„Keine Religion ist eine Insel“ – Erinnerungen an Abraham Heschel bei der Jahrestagung des Zentrums für Jüdische Studien in Berlin

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Warum ist Abraham Joshua Heschel in Deutschland so wenig bekannt? Immerhin hat er in Berlin vor 1933 seinen Doktor in Philosophie erworben und 1936 von Martin Buber die Leitung des jüdischen Lehrhauses in Frankfurt übernommen. Aber während Buber im Nachkriegsdeutschland als großer jüdischer Denker gefeiert wurde, war es um Heschel sehr still, obwohl dieser ein umfangreiches Werk zu Fragen der Philosophie und dem rabbinischen Denken verfasst hat. Liegt das Vergessen seiner Person daran, dass er nach seiner Flucht in die USA nie wieder deutschen Boden betreten hat? Oder war Heschel einfach unbequem? Er ließ sich keiner Richtung zuordnen, er kämpfte als Rabbi in den USA an prominenter Stelle gegen den Vietnam-Krieg, verhandelte mit dem Vatikan und war enger Mitstreiter von Martin Luther King. Aber wären nicht gerade solche ungewöhnlichen Verbindungen eine hörens- und sagenswerte Erzählung gewesen? Vielleicht waren seine Sprache und sein Auftreten zu „prophetisch“? Eine Eigenschaft, die in den 60er Jahren, als unter der Flagge der Systemkritik jedweder Gottesbezug verdächtig erschien, eher Ressentiments hervorrief. Um nicht weiter zu spekulieren: Anfang November war das Thema der Jahrestagung des Zentrums für jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS) ein Zitat Heschels: Keine Religion ist eine Insel. So betitelte der Rabbi Abraham Heschel im Jahre 1965 einen Essay und seine akademische Einführungsrede am „Union Theological Seminary“ in New York.

Die Eröffnungsrede der Tagung an der Berliner Humboldt-Universität wurde von Heschels Tochter Susannah gehalten, die in den USA Religionswissenschaften lehrt. Anwesend waren die Bundesministerin für Bildung Johanna Wanka, die Vizepräsidenten dreier Universitäten sowie weit über 100 Zuhörer. Susannah Heschel gelang es, in 45 Minuten Leben und Persönlichkeit ihres Vaters dem Publikum gleichermaßen aufrüttelnd wie anrührend nahe zu bringen. Das Leben Abraham Joshua Heschels ist durch die Geschichte des 20.Jahrhunderts geschrieben, die er zugleich mit eigener Handschrift fortgeschrieben hat – ausgehend vom Schmerz und der Verwundung hin zu neuen Ufern des Miteinander der Konfessionen und Kulturen.

Susannah Heschel stand nun an dem Ort, wo ihr Vater vor 87 Jahren ein Studium der Philosophie aufgenommen hatte, von Warschau kommend, wo er 1907 als Sohn eines Rabbiners der chassidischen Tradition zur Welt gekommen war. 1932 promoviert Heschel in Berlin mit einer Schrift zum Thema „Das prophetische Bewusstsein“, aber im folgenden Jahr wird ihm unter der braunen Diktatur der Doktortitel wieder aberkannt und er selbst von der Universität verwiesen. Wie schon erwähnt übernimmt er 1936 von Martin Buber die Leitung des Frankfurter Lehrhauses, bevor er im Oktober 1938, unter grausamen Bedingungen, nach Polen abgeschoben und dort interniert wird. Kurz vor Ausbruch des Krieges kann er zunächst nach England fliehen und bekommt dort 1940 die Einladung zu einem Lehrauftrag in den USA, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1972 bleiben wird. Seine in Polen zurückgebliebene Mutter sowie zwei seiner Schwestern und viele Freunde werden von den Nationalsozialisten ermordet, und Heschel weigert sich später, jemals wieder nach Polen oder Deutschland zurückzukehren, da ihn dort Alles an die Schatten der Ermordeten erinnern würde.

In den USA wirkt Heschel als Rabbiner, der stark von der chassidischen Tradition geprägt ist, aber zugleich sucht er trotz Allem, was geschehen ist, das Gespräch mit den christlichen Kirchen. Susannah Heschel betont, dass für ihren Vater nach dem Sieg über die Nazis die wichtigste Aufgabe darin bestanden habe, die Hebräische Bibel zu stärken und zu „retten“ – auch und gerade gegenüber dem Christentum, denn die Religionen wären aufeinander angewiesen, sie könnten in der Isolation und der Abschirmung nicht überleben. Auch dies sei eine wichtige Erfahrung aus seiner Berliner Zeit gewesen, als die christlichen Theologen, mit denen er gemeinsam studiert hatte, nach 1933 ins Schweigen verfielen. Keiner hätte sich um ihn oder die anderen Juden gekümmert, so Susannah Heschel, zumindest einen Telefonanruf hätte er erwartet, in dem man sich nach dem Befinden erkundigt, auch Martin Niemöller habe sich vollkommen gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Juden gezeigt. Umso wichtiger sei es, so die Tochter, ihrem Vater nach dem Krieg gewesen, das gemeinsame Fundament beider Konfessionen in der Hebräischen Bibel gerade auch unter Christen im Bewusstsein zu verankern.

„Keine Religion ist einer Insel“ – so lautete denn auch die Eröffnungsrede zu Heschels Gastprofessur am protestantischen „Union Theological Seminary“ in New York City, die er im November 1965 hielt. Obwohl eine bemerkenswert offene Institution, an der z.B. Paul Tillich jahrelang gelehrt hatte, mussten zunächst die Statuten dieses Theologischen Seminars geändert werden, um einem Juden die Lehre zu ermöglichen. Insofern war dieser Tag im November 1965 für Heschel ein besonderer, wie seine Tochter betont. In diesem Jahr hätten sich aber noch weitere bemerkenswerte historische Wendepunkte ereignet, an denen Heschel beteiligt war: im Oktober 1965 veröffentlichte der Vatikan die Erklärung Nostra Aetate über die Beziehung der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen, die auf judenfeindliche Passagen das erste Mal verzichtet hat. Dazu habe ganz wesentlich ihr Vater beigetragen, so Susannah Heschel. Und im März 1965 fand der berühmte Marsch der schwarzen Bürgerrechtsbewegung von Selma nach Montgomery statt – an der Spitze Arm in Arm Martin Luther King und Abraham Heschel.

Nostra Aetate

„Es war für mich als Kind ein Ereignis dabei zu sein, wenn mein Vater hohe kirchliche Würdenträger zur gemeinsamen Feier des Sabbat zu sich nach Hause einlud“, erzählte Susannah Heschel. Unvergesslich sei ihr geblieben, wie erstaunt, geradezu verblüfft die Priester und Pastoren angesichts der hohen Feierlichkeit des Sabbat gewesen seien. Keine Religion ist eine Insel – Heschel sagte und praktizierte diese Worte zugleich. Als sich 1961 das zweite Vatikanische Konzil auch mit der Frage der Beziehung zu den anderen Religionen, insbesondere dem Judentum, zu beschäftigen begann, wurden vom American Jewish Committee und dann namentlich von Heschel mehrere Memoranden dem Kardinalskollegium überreicht, in denen vor allem zwei Forderungen erhoben wurden. Erstens sollte die katholische Kirche die Behauptung des Gottesmordes – die Juden hätten Jesus ermordet – zurücknehmen, und zweitens sollte sie die Forderung nach Konversion der Juden aufgeben. Dass es für die jüdische Seite überhaupt möglich war, auf solche Weise in die Beratungen des Konzils mit einbezogen zu werden, war dem seit 1958 amtierenden Papst Johannes XIII. zu verdanken, der unter dem Eindruck persönlicher Gespräche mit jüdischen Gelehrten, welche – im Unterscheid zu ihren Familien – die Shoah überlebt hatten, sich um einen Neubeginn der jüdisch-christlichen Beziehungen bemühte. Der Widerstand dagegen war jedoch sowohl innerhalb der Kirche wie auch in der arabischen Welt so stark, dass über drei Jahre kein wirklicher Fortschritt erreicht wurde. Inzwischen hatte 1963 das Pontifikat Paul VI. begonnen, der zwar bei der Arbeit an dem Dokument Nostra Aetate dem Geist seines im Juni verstorbenen Vorgängers folgte, aber auch er konnte den innerkirchlichen Widerstand nicht brechen. So kamen noch im Jahre 1964 entmutigende Zeichen aus Rom, wonach es so aussah, als würde der Vatikan an seiner Konversionsforderung gegenüber den Juden festhalten. „Mein Vater entschloss sich daher, mit deutlichen Worten in das Geschehen einzugreifen“, so Susannah Heschel. Dann zitierte sie aus dem berühmten statement ihres Vaters: „Wie ich wiederholt gegenüber führenden Persönlichkeiten des Vatikan gesagt habe, bin ich bereit, jederzeit nach Auschwitz zu gehen, wenn ich vor die Alternative Konversion oder Tod gestellt werde.“

Vor diesem Hintergrund sei ihr Vater im September zu einer Privataudienz bei Paul VI. eingeladen worden – eine persönliche Begegnung, die schließlich maßgeblich dazu beigetragen habe, dass in der Endfassung von Nostra Aetate jegliche Forderung nach Konversion der Juden gestrichen worden sei. Rabbi Gilbert S. Rosenthal hat vor einigen Jahren das Dokument „Nostra Aetate“ als eine „kopernikanische Revolution im Denken der Kirche gegenüber der jüdischen Religion und dem jüdischen Volk“ bezeichnet. In der Tat habe sich die Absage an jegliche Missionierung der Juden bis zum Pontifikat Johannes Paul II. erhalten, so Susannah Heschel, bevor dann unter Benedikt XVI. die Forderungen nach Konversion wieder lauter geworden seien.

Martin Luther King, Vietnam und die Shoah

Ein weiterer Brückenbau von Insel zu Insel war Heschels enge Zusammenarbeit mit Matin Luther King, den er im Januar 1963 auf einer Konferenz persönlich kennen gelernt hatte. Die beiden prophetischen Persönlichkeiten kamen sich rasch näher, sowohl menschlich und politisch als auch theologisch. Martin Luther King habe in seinen Predigten und prophetisch inspirierten Reden wenig von Jesus gesprochen, dafür vom Exodus, vom Auszug des Volkes Israel aus der Gefangenschaft und den Marsch durch das Rote Meer. Hier hätten Rabbi und Baptistenprediger die gleiche messianische Botschaft verkündet. Wiederum war das Jahr 1965 ein Wendepunkt in der Bewegung für die gleichen Rechte der Schwarzen. Anfang März wurde ein friedlicher Marsch von Selma, Alabama in die Hauptstadt Montgomery von Truppen der Polizei und der Nationalgarde brutal niedergeknüppelt, wobei es zu vielen Toten und schwer Verletzten kam. In die nun einsetzenden Bemühungen, einen zweiten Marsch durchzuführen, bei dem Polizei und Nationalgarde sich zurückziehen sollten, war Abraham Heschel unmittelbar involviert. Seine Tochter erzählt: „Mein Vater war mit 800 Demonstranten vor dem Hauptquartier des FBI in New York versammelt und erhielt schließlich Einlass, um mit den Verantwortlichen zu verhandeln. Als er die Zusage erhalten hatte, den Marsch friedlich passieren zu lassen, flog er noch am selben Abend nach Selma, wo er Arm im Arm mit Martin Luther King diesen historischen Marsch anführte.“ Man erinnere sich: nach diesen Ereignissen des Frühjahrs 1965 unterzeichnete Präsident Johnson den Voting Rights Act, der als Meilenstein in der rechtlichen Gleichstellung der Schwarzen betrachtet wird. Susannah Heschel erinnerte schließlich noch an das enge freundschaftliche Verhältnis ihres Vaters zur Familie King. So habe Loretta King Heschel auch im April 1968 gebeten, die Rede auf der Beerdigung des zuvor von weißen Fanatikern ermordeten Martin Luther King zu halten.

Mit seinen Überfahrten zwischen Insel und Insel, in denen Heschel angesichts von Unterdrückung, Gewalt und Krieg in der Welt über das jeweils Trennende hinweg das Gemeinsame der Religionen sprechen ließ, fand er auch in den eignen jüdischen Gemeinden nicht nur Freunde. Wie Susannah Heschel betonte, wurde er auch von den eigenen Leuten häufig marginalisiert. Doch allen Anfeindungen zum Trotz erhob er seine Stimme dort, wo er das Schweigen nicht ertragen hätte. So gründete Heschel 1963 ein Komitee gegen den Vietnam-Krieg und organisierte Proteste und Demonstrationen. „Als mein Vater“, so berichtete Susannah Heschel, „ einmal gefragt wurde, warum er als Rabbi gegen den Krieg demonstriere statt zu predigen, antwortete er: wenn ich zu predigen versuche, sehe ich vor meinem Auge nur noch vom Napalm entstellte und verbrannte Kinder…..“

Über die Shoah habe er selten in der Öffentlichkeit gesprochen – als er es einmal auf einer mit Martin Luther King gemeinsam abgehaltenen Kundgebung tat, geschah etwas Besonderes: Heschel sprach diesen Teil seiner Rede auf jiddisch. Seine Tochter hatte nun ein Tondokument mit nach Berlin gebracht, um den Zuhörern der Tagung an der Humboldt-Universität Heschels „Kaddish für die Seelen“ auf jiddisch vorzuspielen – ein anrührendes Zeugnis, das tiefe Bewegtheit im Saal hinterließ.

Wir geben hier den Text in deutscher Übersetzung wieder und anschließend geben wir Raum für zwei Texte von Susannah Heschel, die sie uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Kaddish für die Seelen von Abraham Joshua Heschel

Wir fühlen immer noch den scharfen Hieb auf unseren Kopf. Als wenn große Felsbrocken vom Himmel fallen, aber wir begreifen immer noch nicht das ganze Ausmaß des Unglücks und der Katastrophe, die über uns hereingebrochen ist.

Wir warten immer noch auf das Begräbnis, wir sind immer noch nicht bereit zu trauern. Gebrochen, zerstreut, konfus und versteinert leben wir im Chaos. Wir feiern unsere Feste, aber es ist, als hielten wir eine Hochzeitsfeier auf einem Friedhof.

Unsere Vergnügungen sind grotesk und schrill, eben irdische Freuden. Unser Volk wurde durch das Feuer vernichtet, und die Welt hat sich nicht verändert. Die Asche menschlicher Gebeine verströmt keinen Geruch. Die Atmosphäre ist nicht vergiftet – unser Brot ist frisch und unser Zucker süß. Die Schreie von Millionen Opfern der Krematorien waren nie im Radio zu hören – still, husch husch, als ob nie etwas passiert wäre. Wenn wir noch ein Herz hätten, es wäre schon zu Stein geworden. Häufig sitze ich da und frage mich, ob unsere Seelen nicht auch in Flammen aufgegangen sind mit den Leibern von Majdanek und Auschwitz.

Unsere Welt ist gottlos. Auch wir Juden tanzen um das goldene Kalb. Wir haben vergessen, dass wir in einer Welt der Unreinheit leben. Die Zeiten sind düster, wir entzünden nicht einmal die Sabbat Kerzen. Sechs Millionen Juden sind in Rauch aufgegangen – das Blut wird nicht auf Dauer schweigen, aber unser Gewissen ist sprachlos wie eine Wand. Wir sind abgelenkt von den Verlockungen dieser Welt – aber die Märtyrer bedürfen nicht unseres Kaddish, nur wir, wir selbst brauchen jemanden, der ein Kaddish für uns sagt, denn wir haben unsere Seele verloren.

Es geht mir nicht darum, mein Herz zu erleichtern. Wir werden unsere Aufgabe nicht erfüllen, indem wir nur klagen. Unsere Aufgabe ist es nicht, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, sondern eine Antwort auf eine wichtige Frage zu finden: was ist die Aufgabe unserer Generation? Nicht zu vergessen, niemals gleichgültig zu sein gegenüber dem Leiden Anderer.“

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