Maria Janions „Die Polen und ihre Vampire“ – auch eine Literaturgeschichte der schwierigen Ost-West-Beziehungen in Europa

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Buchcover von Maria Janion "Die Polen und ihre Vampire"

Buchcover von Maria Janion „Die Polen und ihre Vampire“

Bilder lassen sich rasch auswechseln, ob an der Wand oder im Panoptikum – das Polenbild der Deutschen kippte erstaunlich rasch: von einem Volk der Autodiebe und der sprichwörtlichen polnischen Wirtschaft avancierte Polen zum europäischen Nachbarn, der es ökonomisch geschafft hat und mit dem das Wunder der Versöhnung gelungen war. Ob Wunder oder nicht –die inzwischen normale Freundschaft zwischen Polen und Deutschland ist zweifellos erfreulich. Doch wenn Versöhnung nur der Untertitel eines neuen Bildes im Guckkasten der Stereotype wäre? Wenn damit nur gemeint wäre, dass Polen jetzt „endlich im Westen angekommen“ sei, also unsere Werte teile und genauso denkt und fühlt wie wir? Das hieße roter Alarm, das Panoptikum dringend zu verlassen, das nur der Ort des Desinteresses am Anderen wäre. Mit unseren Guckkasten-Bildern üben wir Gewalt über ihn aus, und wir selbst berauben uns der Bereicherung durch die Erfahrung einer anderen Kultur. Vor allem aber: sollten Freundschaft, Versöhnung und Zusammenarbeit nur gelingen, wenn „Alle so werden wie wir“ im Sinne des westeuropäischen Diskurses der Aufklärung, dann wäre Europa nicht nur langweilig, sondern ein Gebilde, das stets neue Grenzen zieht, durch die es sich abschottet. Schon der „gute Nachbar“ Polen gehört eben nicht nur zum Westen, sondern ist genauso geprägt von slawischer Mythologie, byzantinischen Riten, einer besonderen Begegnung mit dem Ostjudentum sowie kolonialen Erfahrungen des europäischen Ostens. Diese Perspektive auf sehr kluge, eigenwillige und feinfühlige Weise dem Publikum nahe zu bringen, ist das Verdienst von Maria Janion, von der unter dem Titel „Die Polen und ihre Vampire“ im Suhrkamp Verlag eine Sammlung scharfsinniger Essays erschienen ist. Spätestens die Krise um die Ukraine zeigt deutlich, wie geschichtsvergessen große Teile der westlichen Eliten sind, dazu noch von der hartnäckigen Weigerung durchdrungen, sich auch nur versuchsweise in die historischen, kulturellen, psychologischen Befindlichkeiten des Ostens einzufühlen. Auch vor diesem aktuellen Hintergrund ist Maria Janions Buch ein wahres Geschenk.

Auf dem Klappentext des Buches wird die Frage gestellt: „wie könnte ein künftiges Europa aussehen, in dem neben Polen auch die Ukraine und Russland ihren Platz finden?“ Dazu gehört eine andere Frage: „Warum existiert sie noch immer, die Kluft zwischen aufgeklärtem Westen und unheimlichen Slawentum?“ Oder wie Janion in einem ihrer Essays zitiert: „Zwischen dem lateinischen Westen und dem byzantinischen Osten verläuft seit 1000 Jahren eine religiöse und kulturelle Trennlinie, die weithin als beständigste Kulturgrenze des europäischen Kontinents gilt“. Aber, und dieser Frage geht sie in ihren Essays nach, kann man die Geschichte der Trennlinie auch anders erzählen, eine alternative Erzählung schreiben, welche diese Grenze auf produktive Weise durchlässig macht? Als Beginn dieser alternativen Erzählung eignet sich Polen besonders gut, befindet es sich doch in einer west-östlichen Position: östlich des Westens und westlich des Ostens. Dieses Dasein im Zwischen werde selbst bei der polnischen Intelligenz häufig geleugnet, da diese immer versucht habe, sich nach Westen zu orientieren und vom Osten abzugrenzen.

Insofern öffnet Maria Janion auch im eigenen Land Wege aus dem Entweder-Oder fester Zuschreibungen. Die Literaturwissenschaftlerin gilt in Polen als intellektuelle Autorität, sie ist nicht nur eine bekannte Romantikforscherin und prominente Vertreterin der Frauenbewegung, sondern hat bereits in den 80er Jahren Autoren wie Foucault, Barthes oder Deleuze durch ihre Übersetzungen in Polen bekannt gemacht. Leider gab es ihre Texte bisher kaum in deutscher Übersetzung – der vorliegende Band ihrer Essays zu Themen der polnischen Romantik, der religiös-kulturellen Trennlinien Europas sowie über das polnisch-jüdische Verhältnis ist also gerade für das deutsche Publikum eine wahre Entdeckung. Der Herausgeberin Magdalena Marszalek, die an der Universität Potsdam Polonistik lehrt, sei Dank, die überdies den Band liebevoll und kenntnisreich einführt. Nicht weniger ist Bernhard Hartmann und Thomas Weiler für ihre einfühlsame Übersetzung zu danken.

Geisteswissenschaften in der Krise

Diesen Topos könnte man als Ausgangspunkt in Janions Werk lesen. Sie erhebt ihre Stimme gegen die in Polen nach 1990 gebräuchlichsten Phrasen von „Transformation und Modernisierung“, deren Wirklichkeit häufig als mediale Revolution sowie als Dominanz der Populärkultur erlebt worden seien. Seit 2005 gäbe es in Polen sogar eine Diskussion zum Thema „Tod der Intelligenz“, in der sich die Krise der Geisteswissenschaften spiegele. Interessant ist nun, dass Janion nicht etwa die Philosophie oder eine irgendwie geartete Kulturwissenschaft als Wegbereiter aus der Krise aufruft, sondern die Literaturwissenschaft. Immerhin könne man die geistige Krise des Landes als eine der Literaturrezeption erleben. Ist das verwunderlich, wenn unter der Übermacht von Bürokratie und wissenschaftlichem Fortschritt die Literatur zunehmend belanglos werde? Das Leben werde zu einem Märchen, „das, ob von einem Idioten erzählt oder nicht, mit Sicherheit nichts mehr bedeutet, weil es jeglichen Sinnes entleert wurde“. Janion kommentiert: „Es ist das Märchen der Reklame, welche die Tür zur magischen Welt des Konsums öffnet“. Unter den Bedingungen der Massenkommunikation, die Sprache auf eine Ansammlung fertiger, floskelhafter Formeln reduziere, in einer Gesellschaft, in der das Fehlen von Originalität zur allgemeinverbindlichen Norm erhoben werde und die Banalität der Medien alles überschwemme, dominiere auch in der Literatur schließlich der mediale Realismus, der im wesentlichen Fernsehreportagen kopiere.

Diese über Polen hinaus treffsicheren Beobachtungen der Verwerfungen zeitgenössischer Kultur führen Janion schließlich zu der Frage, aus welchen Quellen sich eine Erneuerung von Literatur und Geisteswissenschaften speisen könnte, und es folgt der Satz „Ich meine, die Grundlage der Geisteswissenschaften ist die Erzählung.“ Damit wären wir beim Ausgangspunkt, nämlich einer anderen Erzählung der Geschichte Polens und des slawischen Ostens Europas, womit zunächst ein Ausbruch aus den Stereotypen von Messianismus und Märtyrertum gemeint ist, die von der polnischen Romantik bis heute immer in neuer Form erzählt werden. Janion nun erzählt, indem sie erzählen lässt: in ihren Essays zitiert sie unablässig – überwiegend polnische – Schriftsteller und Literaturwissenschaftler aus den letzten 300 Jahren, das Zitierte originell kommentierend, sich dabei eines allzu raschen Urteils enthaltend. Dieses dicht gewebte Netz von Zitat und Kommentaren ist ein Kunstwerk eigener Art, in dem alle dualistisch angelegten Thesen und Themen nie in einem entweder-oder erstarren, sondern immer in ihrem Zugleich gelesen werden möchten.

Vampire und verschwimmende Grenzen

So erscheint Polen nicht nur als Opfer und Märtyrer, das sich, fernab jedweden Gedankens an das Böse, dem Mythos vom idyllisch-sanftmütigen Slawentums huldigt, sondern im Bild des Vampirs, wie es in der polnischen Romantik des 19.Jahrhunderts in der Literatur allgegenwärtig ist, blitzt auch das Motiv blutiger Rache auf. So werden z.B. in manchen Texten die Aufständischen von 1863 zu Vampiren stilisiert, deren Motto lautet: „Mit den Waffen des Bösen vernichten wir das Böse“.

Im polnischen Messianismus, in dem die Teilung des Staates als Opfer für die Erlösung der europäischen Völker aus der Tyrannei erscheint und Polen für die eigene und die Auferstehung der anderen kämpft, finden sich Motive der Gerechtigkeit und Nächstenliebe gepaart mit christlichen Erlösungsphantasien, in denen Polen abwechselnd zur Christus- oder Marienfigur verkitscht wird. Hieran knüpfen sich dann auch Motive des Heroismus und der Völkerbefreiung durch das geknechtete Polen an, die zwangsläufig neben der kitschigen Variante auch zuweilen eine imperiale hervorbrachten. Dies habe sich gegenüber Russland und auch den Territorien der heutigen Ukraine gezeigt. Hier trat Polen im 17.Jahrhundert als Kolonialmacht auf, die mit dem Gefühl kultureller Überlegenheit die Völker des Ostens zu zivilisieren sich anschickte. Aber wieder zeigt sich gerade im Verhältnis zum Osten Europas eine ganz andere Seite Polens, die aus aktueller Sicht aufhorchen lässt. Janion bezieht sich auf Beschreibungen der Grenzlande (kresy) zwischen Polen und dem Wolgaraum – die heutige Ukraine – , welche diesen Raum mit dem ein Gefühl der Unendlichkeit hervorrufenden Ozean vergleichen. Die Grenzen im Osten des europäischen Kontinents seien immer schon weit weniger eindeutig gewesen als die im Westen (!). In den unübersehbaren Sümpfen Südostpolens seien die Grenzen gewissermaßen verschwommen, vor allem im Frühjahr, wenn sich die Landschaft in riesige Seen verwandelte, hinter denen dann irgendwann die ukrainische oder tartarische Steppe begann. Um diese Unermesslichkeit des Landschaftsbildes rankten sich unterschiedliche Mythen – ganz nüchtern jedoch war es äußerst schwierig, in solch einem Landstrich klare und vor allem kontrollierbare Grenzen zu ziehen. So wurde das „Grenzland“ (der Name für Ukraine) – ähnlich wie seinerzeit der amerikanische Westen – zu einem Siedlungsraum für Deserteure, Kriminelle auf der Flucht und Abenteurer aller Couleur. Mit der Zeit entstand hier ein buntes Völkergemisch aus Polen, Juden, Ruthenen, Russen, Tartaren und Kosaken. An diesen Bedingungen brachen sich denn auch alle imperialen Träume eines ethnisch homogenen Großpolen. Das Zerschellen dieser Träume wurde von der polnischen Adelsschicht wiederum romantisch beantwortet: sie identifizierte sich nun mit den Sarmaten, einem Volk ursprünglich iranischer Nomaden, das im Donauraum siedelte. Hier wichen die christlich-messianischen oder messianisch-imperialen Motive der Schwärmerei für den Orient, für seine bunten Trachten und seinen üppigen Lebensstil. Janion berichtet von der paradoxen Situation, als bei der Schlacht um Wien die österreichischen Truppen ihre polnischen Verbündeten teilweise nicht mehr von den türkischen Angreifern unterscheiden konnten, weil Trachten, Federschmuck und Säbel sich zu sehr glichen.

Eine andere Erzählung des Slawentums

Aber wie sieht nun Janions andere Erzählung aus – jenseits oder diesseits all dieser Mythen, historischen Konstrukte und Zuschreibungen? Auf überraschende und originelle Weise verknüpft sie zunächst Edward Saids These vom Orientalismus mit einer Reflexion des Slawentums. Es sei doch höchst erstaunlich, dass die Polen gern ihre slawischen (d.h. vor allem östlichen) Wurzeln verleugneten zugunsten der Betonung, sie seien Teil der lateinischen Kultur. Ganz abgesehen von der problematischen Natur solch essentialistischer Zuschreibungen erhebt sich die Frage, warum z.B. Irland seine keltische Mythologie und Literatur habe erhalten können, während in Polen im Zuge der christlichen Missionierung offenbar die Spuren der slawischen Kultur rücksichtslos getilgt worden seien. Janion spricht in diesem Zusammenhang auch vom „historischen Trauma der slawischen Völker“, das durch eine rein „westlich“ orientierte Geschichtsschreibung weiter schwelt, indem diese das Vergessen der alten Mythen fortschreibe. Hier sieht Janion denn eben auch eine Analogie zu dem von Said problematisierten Umgang der europäischen Geschichtsschreibung des Orients. Die polnischen Romantiker hätten darauf mit einer Verklärung des Slawentums reagiert, woraus aber dennoch interessante Einblicke in das Vergessene, Verborgene und Unterdrückte der slawischen Mythen entstanden – sozusagen als Entwurf einer Gegenkultur. Akribisch und einfühlsam gibt Janion Einblicke in diesen vor 200 Jahren eröffneten Diskurs. Zugleich warnt sie erwartungsgemäß davor, nun etwa der Rückkehr zu einem slawischen Ursprungsmythos als Antwort auf die Verwerfungen der Moderne das Wort zu reden – dies würde nur den Nationalisten und Faschisten in die Hände spielen, in Polen und anderen slawischen Ländern.

Wo aber wäre nun über all diese Gräben, Traumata und Gefahren hinweg etwas zu finden, das die gesuchte alternative Erzählung tragen kann? Janion versucht eine theologische und eine psycho-kulturelle Antwort: auf der theologischen Ebene wäre die Forschung weiter zu treiben, die eine strikte Trennung zwischen byzantinischem und lateinischem Ritus entlang der polnisch-russischen Grenze aufbricht. Es gäbe durchaus eine Reihe von Quellen, die auf einen nicht unerheblichen Einfluss der beiden Missionare der östlichen Kirchen, Method und Kyrill, innerhalb der polnischen Entwicklung zum Christentum verweisen. Janion zitiert in diesem Zusammenhang nicht zuletzt den polnischen Papst, der den lateinischen und den orthodoxen Ritus als zwei Lungenflügeln des Christentums bezeichnete, womit er Wege für eine Überwindung der polnisch-russischen Ressentiments und Feindseligkeiten bereitet habe. Leider sei dieses Projekt von seinem Nachfolger Benedikt nicht fortgesetzt worden – verwundern kann dies kaum. In ihrer eigentlichen Pointe der anderen Erzählung des Slawentums jedoch knüpft Janion an Mickiewiczs Ahnenfeier und ähnliche Bearbeitungen des slawischen Rituals der Trauer und der Erinnerung an und beginnt mit einer kämpferischen Klage: „Nach Europa – ja, aber gemeinsam mit unseren Toten.“ Bemerkenswert, gerade im Lichte der von Timothy Snyder so genannten Bloodlands, die das heutige Polen und die Ukraine als den Raum Europas ausweisen, der in historischen Wellen immer wieder die meisten durch Krieg und Gewalt Getöteten zu beklagen hatte – mit dem Höhepunkt des Mordens während des zweiten Weltkrieg und der Shoah. Janion fährt fort: „Die Zusammengehörigkeit von Lebenden und Toten bildet den Leitgedanken eines Projekts einer aus dem slawischen Ritual der Ahnenfeier erwachsenden Kultur. Nach Mickiewiczs Überzeugung war dieser Gedanke grundlegend für den Existenzmodus unserer Kultur. Eine solche – Nationen, Ethnien und Religionen übergreifende – Gemeinschaft wird nicht durch den Tod unterbrochen, sie unterliegt nicht der Vernichtung durch die Geschichte, die so oft als Prozess des Vergessens erscheint. Das stetig erneuerte und wiederholte Ritual der Ahnenfeier ist die Ewigkeit einer lebensspendenden Trauer – bei uns vor allem der Trauer um diejenigen, die im Kampf um die Freiheit fielen oder von Invasoren und Okkupanten verfolgt wurden.“

Aber bei diesen bleibt Janion nicht stehen. Immerhin habe der entsetzlichste Völkermord in der Geschichte auf polnischem Boden stattgefunden, und sie zitiert Maria Czapska: „…die Ermordung von Millionen von Juden in Polen….das Blut und die Asche der Opfer, die in polnische Erde einsickerten, bilden ein starkes Band, das Polen mit dem jüdischen Volk vereint und von dem sich zu befreien nicht in unserer Macht steht. Auf Polen lastet, wenn nicht die Verantwortung für das Verbrechen, so doch die Verantwortung für die Sühne.“ Aus dieser Verantwortung gewinnt das Trauern für Janion seine Ewigkeit: „Hier gilt nicht das Gesetz von der höchstens ein oder zwei Jahre währenden Trauer. Diese Trauer kann niemals enden….Polen, das Hitler zum Terrain des Verbrechens bestimmte, kann sich dieser Trauer nicht entziehen…das slawische Ritual der Ahnenfeier bezieht auch diese unsere Toten mit ein.“ Auf welche Weise diese Ewigkeit der Trauer lebensspendend sei, wäre Thema für ein eigenes Buch; soviel jedoch mag sich nach Lektüre von Janions Essays dem Leser erschließen: die Verdrängung und das Vergessen von Traumata, Hoffnungen, Grenzdurchquerungen, Mythen und ihren gegenläufigen Narrativen, wie all dies sich in der Literatur wie an keinem anderen Ort zeigt, erweist sich immer wieder als todesspendend.

Polen und Juden

Nicht nur vor diesem Hintergrund scheint es folgerichtig, wenn sich die Hälfte der Essays in dem Band „Die Polen und ihre Vampire“ dem polnisch-jüdischen Verhältnis widmet. Auch hier verfährt Maria Janion feinfühlig differenzierend, wobei sie sich nur nüchtern an die Texte halten muss. Welche Texte? Die Werke und das Leben zweier großer polnischer Dichter des 19.Jahrhunderts, Zygmunt Krasinski und Adam Mickiewicz, – mancher mag sie „die größten“ nennen – dienen Maria Janion als Folie, von der aus die ganze Tragik und das Wirrsal des polnisch-jüdischen Verhältnisses erhellt. Mit ihrer Gegenüberstellung zweier Dichter unterläuft die Autorin ein weiteres Mal Klischees und scheinbar unumstößliche Zuschreibungen. Es gab eben immer schon beide Traditionen in Polen: fanatischen Anti-Semitismus und zugleich ein starkes Gefühl der Gemeinsamkeit zwischen Polen und Juden. Gewiss wurde das letztere meist ins Abseits gedrängt und konnte nur im Verborgenen sich erhalten, was gerade für die jüngste Vergangenheit auch von Janion betont wird. In ihrer detailreichen Textexegese des Werks von Zygmunt Krasinski gräbt Janion alle scheußlichen Stereotypen des Judenhasses aus dem Werk des romantischen Dichters heraus, wonach Juden arglistige Betrüger und Gottesmörder seien, die darüber hinaus Ritualmorde an Kindern begingen. Krasinski scheint von diesen Hasstiraden geradezu kontaminiert zu sein, befindet sich damit aber innerhalb der polnischen Romantik unter seinesgleichen. Erschütternd sind in diesem Zusammenhang jene von Janion zusammengetragenen Zitate verschiedener Autoren aus der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, die ungeschminkt die Auslöschung oder Eliminierung der Juden als einziger „Lösung des Problems“ forderten. Es erscheint fast wie eine Ironie des polnischen Gemüts, dass in einem solchen Klima der am meisten verehrte Dichter Polens, Adam Mickiewicz, im Gegensatz zu Krasinski fast philo-semitische Züge zeigte. Der Leser erfährt hinsichtlich der Person und des Wirkens von Mickiewicz erstaunliche Zusammenhänge: so habe der Dichter nach den europäischen Revolutionen von 1848 ein politisches Manifest veröffentlicht, in dem er die rechtliche und bürgerliche Gleichstellung der Juden gefordert habe; im gleichen Jahr begann er sich Gedanken über einen erfolgreichen Kampf für die Befreiung Polens zu machen, den er nur mit Hilfe der Truppen des Osmanischen Reichs als den stärksten Gegnern Russlands erfolgreich ansah. Mickiewicz verfolgte mit einigen Mitstreitern sogar die Idee einer jüdischen Legion innerhalb der osmanischen Truppen. Mickiewicz habe an eine mystische Union zwischen Polen und Juden geglaubt, da beide ein gemeinsames messianisches Geheimnis kannten: „Unser Land ist der Hauptsitz des ältesten und geheimnisvollsten aller Völker, des israelischen Volkes. Die Vorsehung hat zwei einander fremde Nationalitäten eng zusammengeschlossen“, so lautete das Bekenntnis des Dichters Mickiewicz, für den die Juden die älteren Brüder waren, die er als „Könige des Geistes“ wahrnahm – wie laut Janion Abraham Heschel sie nach der Demokratisierung des Talmud-Unterrichts nannte. Janion erwähnt verschiedene Hinweise darauf, dass Mickiewicz von einer jüdischen Mutter abstamme, so vermutete es auch Gershom Scholem, der sich in einem Aufsatz der 50er Jahre mit Mickiewiczs Idee der Befreiung Israels und aller Völker beschäftigte. Laut Janion wäre es ein interessantes Thema für die Forschung, sich den Parallelen zwischen Scholem und Mickiewicz, der wiederholt als christlicher Zionist bezeichnet wurde, zu widmen. Ungewöhnliche und äußerst überraschende Verbindungen werden hier geknüpft.

Natürlich können in einem solchen Buch die Zitate der Schriftsteller nicht fehlen, in deren Werken die Vernichtung der Juden auf polnischem Boden nach einer Sprache sucht. Dazu gehören sowohl der inzwischen auch in Deutschland bekannte Tadeusz Borowski mit seinem Buch „Bei und in Auschwitz“ als der unbekanntere Calek Perechodnik, der als jüdischer Polizist sich von den Deutschen überrumpeln ließ und tatenlos zusah, wie seine Frau und sein Kind nach Treblinka deportiert wurden. Dieser beklagt die Niedertracht der Polen, die häufig genug flüchtige Juden an die Nazis verraten hätten. Dabei hatte er noch in der 30er Jahren an die polnische Kultur geglaubt und war ein Verehrer Mickiewiczs gewesen. Tragik und Wirrsal der polnisch-jüdischen Beziehungen….man müsste vermutlich hier jene Tragik und jenes Wirrsal mitdenken, das in den ukrainischen und russischen Beziehungen zu den Juden auf nicht weniger Gewaltsames., Paradoxes und Unausgesprochenes verweist. Ohne hier auf ähnlich luizde Weise im Stoff der Literatur und Mythen zu graben, wie es Janion für Polen geleistet hat, wird es in der ukrainisch-europäisch-russischen Krisenlage womöglich kaum die Aussicht auf eine adäquate Diagnose, geschweige denn auf mögliche Auswege geben. Nach Janions Lektüre jedenfalls scheint es, dass West- und Osteuropa nur im gemeinsamen Schmerz weiter und wieder zueinander finden können. Die Literatur ist der Ort, an dem wir lernen, mit dem Schmerz zu leben, ohne daran zu zerbrechen. Dies gezeigt zu haben, ist eines der Verdienste Maria Janions. Ihr Kommentar zu Borowskis Buch „Bei uns in Auschwitz“ schließt denn auch mit den folgenden Worten: „Auschwitz liegt bei uns in Europa. Machen wir aus dieser Tatsache den Kern einer empathischen modernen Tragödie, die gleichwohl – anders als die antike – keine endgültige Reinigung bewirken kann. Es gibt keine Katharsis, nur ein Übermaß an Schmerz und die Empfindung eines Verlusts, der niemals und durch nichts wettgemacht werden kann.“

Maria Janion: „Die Polen und ihre Vampire“, Suhrkamp Verlag Berlin 2014, 48 €

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