Stimme und Blick, Gleichgültigkeit und Antwortfähigkeit Hermann Brochs Roman „Die Schuldlosen“ und die Krise Europas

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In Europa gewinnen Anhänger des nationalen – oder sogar nationalistischen? – Gedankens zunehmend an Einfluss. Es scheint, die Verheißungen von 1989 auf ein friedliches und einiges Europa zerbröselten stückweise. Dass diese Erosion gerade hundert Jahre nach dem ersten Weltkrieg in eine weitere Phase tritt, mag nur eine der Zeitrechnung geschuldete Koinzidenz von Daten sein, zu spüren ist jedoch in sensiblen Kreisen das, was man ein mulmiges Gefühl für die Zukunft nennt. Dabei scheint die schiere Menge an politischen Reden und Debatten über Europa dieses Gefühl eher zu bestärken. Liegt das an der Ein-tönigkeit dieser Reden? Werden sie doch beinah alle in einer Tonlage gehalten, so dass man schon von Jargon sprechen könnte. Gerade die „überzeugten Europäer“ verstärken oft die Monotonie, indem sie in stets derselben Tonlage Einstimmigkeit fordern. Hat aber nicht gerade die Idee der Einstimmigkeit die Verfechter des Nationalen auf den Plan gerufen, da sie ihre Stimme in der einen nicht wiederfinden? Aber ihr Widerstand gegen die Einstimmigkeit ertönt selbst nur ein-stimmig, möchten sie doch mit ihrer einen Stimme die der Anderen übertönen und schließlich zum Verstummen bringen. Nicht nur wegen der sogenannten Stimmzettel und der berüchtigten Stimmungen hat Politik etwas mit Stimme und Sprache zu tun.

In einem Feuilleton wird dieser Tage als Antwort auf die Rückkehr der Nationen wieder einmal die Idee einer europäischen Nation und eines europäischen Volkes ventiliert1. Doch in diesem Fall wird die Mehrsprachigkeit nicht als Hindernis wahrgenommen, das durch Esperanto oder Google-Übersetzungsmaschinen technisch beseitigt werden müsse. Im Gegenteil: Europa wird als ein Raum der Übersetzung neu bestimmt, wobei Übersetzung sowohl die gemeinsame Sprache und zugleich mehr als Sprache ist, also eine Geste der Einladung, überzusetzen zwischen Sprachen, Kulturen, Mythen und Geschichten. Ein europäisches Leben im „dazwischen“ wird als zukünftiges Triptychon von Übersetzung, Migration und Hybridisierung erhofft, sogar von einer Art europäischem Kreolisch ist die Rede. All diese Überlegungen rufen geradezu nach einem vertiefenden Diskurs zum Zusammenhang von Übersetzung, Demokratie und Gastfreundschaft. Dass der nun folgende Text vorher in andere Gegenden abbiegt, hat auch etwas damit zu tun, wie das besagte Übersetzungs-Feuilleton endet. Der Autor holt noch einmal weit aus und bekräftigt sein Votum für eine Zukunft, die nicht auf Dauer im Schatten des Erinnerns an die Vergangenheit stehen dürfe. Die Vergangenheit, aus der sich das europäische Projekt legitimiert habe, entferne sich zunehmend, und das Vergessen könne nicht ewig vermieden werden. Es wird an die gefallenen Soldaten der beiden großen Kriege sowie an die Frauen und Kinder, die im Krieg umgekommen sind, erinnert und schließlich an die Dissidenten aus dem Osten. Dann folgt ein markanter Satz: „Wir haben die EU um ein Volk der Toten aufgebaut“. Dieses wird im Weiteren als Phantomvolk bezeichnet, das die Suche nach einem zukünftigen, lebendigen europäischen Volk verhindere. Abgesehen davon, dass ein Raum der Übersetzung auch nur einer sein kann, der zwischen den Zeiten, also vom Heute zum Gestern übersetzt, müsste doch wohl das Vergessen der Toten zur Einstimmigkeit führen, indem ihre Stimmen weiter verstummen oder aus der Verstummung nie mehr erlöst werden.

Dass politisches Geschehen in Stimmen sich äußert, dass es in Sprache, Sprechen, Hören und Antworten sich zeitigt, wird meist nur an der Oberfläche verhandelt und leicht auf das Mechanische der Verständigung verkürzt. Aber wie sprechen und hören wir, Bürger und Politiker, Philosophen und Ökonomen, Priester und Finanzjongleure? Wie sprechen zwischen der Einstimmigkeit, die eindeutig bestimmen will, und der unendlichen Vielstimmigkeit, die sich im Bedeutungslosen zu verlieren droht? Wie hören zwischen einer bestimmten Stimme, die etwas Bestimmtes sagt, und dem vielstimmigen Gesang der Unbestimmtheit , aus der die Übersetzung, die Gastfreundschaft und die Bestimmung wachsen, bestimmter und weniger gleichgültig zu hören? In der Art des Sprechens tut sich kund, ob der Sprechende nur tönen will und stumme, willige Hörer sich züchtet, oder ob er antwortende Zuhörer wünscht. Manch einer sagte nach 1918, der Krieg sei dann ausgebrochen, als das Sprechen verstummt sei – und damit auch das Antworten.

Warum, wenn wir aus der Falle der Einstimmigkeit uns befreien möchten, suchen wir so wenig Hilfe bei der Literatur? Sie handelt doch vor allem von Sprache und Stimme, mehr noch als von äußerer Handlung. Oder sollen wir sagen, Literatur handelt von sich selbst als Sprache und Stimme, indem sie sich schreibend beobachtet und so den Leser zum Beobachter seiner Stimme macht? Die gegenwärtigen Verengungen in Europa, die Koinzidenz der Daten, das überall sich aussprechende Gedenken an die Daten des letzten Jahrhunderts rufen geradezu nach der Stimme der Literatur. So wird gerade Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ daraufhin gelesen, was darin zum ersten Weltkrieg gesagt wird. Wir wollen unsere Überlegungen von einem anderen Beispiel der Literatur jener Zeit aus beginnen lassen, und zwar von Hermann Brochs Roman „Die Schuldlosen“2.Die elf Erzählungen dieses Buches sind in den Jahren 1913, 1923 und 1933 angesiedelt, umspannen also einen Zeitraum von der Entstehung des ersten Weltkriegs bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft. Broch schreibt Literatur, nicht einen Diskurs im Sinne historischer Kausalitäten. Es sind zunächst lose Zusammenhänge, die sich aus den Erlebnissen der dargestellten Personen ergeben. Zwar ist offenkundig, dass Broch z.B. mit dem Typus des pedantischen Kleinbürgers jenen Charakter darstellen wollte, der maßgeblich zum Emporkommen der Nationalsozialisten beigetragen hat. Gleichwohl ist dies nur ein Nebenaspekt. Eine der wichtigen Rollen in der Gesamtkomposition aber spielt nicht eine Person, sondern die Stimme – oder auch die Stimmen.

Die Schuldlosen – Stimmen aus drei Jahrzehnten

Jeder Jahreszyklus des Romans – 1913, 1923, 1933 – ist mit dem Wort „Stimmen“ überschrieben. Aber wer spricht? Wessen Stimmen werden laut, wen hört der Leser? Sind es die Stimmen der Zeit? Vernehmen wir in der Zeit und durch die Zeit die Stimmen der nicht mehr Lebenden? Darauf deutet die „Parabel von der Stimme“ hin, die als Präludium dem eigentlichen Text vorausgeht. Diese Parabel durchwebt den ganzen Text, in ihr durchdringen die Themen Zeitlichkeit und Sprachlichkeit, Stimme und Zeit, Schweigen und Ewigkeit das Buch „Die Schuldlosen“.

Eine der Hauptpersonen des Romans, Andreas genannt, bewohnt – im Jahre 1933 – bereits seit 10 Jahren mit einer alten Baronin, ihrer Tochter und der Magd, ein Jagdschloss außerhalb der Stadt. Davor – im Jahre 1923 – war Andreas Untermieter in der Stadtwohnung der Baronin. Dort auch geschieht es, dass die Magd als Kupplerin ihm das „einfache“ Mädchen Melitta buchstäblich „ins Bett legt“. Nach zwei Tagen fühlt sich Andreas seiner Geliebten bereits überdrüssig und überlegt Wege, sie finanziell zu versorgen, um sich leichter aus dem Staub zu machen. Diese Überlegungen finden ein jähes Ende durch den plötzlichen Tod von Melitta, die sich aus ihrer Wohnung im vierten Stock des Hauses stürzt, nachdem Hildegard, die Tochter der Baronin, in eiskalter Lügenhaftigkeit behauptet hat, dass Andreas eigentlich sie, Hildegard, liebe. Andreas geht nicht weniger kalt zur Tagesordnung über und kauft besagtes Jagdschloss, um sich im Haushalt der Baronin, die ihm Ersatzmutter sein soll, umsorgen zu lassen. Nur für einen kurzen Moment, als ihm das blutverschmierte Täschchen Melittas überreicht wird, überkommt ihn Scham, Trauer und Verzweiflung. Rasch verfliegen diese Gefühle, als Hildegard – im Jahr 1923 – sagt: „Tun Sie nicht so, es werden noch viel mehr Menschen ermordet werden!“ Andreas erscheint als Prototyp dessen, der schuldlos schuldhaft geworden ist, wie Broch es nennt. Nun, im Jahr 1933, ertönt im Wald vor dem Jagdschloss ein Gesang. Andreas fühlt sich dadurch gestört, denn er hat wichtige Geschäfte zu erledigen. Hitler ist seit kurzem an der Macht, die Gefahr eines Krieges zeichnet sich bereits ab, und so überlegt Andreas, seine Pfundguthaben in Dollar zu konvertieren. Da kann er keine Singerei gebrauchen. Aber die Stimme wird lauter und durchdringender, und sie ist auch noch wunderschön. Aber wer singt? Begleitet der Holzfäller seine Axtschläge mit einem Lied? Oder klingt es nicht wie ein vielstimmiger Choral, der durchzogen wird vom vieltönigen Gezwitscher der Vögel, bevor sich die vielen Stimmen zu einer, mit einer Stimme gesungenen, Arie aufschwingen? Schließlich nennt der Erzähler den Gesang voller Schönheit ein Zugleich von “Holzfällerlied, Marschchoral, Psalm und Trosteshymne“. Der Sänger, es ist ein Sänger, kein Holzfäller und keine Chorgemeinschaft, erscheint schließlich im Jagdschloss und nimmt vor dem Schreibtisch Platz, an dem Andreas sitzt. Bald schon wird dieser gewahr, dass es sich bei dem alten, weißbärtigen Mann, der da aus dem Wald gekommen ist, um Melittas Großvater handeln muss. Seiner singenden Stimme kann sich kaum einer entwinden, auch Andreas nicht. Nicht entwinden aber heißt nichts Anderes als nun auf die eigene Stimme zu horchen. Der Großvater verlangt und befiehlt nichts, wartend aber gebietet seine Stimme. Das Gebot, welches aus dem Gesang spricht, heißt schlicht „Höre!“. Geht es darum, im Hören der Stimme des Anderen die eigene zu vernehmen? Mit dem Hören aber ist zugleich das Antworten geboten. Andreas fragt nicht weiter, er weiß, dass er antworten soll, und dass seine Antwort nur Bekenntnis eigener Schuld sein kann. Aber noch einmal versucht er auszuweichen. Obwohl er – im Falle des Todes von Melitta – sich nicht sicher sei, ob hier vertretbar von Schuld zu sprechen sei, zeigt er sich bereit, auf alle Forderungen des Großvaters einzugehen und ihn finanziell zu entschädigen – Entschuldung also durch Zahlen von Geld. Des Alten Antwort lautet: „Nicht so breitspurig, mein Sohn.“ Daraufhin überkommt Andreas Scham, er fühlt sich nackt – und nun erst ist er bereit, mehr zu hören und über seine Schuld zu sprechen. Er beginnt aufzuzählen, wodurch er schuldig geworden sei: der Tod Melittas, die Neigung zur Prasserei und damit verbunden die Scheu vor harter Arbeit, nachdem er entdeckt habe, wie er durch Finanztransaktionen auf leichte Art reich werden könne. Die Verachtung der unteren Schichten und derjenigen, die hart arbeiten. All dies nimmt der Großvater nicht an: Melitta hätte sich einen anderen Mann suchen können, und die Arbeit, die einer leistet, solle ihn nicht versklaven. Die eigentliche Schuld sei noch nicht ausgesprochen. Nun beginnt Andreas seine Beichte. Er bezichtigt sich selbst einer größeren Schuld als nur einzelner Fehler, Taten oder Lügen, nämlich der Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit, die ihm zum Charakter geworden seien. Hier überschreitet er die Grenze zwischen individueller und allgemeiner Schuld.

Denn woher kommt die Gleichgültigkeit? „Grenzenlos geworden“, so heißt es bei Broch, „ist der Mensch, sich selber ein verschwimmendes Gebilde, und er sieht den Nebenmenschen nicht mehr…grenzenlos sind die Möglichkeiten unseres Denkens, grenzenloser als die Möglichkeiten des Naturgeschehens, doch wo die beiden Vielfältigkeiten übereinstimmen, da mag es geschehen, dass sie sich zu einer neuen Wirklichkeit vereinigen, grenzenlos auch diese, entfesselt von den Unendlichen des menschlichen Ichs…“ 3

Andreas spricht von der „Zersprengungskraft von Ich und Welt“, damit auf jene sprengenden Erschütterungen, welche die Welt zwischen 1913 und 1933 erfahren hat, anspielend und zugleich den Zeitrahmen von 20 Jahren selbst sprengend, denn es folgt das Wort von der furchtbaren Logik, die eine Welt geschaffen habe, deren Vielfalt uns undurchschaubar – und uneindämmbar in ihren entfesselten Kräften – geworden sei. Die Zersprengungsleistung des modernen Menschen habe ihn gelehrt, wie unentrinnbar das Seinsgeschehen sei, und wir hätten gelernt, es achselzuckend geschehen zu lassen. In literarischer Sprache wird hier ein weiteres Mal eine Kritik an der Moderne geschrieben, die im üblichen Verständnis mit der Aufklärung und der industriellen Revolution begonnen hat. Dass diese Moderne menschliche Bindungen gesprengt hat, ist ein über den Zweifel erhabener Topos von Historikern, Soziologen und Psychologen. Aber der Verlust an Bindung, familiärer Geborgenheit, religiöser oder ethischer Orientierung schlägt nicht unmittelbar in Gewalt um, vielmehr, so sagt es Broch in den Worten der Andreas-Beichte, führe die Undurchschaubarkeit des Geschehens dazu, dass der moderne Mensch selbst „vor dem Morden, das im Gestrüpp der Undurchschaubarkeit allenthalben statthat“, die Augen schließt.

Broch hat den Roman 1950 beendet, als viele Augen gegenüber dem gerade geschehenen Morden geschlossen wurden. Doch was war hier undurchschaubar? Vielleicht das warum, aber nicht das wer, wann und wo des Mordens. Doch der Andreas des Romans gibt seine „Beichte“ im Jahr 1933 in der Rückschau auf die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, in denen offenbar – in seinen Worten – die Undurchschaubarkeit zu einem diffusen Lebensgefühl geworden war. Zu leicht nicken zu Viele beifällig, wenn das Wort von der Undurchschaubarkeit fällt, lässt sich damit scheinbar in gespielter Unschuld das große Feld des Unbehagens in Politik und Kultur benennen. Doch das Unbehagen hätte in erster Linie hier gegen die Phrase selbst sich zu wenden, denn undurchschaubar war das große Ganze des Geschehens zu allen Zeiten. Liegt aber das Elend der Moderne – ob 1914 oder 2014 – gar nicht so sehr in der Undurchschaubarkeit als vielmehr im nur bruchstückhaft eingelösten Versprechen der steigenden Möglichkeiten des Durchschauens, das seit der Aufklärung die Gesellschaften um- und antreibt? Ist nicht die implizite Aufforderung, der Einzelne solle die Unendlichkeit der Möglichkeiten ausschöpfen und gewissermaßen Platz nehmen im Unendlichen selbst, die Zumutung, auf die Menschen mit Angst und Abwehr reagieren? Schafft nicht das unerreichbare Ideal der Transparenz erst jenes Unbehagen, aus dem Menschen dann in die Behaglichkeit des Verstecks – Nation, Heimat, Führer – flüchten, in dem man irgendwie „unter sich“ sein darf? In seiner Beichte spricht Andreas denn auch von der Flucht zurück ins Haus der Mutter, das zur Insel im Unendlichen wird. Lähmung, Einsamkeit, Fatalismus sind die Folge – und Gleichgültigkeit gegen fremdes Leid.

Das Ganze oder auch nur Etwas durchschauen zu wollen: liegt hier nicht schon der Irrweg der Moderne, oder gar schon im Schauen? Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es. Lauert nicht im Machen des Bildes schon die Gewalt, die dem Anderen angetan wird, der ins Bild gesetzt wird, ohne gefragt zu sein? Das Hören sei ein Schauen mit dem Ohr, heißt es so schön. Doch das Hören bedarf immer schon des Anderen, der spricht, während das Schauen den Blick des Anderen auf uns vermeiden möchte – also ohne Rücksicht geschieht und so erst gelingt. In der Beichte des Andreas wird denn auch das Undurchschaubare gebrochen durch ein erneutes Aufflammen der Stimme: „Ich spreche und ich weiß nicht, ob ich selber es bin, der spricht; fast ist es mit, als sprächen andere in mir; die Menschen dieser Stadt, die Menschen dieses Landes, viele und andere Menschen, obwohl ich weiß, dass auch darin kein Unterschied zwischen ihnen und mir besteht, und dass keiner weiß, in wessen Namen er spricht, und ob es das Sprechen seines eigenen Mundes ist, das er hört.“4 Wenngleich dieses Stimmengeflecht als weiteres Merkmal der Verwirrung und Zersprengung der Welt erscheint, so öffnet erst diese Verwirrung das Tor aus der Eintönigkeit heraus – ins Weite der Stimmen der Anderen. Hören kann verwirrend-verwirrt sein, aber niemals rücksichtslos. Meisterhaft übrigens lässt Broch in der ersten von elf Geschichten in den „Schuldlosen“ die Verflechtung der Stimmen als wirres Spiel von Fragen und Antworten einen wilden Tanz aufführen. Es wird geantwortet, wo keine Frage kam, und nichts gehört, wo gesprochen wurde, zugleich aber wird mehr gehört als gesagt wurde. Immerhin aber schwirrt in einer Kneipe des Jahres 1913 der Raum vom Stimmengeflecht, und zumindest einer bemüht sich, zu hören und zu antworten. Dieser Eine – so wird am Ende deutlich – ist Andreas, der später sich dem kathartischen, psalmischen Gesang nicht verschließt, der ihn zur späten Beichte erweicht.

Doch wie schon erwähnt gibt es eine Vorgeschichte – ein Präludium –, und auch eine Nachgeschichte zu den elf Erzählungen des Romans. In diesem Davor und Danach könnte man die politische Pointe des Werks lesen, wäre dies nicht ein zu gewaltsamer Versuch, das Motto „und die Moral von der Geschicht…“ dem Ganzen überzustülpen. Nicht ein „so ist es also gemeint“, sondern eine Fülle an neuen Fragen, die in unsere Zeit unmittelbar hineinspielen, öffnen dieses Davor und Danach – ausgehend vom „Spiel“ mit der Kluft zwischen Schauen und Hören.

Die Parabel von der Stimme: >Zeit, Sprache und Antwortfähigkeit

Im Präludium „Die Parabel von der Stimme“ wird erzählt, wie die Schüler einst zu Rabbi Levi bar Chemjo kamen, „der vor mehr als 200 Jahren hochberühmt im Osten lebte“. Sie fragen ihn: „Warum Rabbi, hat der Herr, dessen Name geheiligt ist, die Stimme erhoben, als Er die Schöpfung begann? Hätte Er mit seiner Stimme das Licht, die Gewässer, die Gestirne und die Erde sowie die Wesen, die sich auf ihr befinden, anreden und zum Dasein aufrufen wollen, auf dass sie allesamt ihn hören und Seinen Befehl befolgen, so hätten sie hierfür schon vorhanden sein müssen. Doch nichts davon war vorhanden; nichts davon konnte ihn hören, denn Er hat es erst gemacht, nachdem Er die Stimme erhoben hatte. Und das ist unsere Frage.“ Der Rabbi reagiert unwillig und ungehalten auf diese Frage und schickt seine Schüler mehrfach mit einer Gegenfrage nach Hause, auf die sie gemeinsam eine Antwort finden sollen. Die Schüler werden stets gelehriger und der Rabbi milder – doch auf die erste Frage fällt es ihnen immer noch schwer, eine Antwort zu finden. Daraufhin erbarmt sich der Rabbi und gibt selbst die Antwort. Also hob er an: „In jedes Ding, das Er, dessen Name geheiligt ist, geschaffen hat oder noch schaffen wird, geht – wie denn auch nicht – ein Teil seiner geheiligten Eigenschaften ein. Was aber wohl ist Schweigen und Stimme zugleich? Wahrlich, vor allen Dingen, die ich kenne, ist es die Zeit, der solche Doppeleigenschaft zukommt. Ja, die Zeit ist es, und obwohl sie durch uns hindurchströmt und uns einschließt, ist sie uns hierbei Stummheit und Schweigen …und je mehr Zeit verflossen ist, desto mächtiger wird uns die Stimme der Zeiten; wir werden mit ihr wachsen, und am Ende der Zeiten werden wir ihren Anfang fassen und den Schöpfungsaufruf hören, denn dann werden wir das Schweigen des Herrn vernehmen in der Heiligung seines Namens.“ 5

Zeit wird in der Sprache gezeitigt, die Sprache spricht die Zeit: Auch die Sprache strömt durch uns hindurch und schließt uns ein, das gesprochene Wort aber verstummt unmittelbar nach dem Gesprochensein, wird jedoch erst im Verstummen bewahrt, gewinnt im Verschwinden seine Bleibe und seine Bedeutung. Ihre Fülle erreichen Worte nur in der Zeit, von der Gegenwart des ersten Gesprochenwerdens und Verstummens, über ihre nachträglich bewahrte Bedeutung bis hin zur zukünftigen Bewährung in den späteren Lesern und Sprechern. Sprache ist, wie Rosenzweig sagt, zeitgebunden. Das Erleben der Zeit ist sprachgebunden. Schweigen und Stimme zugleich: das Schweigen erst setzt die Stimme frei, die ihrerseits voraus-setzt, dass vorher geschwiegen wurde. Vieles, vielleicht das Meiste oder beinah Alles, versinkt ungehört im Strom der Zeiten, vernehmbar erst den Späteren, die nicht zugegen waren, als es gesprochen wurde. Zeitigen von Zeit in der Sprache oder Verbinden durch Trennen: das Sprechen ereignet sich „in einer anderen Zeit“ als das Hören. Wenn hören mehr bedeutet als mithilfe von in Töne übersetzten Zeichen das schon Bekannte zu identifizieren, dann hören wir die Übersetzung des Gesagten in unsere eigene Stimme später als das Sprechen des Gesprochenen, wir hören also zeitversetzt. Das ist offenbar ein markanter Unterschied zum Schauen, beruht dessen Gelingen doch vornehmlich auf der gleichzeitigen Anwesenheit von Schauendem und Angeschautem. In dieser Anwesenheit öffnet sich nur schwer ein Raum für Pausen, Bedenkzeit oder Unterbrechungen, in denen ein Aufschub der Antwort möglich wäre. Die Stimme und ihre Antwort sprechen zeitversetzt. Nicht nur gibt es Zeit, die Antwort aufzuschieben und im Aufschub zu denken, sondern das Gesagte verändert sich im Hören, die Antwort verändert die Frage. Das Wort, das nachgefragt und nachgesprochen wird, ist nicht dasselbe wie dasjenige des ersten Sprechens. Daher die Unsicherheit, ob wir richtig – oder überhaupt etwas – verstanden haben, die Furcht vor dem Missverstehen, die wächst zu einer von Einsamkeit, Schuld, Verletzung. Doch erweist sich nicht gerade diese Furcht und die Erfahrung der Risse und Brüche zwischen Menschen als stärkste Kraft ihrer Verbindung, die immer auch unvermeidlich zerschneidet und trennt? Dieses Schneiden und Trennen zwischen Zeiten und Bedeutungen, heiligen und profanen Worten, Verstehen und Nicht-Verstehen gebietet dem Menschen, besser zu hören, neu zu übersetzen, anders zu fragen, stets neue Worte zu finden oder die alten anders zu sagen – und dies über die Zeiten hinweg, zwischen Anwesenden und Abwesenden. Versiegt diese Anstrengung, droht nackte Gewalt. Dann soll pure Eindeutigkeit durchgesetzt werden, nach Unterwerfung der vielen Stimmen aber herrscht graue Eintönigkeit, die immer neue Gewaltakte hervorbringt. Dies ist der Preis der Klarheit, den jene offenbar zu zahlen bereit sind, die wissen wollen, woran sie sind, und die Durchschaubarkeit der Welt verlangen. Der durchschauende Mensch aber leidet häufig unter Schwerhörigkeit und droht so seine Antwortfähigkeit zu verlieren. Wenn er die Stimmen der Abwesenden wie die der meisten Anwesenden nicht mehr hört, wird auch ihn bald keiner mehr vernehmen. Wo jeder stimmlos für sich lebt, verdorrt der Strom der Sprache, er versickert zur reinen Kommunikation, in der persönliche Ansprache ersetzt wird durch reine Information, die auf imaginären Zetteln ausgetauscht wird, welche ins Grab einer ermordeten Sprache flattern, in der jedes Wort – als nur noch lebloses Zeichen – gleich gültig wird. Dringt man hier zu den Wurzeln der Gleichgültigkeit vor?

Die Stimmen der Anderen: Gastfreundschaft und Nicht-Indifferenz

Je mehr Zeit verflossen ist, desto mächtiger wird uns die Stimme der Zeiten. Zum einen lässt sich dieser Satz als Gebot hören, die alten, heiligen und profanen Texte immer wieder zu lesen, auszulegen und zu übersetzen, wodurch in dieser kommentierenden, schürfenden und bohrenden Arbeit am Text dessen Stimme immer mächtiger wird, da immer präsenter und besser gehört. Zum anderen sind es die Stimmen der nicht mehr Lebenden, die wir, wenn wir sie denn vernehmen, als Stimme der Zeiten hören. Aber bedarf dies nicht der Hörer, der Leser und Schreiber, die den verflossenen Stimmen Gehör geben, indem sie sie nachsprechen oder aufschreiben? Doch wie viele Stimmen sind dann unwiederbringlich verloren und werden nie wieder zu hören sein? Kaum können die wenigen noch hörbaren Stimmen diesen Verlust je ausgleichen. Aber seien wir nicht voreilig, indem wir über das Allgemeine das Besondere gering schätzen oder gar vergessen. Es könnte immerhin sein, dass die Menschen eine neue Art des Hörens ausbilden, in dem die bisher ungehörten Stimmen nicht als die von Toten, sondern von Abwesenden vernommen werden. Jene Stimmen also, die in Briefen, Tagebüchern, Erzählungen und Aufzeichnungen zugänglich sind als sogenannte Zeugnisse. Sind wir es denen, die durch Krieg, Verfolgung Inhaftierung und Folter gelitten haben, nicht schuldig, dass sie gehört werden? Ist es nicht das Mindeste zu verhindern, dass sie durch das Vergessen der von ihnen aufgeschriebenen Worte ein weiteres Mal getötet werden? Warten sie denn nicht immer noch auf Antwort? Was, wenn unser Hören schon Antwort wäre? Ihrer Stimme ein Obdach geben, ihre Stimme zu Gehör bringen heißt zunächst nichts anderes als ihnen die Gastfreundschaft nicht zu versagen, so wie jedes fein gewählte Zitat ein Zeichen der Gastfreundschaft ist. Niemals aber sollten wir anstehen, ihnen ihre Stimme „zurückzugeben“ – das steht uns nicht zu. Wir dürfen ihnen unsere Stimme leihen, als Leihgabe der Tonhaftigkeit, haben aber nicht das Recht, uns an die Stelle der Verstorbenen zu setzen, auch nicht die Macht, das Wort in seiner Abwesenheit zu ergreifen.

„Wir müssen sogar darauf verzichten, diejenigen zu kennen, mit denen uns etwas Wesentliches verbindet….wir müssen sie in der Beziehung zum Unbekannten willkommen heißen, in der auch sie uns in unserer Entferntheit willkommen heißen.“6

Willkommen heißen in der Entferntheit – ein anderes Wort für die Stimme der Zeiten, die zugleich spricht und schweigt? Es wäre anmaßend, für die Anderen, in ihrem Namen sprechen zu wollen. Zudem würde das Wesentliche dann fortgeheuchelt, die Frage nämlich, was wir und wie wir antworten. Ihre Stimmen rufen uns zur Antwort, die das Hören in unsere eigene Stimme übersetzt – vernehmbar als leise Tränen oder im Schreiben eines Textes, im Hören von Musik oder als Erzählung, im Lesen von Texten, im Gespräch mit Anderen darüber, was der Text mit uns macht. Immer aber soll die Antwort unsere ganz persönliche sein – was nur gelingt, wenn wir den Stimmen der nicht mehr Lebenden nicht gleichgültig gegenüber sind, sondern sie als Fragen an uns als Person vernehmen. Der Verzicht, diejenigen zu kennen, mit denen uns etwas Wesentliches verbindet, macht uns wach für die untilgbare Differenz zwischen mir und dem Anderen. Die Nähe, die aus dieser Differenz erwächst, nennt Blanchot „Freundschaft als Beziehung ohne Abhängigkeit“, die

„über die Anerkennung der gemeinsamen Fremdheit, die es uns nicht erlaubt, von unseren Freunden zu sprechen, sondern nur zu ihnen zu sprechen, hinaus…, in der sie noch in der größten Vertrautheit, wenn sie zu uns sprechen, die unendliche Distanz bewahren, jene grundsätzliche Trennung, von der ausgehend das, was trennt, Beziehung wird.“ 7

Die Stimmen bleiben geschieden, aber sie antworten einander, sie verschmelzen nicht, aber beziehen sich wechselseitig aufeinander. Sie anerkennen ihre Differenz in der oder als Verneinung der Indifferenz: öffnet die Stimme des Anderen also die Sphäre der Nicht-Indifferenz gegenüber ihm, den ich nicht kenne, nie ganz verstehe, der mir in größter Vertrautheit fremd bleibt? Entkommen wir erst in dieser Nicht-Indifferenz, erklingend im Wechselspiel der Stimmen, der Gleichgültigkeit?

Die Differenz spielt hinüber in eine Beziehung zum Unbekannten, in der sich die nicht mehr Lebenden und die Lebenden, oder besser die Abwesenden und Anwesenden, sowie auch die Lebenden, also die Anwesenden unter sich, untereinander, willkommen heißen. Liegt das Unbekannte im Wechselspiel der Fragen und Antworten, bei dem wir nie wissen, wer auf welche Weise neue Antworten geben wird?

Warum aber sprechen wir bisher nur von den Stimmen der Abwesenden oder der schon Gestorbenen? In der Parabel von der Stimme wird prophezeit, dass wir mit der Stimme der Zeiten wachsen – dies setzt aber wohl voraus, dass wir diese Stimme, die als „eine der Zeiten“ immer die Stimme von irgendjemand ist, in unserer eigenen Stimme mithören und sie in diese übersetzen. Gastfreundschaft bedeutet hier mehr als nur einen gedeckten Tisch und ein warmes Bett für die Nacht anzubieten, vielmehr ermuntern wir den Gast, unsere Wohnung mit ihm gemeinsam zu nutzen und zu gestalten, d.h. im Resonanzraum unserer eigenen Stimme auch seine zu Wort kommen zu lassen. Insofern hat Andreas aus Brochs Roman Recht: wir wissen oft nicht, wer in uns spricht, doch statt dies als Makel oder Unklarheit zu vertuschen, sollten wir es als Geschenk der Sprache annehmen, die uns in der Vielstimmigkeit des Denkens, Wahrnehmens und Fühlens jederzeit am Sprechen und Denken der Anderen teilnehmen lässt, als wäre es die andere Stimme unserer selbst. Was wäre ein besserer Schutz gegen jegliche Selbstüberhebung? Aber auch gegen Selbstaufgabe: Denn in der Vielstimmigkeit hören wir die eigene Stimme zwar nur als eine von vielen, aber erst im differenzierenden Hören der vielen Stimmen vernehmen wir deutlicher unsere eigene und lernen, auf sie zu hören. In der Vielheit der Stimmen erklingt jedoch auch die Verletzlichkeit, die Unsicherheit, Scham und Schuld, in die wir alle existentiell verstrickt sind. Lernen wir in dieser Stimmenfülle vielleicht besser zu verzeihen? Milder gestimmt Widersprüche zu ertragen? Es scheint, dass im Wahrnehmen der anderen Stimmen in meiner eigenen die Hör- und Antwortfähigkeit des Menschen wächst – als wüchse er selbst mit der Stimme der Zeiten.

All dies gilt in gleichem Maße von den Stimmen der Anwesenden oder noch Lebenden. Zumal doch auch die Anwesenden zumeist abwesend sind. Wenn es sich nicht gerade um engste Familienmitglieder handelt, sind die Lebenden, mit denen wir im Gespräch sind, doch die meiste Zeit abwesend, sie kommen und gehen, wir hören längere Zeit nichts von ihnen, sie begegnen uns nicht bei jedem Zusammentreffen gleich, da sie in ihrer Abwesenheit sich verändert haben. Gewiss: Wir hoffen, das unterbrochene Gespräch mit ihnen jederzeit fortsetzen zu können – aber wissen wir es? Jedes Gespräch mit ihnen könnte das letzte sein, nicht nur wegen der Endlichkeit des Lebens. Die unendliche Distanz, das ständig neue Verstummen des Gesagten, das vom ebenfalls neuen Sagen unterbrochen wird, die Bewegung des Trennens und Verbindens in der Sprache – all dies gilt nicht nur gegenüber den nicht mehr Lebenden, sondern ebenso gegenüber den Lebenden, die wir ebenfalls zu kennen verzichten sollen. Antwortfähigkeit bedeutet ja nicht, die Antwort zu wissen, sondern die Antwort als Frage zu geben, in der die ganze Unsicherheit darüber mitschwingt, was wir wirklich verstanden haben. Wir alle, nach dem Gleichnis des Rabbi, kennen erst am Ende der Zeiten den Sinn der (ersten) gesprochenen Worte – und so erschließt sich in jedem echten Gespräch, wo es um „Leben und Tod“ geht, der Sinn des Gesagten nicht sofort, sondern im Nachhinein, wenn überhaupt – es bleibt also immer ein Schweben zwischen den Bedeutungen, eine Unsicherheit gegenüber dem, was „gemeint“ ist. Zeitversetzt ist unser Sprechen, Hören und Antworten – gegenüber den noch Lebenden heißt dies nichts anderes als: keiner hat (ausschließlich) Recht oder jeder hat (auf seine Weise) Recht. Diese Einsicht ist immerhin ein starker Einspruch gegen jegliche Gewalt dem Anderen gegenüber. Was aber, wenn dieser Andere seinerseits Gewalt ausübt? Lauert nicht in der Pluralität der Bedeutungen auch die Gefahr einer anderen Gleichgültigkeit? Wenn jeder und keiner Recht hat, dann wird der Einspruch gegen die Gewalt der Anderen stumpf. Doch vergessen wir nicht, dass nicht Pluralität an sich und Recht haben an und für sich das Thema waren, sondern Gastfreundschaft und Nicht-Indifferenz. Beide bergen, wenn man sie ausübt, ein hohes Risiko, aber wie anders ist der Gleichgültigkeit zu wehren, aus der irgendwann Gewalt entsteht? Die Frage aber war, ob wir der Stimmen der nicht mehr Lebenden bedürfen? Präzisieren wir: welcher nicht mehr Lebenden und bedürfen wofür? Offenbar doch hoffen wir, dass im Hören auf die Stimmen der nicht mehr Lebenden unsere Abwehr der Gleichgültigkeit gegenüber den noch Lebenden gestärkt wird. Und ferner: im Mittelpunkt standen bisher jene nicht mehr Lebenden, die Opfer von Gewalt, Verfolgung und Vernichtung geworden sind. In ihren Stimmen hören wir den Schmerz, der uns selbst in Frage stellt, wir vernehmen das grausige Verstummen, das danach schreit, aufgehoben zu werden im Zeugnis ablegen. Dieser Schrei ist einer gegen die Nicht-Indifferenz. Aber gerade hier bleibt die Frage: bedürfen wir ihrer Stimmen oder bedürfen sie unserer? Hören wir ihre Stimmen nur, um etwas zu lernen – für den Umgang mit den Lebenden? Das Hören ihrer Stimmen also nur als Mittel zum Zweck? Es klingt wie Entweihung – oder bringt uns dieses Wort selbst in die Nähe einer unbotmäßigen Sakralität? So wie wir ihrer Stimmen bedürfen sie unserer, denn das Zeugnis der Verfolgten, Gemordeten und Gequälten ruft danach, um wirksam zu werden, durch zukünftige Zeugen bezeugt zu werden. Sind wir es ihnen nicht schuldig, selbst zu Zeugen ihrer Zeugnisse zu werden? Vergessen wir im übrigen nicht, dass auch unsere und die Stimmen unserer Freunde irgendwann verstummen, denn die heute Lebenden sind die morgen schon Gestorbenen. Auch wir bedürfen der Gastfreundschaft und der Nicht-Indifferenz.

Stimmloser Blick….

Ein kurzer Blick in die letzte Geschichte von Brochs Roman mag das Gesagte noch einmal anders erhellen, denn in ihr fehlt die Stimme, stattdessen herrscht der Blick. Schon in der ganzen Anlage dieser letzten von elf Erzählungen unter dem Titel „Vorüberziehende Wolke“ dominiert der Raum gegenüber der Zeit. Zwar kommt ein Mann einem Fräulein vom oberen Teil der Straße außerordentlich langsam entgegen – doch woran die Langsamkeit sich misst, wird dem Leser über eine ausführliche Skizze des Raumes (Straße, Platz, Höhe der Häuser, Schloss, Anlage der Seitenstaraßen etc.) nahe gebracht. Dieses ganze Ensemble samt Schloss, Schlossplatz, Kirche und Innenhof der Kirche werden gleichsam zur Bühne eines Ereignisses, das – am Ende nicht stattfindet. Aber die Art des Nicht-Stattfindens führt das „Ereignis“ als eines vor, das man nur als von nun an stets ausstehend bezeichnen kann. Es geht um die – ausstehende – Vergewaltigung des Fräuleins durch den Mann, dem sie auf dem Weg zur Kirche, mit dem Gesangbuch in der Hand, begegnet. Er geht an ihr vorbei – aber sie fühlt von nun an seinen Blick in ihrem Nacken. Blick also statt Stimme. Sie befindet sich von nun an auf der Flucht vor diesem Blick, der sie ängstigt, der etwas Gewaltsames hat, das sie verfolgt. Sie ist in ihrer Angst so getrieben, dass sie nicht in der Kirche bleibt, in der soeben der Gottesdienst beginnt, sondern weiter läuft, um den Verfolger abzuschütteln, sich darauf in den Innenhof der Kirche begibt, sich dort hinter einer Säule versteckend. Das erscheint widersprüchlich, wäre sie doch inmitten der Besucher des Gottesdienstes sicherer gewesen als einsam und allein im Kirchhof, wo sie doch dem vermeintlichen, unsichtbaren Verfolger schutzlos ausgesetzt ist. An dieser merkwürdigen Haltung aber wird die Gleichzeitigkeit von Angst und hoffender Erwartung deutlich, welche das Fräulein bewegt. Zitternd und bebend verbirgt sie sich vor ihrem potentiellen Vergewaltiger hinter einer Säule, zugleich voller Erregung, ihn hier allein zu empfangen und sich von ihm nehmen zu lassen. Broch hat diese Szene als Allegorie auf die Lage im Deutschland des Jahres 1933 geschrieben: Angst und bange Erwartung der Menschen vor dem politischen Verführer, der ihr Vernichter ist. Im Übrigen ein Volk, das rein äußerlich in altdeutscher Biederkeit zwischen Kirchgang und Hoffnung auf den Patriarchen weiter lebt. Unabhängig davon, wie der Leser diese Allegorie empfinden mag, sind in dieser letzten Geschichte der „Schuldlosen“ die Stimmen erloschen, die Welt ist stumm geworden. Scheinbar zählt nur noch der Blick, der bannt, richtet, fixiert, droht oder gleichgültig ins Leere geht. Jeder fühlt sich beobachtet und beobachtet selbst. Wie in einem Labyrinth gibt es kein Entkommen vor dem „bösen Blick“, der auch das Versteck schon belauert.

…..bildloses Schweigen

Vielleicht stellt sich die Alternative zwischen Blick und Stimme heute nicht so radikal – vielleicht auch schon damals nicht. Immerhin kennen wir die suggestive Kraft der Stimme des politischen Agitators. Doch diese erwartet nie eine Antwort außer stimmloser Unterwerfung. Heute jedoch geschieht die bannende Fixierung in ihrer stärksten Ausprägung vermutlich im digitalen Raum, der jedoch Bild und Schrift vereint. Doch das Gewirr der Stimmen, die keine Unterbrechung mehr, kein Schweigen dulden, beherrscht uns vielleicht so sehr wie der unbekannte Blick im Nacken. Gierige Erwartung, überall dabei zu sein, alles zu sehen und zu hören, paart sich mit wachsender Angst, selbst überall gesehen und gehört zu werden. Wird dadurch die Antwortfähigkeit der Menschen nicht gefährlich untergraben? Eine Antwortfähigkeit, derer wir dringend bedürfen, um nicht nur stumme Zeugen der Verfolgten und Exilierten unserer Tage zu bleiben. Keine Wahl ist es, ob wir den Stimmen der Toten oder denen der Lebenden Obdach geben – nur wenn wir beide vernehmen und antworten, wäre ein Bruch der falschen Kontinuitäten denkbar, bevor ein immer Altes im neuen Gewand uns überrollt. Könnte es nicht sein, dass jenes Europa, das einst aus der Erinnerung an die gemeinsamen Toten zu einem gemeinsamen Friedensprojekt sich aufmachte, inzwischen dieser Gemeinsamkeiten sich kaum noch besinnt und sich damit eine neue Gleichgültigkeit ausbreitet? Oder dass die Zeugnisse der Toten uns, trotz aller Bekenntnisse und Gedenkzeremonien, in Wahrheit doch gleichgültiger gelassen haben als wir meinten? Dann hätten wir allen Grund, mit aller Anstrengung auf die Stimme der Zeiten zu hören, um daran zu wachsen.

In der Parabel von der Stimme heißt es: „am Ende der Zeiten werden wir ….das Schweigen des Herrn vernehmen in der Heiligung seines Namens“. Werden am Ende der Zeiten die Menschen – so wie vor Babel – wieder eine Sprache sprechen? Wird diese eine Sprache dann nichts mehr mitteilen außer sich selbst? Diese Mitteilung wäre aber keine, sondern das Ereignis, in dem Sagen, Antworten, Verstehen und Sinn in eins fielen – das Schweigen wäre dann „die Sprache“ am Ende der Zeiten. Den göttlichen Namen zu heiligen jedoch gebietet Schweigen schon jetzt – ein Schweigen, das mehr als alle Worte uns Abwesende und Anwesende in Frage stellt.

Endnoten

1 DER TAGESSPIEGEL vom 8.Juni 2014: „Europa braucht ein Volk“ von Camille de Toledo (LINK)

2 Hermann Broch: „Die Schuldlosen“, Suhrkamp Taschenbuch 1994

3 Die Schuldlosen, S.265/266

4 ebd.

5 ebd., S.9-12

6 Maurice Blanchot: Die Freundschaft, Matthes und Seitz , Berlin 2011, S.371

7 Ebd.

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