Diese Entdeckung der Sprachlichkeit von Welt und Mensch in der Hegelschen Logik ist offenbar Liebrucks zum Sprungbrett für sein Monumentalwerk „Sprache und Bewusstsein“ geworden. Hierin untersucht er das sprachliche Denken ausgehend von den fünf „H“: Herder, Hamann, Humboldt und mit besonderem Nachdruck Hegel und Hölderlin.

Von den 12 Aufsätzen in dem vorliegenden Band widmen sich zwar nur vier explizit der Liebruckschen Lesart von Hegel und Hölderlin, in ihnen aber findet der Leser in konzentrierter Form die Grundlagen des Sprachdenkens von Bruno Liebrucks. Einen wahren Zitatenschatz und vor allem immer wieder Hinweise auf das Buch „Irrationaler Logos und rationaler Mythos“ verschaffen dem an Liebrucks Interessierten ungeahnte Erleichterung, insofern sie ihn von der drückenden Aufgabe befreien, alle sieben Bände von Sprache und Bewusstsein zu lesen, wozu in den meisten Fällen das Leben zu kurz sein dürfte – für die langlebigen Leser aber zumindest in die Lektüre des ganzen Werks gut einführen.

Das soll nicht das Verdienst derjenigen schmälern, die in den anderen acht Aufsätzen sich zur Platon- und Kant-Interpretation Liebrucks` sowie dessen politischer Philosophie oder allgemeiner Ästhetik geäußert haben. Das Herzstück seines Lebenswerks bleibt jedoch unzweifelhaft seine Philosophie von der Sprache her, das wir eben als den großen Stolperstein einer Philosophie und Wissenschaftswelt ausmachen, die Sprache auf ein System von Zeichen reduziert. Deswegen konzentrieren sich die folgenden Hinweise, die Appetit auf den Aufsatzband sowie auf Liebrucks selbst machen sollen, auf sein Sprachdenken.

 

Rückgewinnung der Sprachlichkeit

In dem Aufsatz „Liebrucks’ Umwege zu Hölderlin“ (Werner Schmitt) erfährt der Leser, dass für Liebrucks die philosophische Revolution durch Hegel der dichterischen im Werk Hölderlins entspräche. Beide Revolutionen, so Liebrucks, hätten sich gegen die Entsinnlichung der Allgemeinbegriffe gewendet. Anders gesagt: gegen jene Subjekt-Objekt-Spaltung, die eine vom Subjekt unabhängige Realität postuliere. Dieses Konstrukt einer äußeren, vom Menschen unabhängigen Realität habe nicht nur das wissenschaftliche Weltbild als einzig gültiges hingestellt, sondern damit Wissenschaft selbst zum Herrschaftswissen gemacht, das nur darauf aus sei, sich die äußere Welt der Positivität als Objekt verfügbar zu machen. Entfremdung, Verblendung, Feindseligkeit von Mensch und Natur als Resultat dieser „Welt der Positivität“ sind Stichworte, die Liebrucks’ Nähe zur kritischen Theorie aufzeigen. Einen Ausweg findet Liebrucks in der Rückgewinnung der Sprachlichkeit. Was bedeutet dies?

In der Dichtung Hölderlins ließe sich exemplarisch eine Sprache erleben, die nicht Mitteilung über ihr fremde Inhalte macht oder als mathematische Formeln und Zeichen auf den Kampf um die Herrschaft über die Natur zurückdeuteten, sondern die aus der wirklichen Begegnung mit der Natur und der Welt der Dinge stamme. Hölderlin lege Zeugnis ab von der Erfahrung der Natur in göttlichen Gestalten, so Liebrucks. Mythos und Logos wären so nicht länger getrennt. Um dies nachzuvollziehen, müsse der Leser oder Hörer jedoch zur Aufnahme dessen bereit sein, das jenseits des Gesagten liegt. Die Worte müssten im Prozess des dichterischen Herstellens erfahren werden, und dies verlange ein Lesen und Sprechen des Textes, das die toten Zeichen erst lebendig mache.

Für den Philosophen dürfte dies bestenfalls verschwommen und unklar klingen, schlimmstenfalls schwelgerisches Romantisieren eines Dichters, der sich davor drücken möchte, zu sagen, was er denkt. Gegen solche Banausie, die immer auch im Philosophieren durchbricht, kann Liebrucks Hegel ins Feld führen, indem er dessen Begriff ganz neu und originell liest. So sei der Begriff weder ein Instrument zum fixierenden Begreifen einer Dingwelt noch selbst als Begriff dingfest zu machen! Vielmehr sei er erstens aktuales Begreifen auf Seiten des Subjekts, zweitens Einheit von Denkendem und Gedachtem als das Begriffene, drittens sich selbst erkennendes Bewusstsein, in dem Subjekt und Objekt verbunden sind und schließlich viertens werde der Begriff nicht von außen der Sache übergestülpt, sondern sei in der Sache selbst. Damit aber wird der Hegelsche Begriff zu dem Ort, an dem sich Sprechen und Denken zugleich ereignet, zu dem Inbegriff der Sprachlichkeit des Menschen. Hier, so meint man, könnten die Philosophen doch wieder einsteigen. Aber zu viele von ihnen möchten Sprache und Sprachlichkeit selbst sogleich zum Objekt der Erkenntnis und der erkennenden Untersuchung machen. Liebrucks wehrt dies entschieden ab und rollt damit ein neues Gleis des Philosophierens aus, das bisher beinah ungenutzt neben den eingefahrenen Gleisen des Denkens liegt. Die meisten Philosophen sind also der Weichenstellung ausgewichen, mit der sie auf unbefahrenem Terrain neue Er-fahrung sich hätten er-fahren können. Nehmen wir zur Illustration nur zwei Überlegungen, wie sie in den „Systematischen Beiträgen zum Denken von Bruno Liebrucks“ zu einer Philosophie von der Sprache her erscheinen:

 

  1. Sprache ist sowohl ideal wie real: „der Wortlaut in der menschlichen Rede ist im Gegensatz zum Naturlaut ein Wesen, das real ist (als Artikulationsgebilde) und ideal (etwas Bestimmtes bedeutend) zugleich ist“. Sprache ist in diesem Sinne ungegenständlicher Gegenstand. (S.205)
  2. Sprache als das jeweilige gesprochene Wort markiert den Übergang von dem Moment ihrer selbst als einem zwar realen, aber flüchtigen, verschwindenden Ding in die dauernde Idee. Radikaler gesagt: die Vernichtung der Wahrnehmbarkeit des Wortes ist die Vorbedingung für das Erfassen des Sinns der Rede, sobald wir die menschliche Rede als die dauernd verklingende und eben in diesem Verklingen die bleibende Bedeutung als konstituierend begreifen. D.h. zur Konstitution des Satzsinns ist das Aussprechen der einzelnen Wörter genauso Bedingung wie ihr sofortiges Verschwinden. (S.206)

 

Rückgewinnung der Sprachlichkeit bedeutete demnach also zunächst, die dialektisch vermittelte Gleichzeitigkeit von ideell und reell, von Innen und Außen, von Verhüllung und Offenbarung, von Sterben und Leben, Werden und Vergehen als Wirklichkeit des Daseins anzunehmen. Mit dem „ungegenständlichen Gegenstand“ rückt die immerwährende metaphysische Frage nach dem Verhältnis von Idee und Wirklichkeit in ein neues Licht. Ferner gewinnt der Leser durch die Reflexion der Sprachlichkeit einen neuen und womöglich lebenswichtigen Zugang zum berühmten Hegelschen Aufgehobensein in seiner doppelten Bedeutung als Bewahrung und Vernichtung, wobei Liebrucks noch mit dem Hochgehobensein eine Dritte hinzufügt. Dies geschieht im Zusammenhang mit der erwähnten Dialektik des Verklingens der Worte bei gleichzeitigem Bleiben ihrer Bedeutung, die Liebrucks so kommentiert:

„Der Sinn der Sprache ist das Gewesensein der Sprache als Tatsache. Der Sinn ist nichts weiter als die aufgehobene Tatsächlichkeit des Gehörten. Der Sinn des Gehörten ist die Aufnahme eines Sachverhalts der Wirklichkeit in die Unsichtbarkeit des Bewusstseins. Um eine solche Aufnahme vollziehen zu können, muss der Sachverhalt als Sachverhalt vernichtet (aufgehoben) sein, und er muss wiederum als verstandener Sachverhalt bewahrt (aufgehoben) sein. Er ist damit aus der Tiefe der reinen Tatsächlichkeit in die Höhe des Bewusstseins gehoben (aufgehoben), in diesem Aufgehobensein zugleich vernichtet und bewahrt.“ (S.206/207)

Hierin gliche die Sprache dem menschlichen Leben, das ständig vergeht, das immer zugleich sei und nicht sei: „Es ist und ist das, was es eben noch war, nicht mehr. Das Ende haben die endlichen Dinge nicht erst an ihrem Ende, sondern ihr dauerndes Vergehen ist schon das Sein des Nicht-Seins alles Endlichen…. Die Stunde der Geburt ist die Stunde des Todes….“ (S.207)

In der Sprachlichkeit fänden sich bereits alle großen philosophischen Fragen sowie die verschiedenen Möglichkeiten des Antwortens. Nichts sei dem hinzuzufügen, so Liebrucks, keine Idee, kein Seiendes oder transzendentale Kategorien der Vernunft. All dies ist schon in der Sprache, so Liebrucks unter Bezug auf einen ersten Sprachdenker der Neuzeit, nämlich Johann Georg Hamann, dessen bekanntes Diktum lautete „Vernunft ist Sprache“.

Aber warum Rückgewinnung der Sprachlichkeit? Impliziert dies, dass es einen Zustand der Menschheit gab, in dem Sprachlichkeit im Weltumgang selbstverständlich war, um zu einem späteren Zeitpunkt verloren zu gehen? Soll damit auf eine Welt des Mythos abgehoben werden, in der das einander Entgegengesetzte nicht getrennt war, sondern gemeinsam im Gleichen wohnte, bevor Logik uns Wissenschaft fortwährend sich steigernd auf Abstraktion und Zerteilung zielten? Wurzelt in dieser Vorstellung einer mythischen Welt auch Liebrucks’ Wort, wonach der Mensch sogar die Tiere in ihrer Sinnlichkeit überholen könne, habe er erst die Sprachlichkeit wieder erlangt?

Erneut fühlen die Philosophen den sicheren Boden der Metaphysik, Ontologie und Logik unter ihren Füßen schwinden. Und was dem Laien zunächst spitzfindig und höchst theoretisch erscheinen mag an Liebrucks Rückgewinnung der Sprachlichkeit, blitzt plötzlich als ungeheuer kühnes Wagnis einer „Rückgewinnung des Paradieses“ oder einer „herrschaftsfreien Gesellschaft“ auf, jedoch so überkegelnd utopisch, dass es schon in den 60er Jahren abgründig abenteuerlich daherkam, wie aber erst heute? Doch, und hier sei der Hinweis auf einen zentralen Text des Sammelbandes von Max Gottschlich erlaubt, die Rückgewinnung der Sprachlichkeit erweist sich als ein zutiefst ethisches Anliegen: Unter der Überschrift „Handle sprachlich“ – zur Ethik bei Bruno Liebrucks“ geht Maria Woschnack dieser Dimension des Tuns von der Sprache her nach.

 

Ethik von der Sprache her

Zunächst finden sich in dem Beitrag „Handle sprachlich“ Bemerkungen zu zentralen Einsichten Liebrucks’ sowie dazu passende Zitate, die schrittweise und schließlich kaskadenhaft wie bei einem Crescendo zur Frage der Ethik hinführen:

„Liebrucks’ Sprachlichkeit des Menschen besteht darin, dass der Mensch sich im Sich-Verhalten zur Welt immer zugleich zu sich selbst verhält“

„Sprache ist Bedingung der Möglichkeit und Medium menschlicher Weltbegegnung und Selbsterfahrung….., weil alle Dinge nur durch die Sprache vermittelt sind, ist die Hinwendung zur Sprache zugleich die Hinwendung zur Wirklichkeit. Sprache und Welt gibt es nicht ohne einander.“

Insofern wird die Ethik fordern, so Woschnack in ihrer Interpretation von Liebrucks, die Welt menschlich und den Menschen weltlich zu machen. In diese Einsicht eingebettet führt die Autorin den Leser zu Liebrucks’ berühmter „Formel“ von der Dreistrahligkeit der semantischen Relation. Nichts anderes ist damit gemeint, als dass jede Rede etwas von dem enthalte, der spricht, immer etwas von dem, der angeredet wird und immer etwas von der Sache, über die gesprochen wird. Auch dies mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen, ist es jedoch unter heutigen gesellschaftlichen und sprachlichen Umständen keineswegs. Denn die bewusst wahrgenommene und „intonierte“ Dreistrahligkeit bricht die Isolation des bürgerlichen Subjekts oder des sich selbst behauptenden Ich auf, welche im gängigen Sender-Empfänger-Modell dessen, was wir euphemistisch Kommunikation nennen, gerade zementiert wird. Diese Gewinnung von Selbst- und Weltbezug in der Sprache – in die immer schon der Andere einbezogen ist – erhellt schließlich das Motto „Handle sprachlich“: der Mensch sei nur in dem Maße in sich selbst, „als er bei dem anderen Menschen und mit ihm zusammen bei der Welt ist“. Diese erfrischende Einsicht ist es, die den Begriff Dreistrahligkeit der semantischen Relation so auf zunächst sperrige Weise zu denken geben möchte: Rückgewinnung der Sprachlichkeit.

So unmittelbar eingängig diese Worte auch wirken mögen, ihre praktische Umsetzung erscheint uns als Herkules-Arbeit. Liegt dies an den gesellschaftlichen Umständen, die Zielführung, Effizienz, Transparenz, Präzision, Eile ohne Weile, Ergebnisorientierung etc. von den Menschen verlangen? Offenbar bedarf ethisches Handeln, deren erstes Gebot die Rücksicht auf den Anderen sein sollte, der dialektischen Durchdringung von Distanz und Verbundenheit, so wie sie in der Sprache sich stets neu ereignet. Dies zu zeigen gelingt Woschnack trefflich, wobei sie zunächst nur Liebrucks zitieren muss:

„Wenn ich ein Wort spreche, so handelt es sich um angehaltenes, verhaltenes Tun …wenn ich spreche, trete ich zurück, lasse alles so, wie es ist, gestalte praktisch technisch nichts, sondern mich selbst und meine Erfahrung, vermittelt also: erfahrene Welt…“

Und Woschnack kommentiert: „Die Sprachlichkeit des menschlichen Handelns erweist sich im Sinne dieses sprachlich vermittelten Zurücktretens vor der Unmittelbarkeit der Dinge und der Menschen zugleich als eine Verhaltenheit und ein Zurückhalten der eigenen Unmittelbarkeit vor ihnen – die „Taten des Wortes“ sind „theoretisches, gehemmtes Tun“. Menschliches Handeln ist daher dann sprachlich – und nun wieder Liebrucks – „wenn es Zurückhalten der Handlung und Handlung im gewöhnlichen Verstande zugleich ist. Jede Handlung, die nicht in „zögernder Eil“ geschieht, ist unmenschlich“. (S.213)

Der Mensch handle demgemäß nur dann menschlich, wenn er sprachlich, d.h. mit Rücksicht auf den Anderen, handle. Das Heraustreten der Handlung aus der Sprachlichkeit der menschlichen Weltbegegnung sei demgemäß stets eine Rückkehr zur Unmittelbarkeit der Gewaltanwendung. In einer Ethik von der Sprache her solle der Mensch von sich selbst ein Verhalten fordern, das dem Gespräch entspricht. Woschnack führt aus, dies könne überhaupt nur zustande kommen, wenn die daran Beteiligten sich als gleichberechtigte Partner verstehen. Sprachlichkeit beruhe in diesem Sinne auf einer liebenden Identifikation des Ich mit dem Du, und die anstößige Konsequenz daraus laute, „dass ich mein Leben verletze, wo ich anderes Leben verletze“.

Mit dem Auffächern dessen, was Gespräch genannt werden kann, kommt erneut Hölderlin ins Blickfeld: „Seit ein Gespräch wir sind….“ Nach Liebrucks wäre dieses Gespräch, das wir sind, der Abgrund, den wir je neu zu überspringen hätten, um sowohl zum Anderen wie auch über ihn zu uns zu kommen. Anders gesagt: „Im Gespräch bin ich zugleich an zwei Stellen. Ich stehe auf dem Standpunkt von mir als Sprechendem und versetze mich zugleich in den Standpunkt des Hörenden. Dies geschieht in einem Akt“. Man ist geneigt zu korrigieren, dies sollte in einem Akt geschehen – misslingt doch das Versetzen in den Standpunkt des Hörenden in dem meisten aller Fälle, was zwar aufgrund der Gegenseitigkeit sich stets ereignender „Missverständnisse“ häufig nicht auffällt. Die ethische Aufgabe, die sich auf dem Weg zur Rückgewinnung der Sprachlichkeit ergibt, sollte hiermit jedoch zweifelsfrei erhellen. Eine frappierende Nähe des Liebruckschen Sprachdenkens zur Ethik Emmanuel Levinas’ sowie zum dialogischen oder Sprachdenken anderer jüdischer Denker wird in der Aufforderung „Handle sprachlich“ offenbar: Handeln, so resümiert Maria Woschnack, könne der Mensch auch gegen den Menschen, er könne ihn töten, sogar verzehren, sprechen aber könne er immer nur im Verein mit dem Anderen. Wir kennen die zentrale Aussage Levinas’, wonach die Zuwendung des sprechenden Antlitzes verhindert, dass ich den Anderen töte.

Es ist ein wenig befremdlich, dass keiner der Autoren des vorliegenden Sammelbandes diese Nähe Liebrucks’ zum Sprachdenken aus jüdischen Wurzeln zur Sprache bringt. Sie ist womöglich Liebrucks selbst nicht bewusst gewesen. Da jedoch in den unzähligen Liebrucks-Zitaten zur Sprachlichkeit fortlaufend Motive des jüdischen Sprachdenkens eines Rosenzweig, Benjamin, Weinreb, Cohen oder Rosenstock-Huessy anklingen, begleitet den damit vertrauten Leser stets die Frage, ob das Denken der Sprache – eine Philosophie von der Sprache her – des Gottesbezugs bedarf oder selbigen entbehren könne. Umso überraschender und zugleich erfreulicher ist es deswegen, dass sich im vorliegenden Sammelband eine „Untersuchung zum Gottesbegriff bei Bruno Liebrucks“ findet. Die Autorin Simone Liedtke zeigt darin, wie Liebrucks den Menschen in der Sprache zu Gott kommen lässt: „Wir hören Gottes Stimme, indem wir Gott aussprechen“. Wieder so ein Satz, der frappiert – während die philosophische Ausführung des gleichen Gedankens fast langweilig wirkt, indem Liebrucks streng hegelianisch von der sprachlichen Begegnung des Logos als Entfaltung des Absoluten spricht, die zu einer Begegnung göttlicher und menschlicher Freiheit wird. Sprachlicher, weil sperriger erscheint dann Liebrucks’ Diktum, wonach der Mensch Gott brauche, um einerseits die eigene Fehlbarkeit, den eigenen Selbstwiderspruch und das damit verbundene Scheitern überhaupt zu erkennen und auszuhalten. Im Namen Gottes komme die in der Sprachlichkeit stets sich äußernde Dialektik von Distanz und Verbundenheit, von Nicht-Sagen-Können und dennoch Sagen-Müssen zur Sprache. Insofern kann Liebrucks sagen, dass im Begriff Gottes Sprache und Bewusstsein korrespondieren.

Wäre es nicht eine reizvolle und zugleich gesellschaftlich und ethisch eminent wichtige Aufgabe für die Forschung, Liebrucks Philosophie von der Sprache her als Ausgangspunkt für ein neues Verhältnis von Philosophie und Theologie, aber auch zwischen abendländischer Philosophie und jüdischer Weisheit zu untersuchen?

Doch dies ist ein nächster Schritt. Für den Augenblick sind wir zunächst froh, dass mit den „Drei Revolutionen der Denkart“ ein fast vergessener Denker, der gegen die Verblendung der Welt des Positiven und den verdinglichten Weltumgang eine Rückgewinnung der Sprachlichkeit setzt, überhaupt wieder Eingang in den Diskurs findet. In dieser Hinsicht erscheint der vorliegende Band beinah wie ein Zeugnis aus vergangenen Zeiten, abgelegt von Menschen, denen es gelungen ist, ein großes Werk dem Vergessen zu entwinden – eine wirkliche Entdeckung also. Wer sich zur Kommentierung der Beiträge zur Kant- und Plato-Interpretation Liebrucks’ berufen fühlt, melde sich bitte zu Wort! Wir wollten mit diesen Betrachtungen zunächst dadurch größtmöglichen Appetit anregen, dass wir das Revolutionärste an Liebrucks’ Denken – und dessen Berücksichtigung in vorliegendem Sammelband – hervorgehoben haben: die Philosophie von der Sprache her.

Bei Karl Alber Verlag (Freiburg/München) 2013 erschienen:

„Die drei Revolutionen der Denkart – Systematische Beiträge zum Denken von Bruno Liebrucks“

309 S., 36,-€

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde beendet.