Der Geist von Al-Andalus – Liebe in Zeiten der Furcht Das Sufi-Festival aus Fès in Berlin

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Mitte August fand über drei Tage in Berlin zum ersten Mal eine europäische „Ausgabe“ des Festival de la Culture Soufie de Fès statt, bei dem die zahlreichen Besucher einen ganz „anderen“ Islam erleben konnten.

Aus dem 9.Jahrhundert stammt die prächtige Fassade eines Umayyaden-Palastes, die zu den Sammlungen des Museums für Islamische Kunst auf der Berliner Museumsinsel gehört. In Zeiten der Furcht wirkt die so genannte Mschatta-Fassade vielleicht noch erhabener, womöglich auch mahnend, angesichts der gegenwärtigen Zerstörung uralter Kunstschätze, und zugleich doch hoffnungsspendend. Ein geeigneter Ort also für ein Ereignis, das, für Mitte August überraschend, viele Besucher angelockt hat: das Festival de la Culture Soufie de Fès, das jedes Jahr in der marrokanischen Königsstadt organisiert wird, ist für drei Tage nach Berlin eingeladen worden und führte sein Publikum mit Tanz, Musik, Poesie und Gesprächen zwischen Denkern aus drei Kontinenten in eine andere Welt. Gekommen waren die zahlreichen Gäste, um zu hören und zu sehen, was eine andere Form des Islam zu erzählen hat, der Sufismus. Eine andere Form des Islam? Oder ist nicht dieser der „eigentliche“ und der „andere“ jener, der die Wahrnehmung in Zeiten einer allgegenwärtigen Nachrichtenflut beherrscht und Angst, Leid und Tod verbreitet? Die Weisheit der Sufis jedenfalls, ihre Spiritualität ohne Dogma ist nach den Worten des tunesisch-französischen Gelehrten Abdelwahab Meddeb ein „Gegengift gegen den islamischen Extremismus“. Nicht zuletzt war der dann im November 2014 verstorbene Meddeb an der Initiative beteiligt, das Festival de Fès nach Berlin zu bringen. Dass es trotz mancher Widrigkeiten überhaupt stattfinden konnte, verdankt es vor allem den Berliner Künstlern Pascual Jordan und Rudolf Prinz zur Lippe. Sie haben im Namen der „Stiftung Forum der Kulturen zu Fragen der Zeit“ fast ein ganzes Jahr nach vielen Seiten daran gearbeitet, die drei Festival-Tage in Berlin zu ermöglichen.

Prinz zur Lippe, der nicht nur als Künstler, sondern als Philosoph und Sozialwissenschaftler u.a. durch seine langjährige Reihe der „Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit“ bekannt geworden ist, hatte beim diesjährigen Festival de la Culture Soufie dort in Fès in seinen Abschlussbemerkungen den Geist der Festival-Tage bereits über das Mittelmeer nach Berlin vorausgeschickt, als er den Sufi-Geist eine Religion der Liebe nannte, welche auf etwas den unterschiedlichen Religionen und Kulturen Gemeinsames, und in diesem Sinne Universelles hin öffnen wolle. Wer das Mittelmeer überquert, sei es ein Mensch oder ein Wort, hofft immer, diese Reise zu überleben. Kann Europa überleben, wenn die Querung des Mittelmeers nicht mehr gelingt, weil sie in einem tödlichen Strudel endet? In einer Grußbotschaft an das Berliner Festival de Fès hat Boutros Boutros Ghali genau diesen für unsere Gegenwart so dramatischen politischen und kulturellen Horizont aufgefächert. Wie schon in seiner Berliner Rede zum Humboldt-Forum aus dem Jahre 2008 forderte er, alle Begegnungen in den Dienst einer „Kultur des Friedens“ zu stellen. Die Premiere des Sufi-Festivals in Berlin sah er als Einladung, mit der Nachbarschaft rund um das Mittelmeer ernst zu machen. Ein authentisches Zeichen unserer Bereitschaft zu gemeinsamem Reichtum aus der Fülle geistiger und menschlicher Begegnungen (das Mittelmeer lebend zu überqueren?). Solch einer Initiative komme umso mehr Bedeutung zu – so Boutros Boutros Ghali –, als die nationalen und internationalen Institutionen sich gegenüber den Krisen der Welt zunehmend nicht gewachsen zeigten.

Auf dem Berliner Festival de Fès war zu erleben, wie sinnlich und farbenfroh „der Islam“ sein kann, in den religiösen Gesängen und Tänzen ist er den Sinnen genauso zugewandt wie dem Geist, das Anderssein des Anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung im Miteinander feiernd. Die Frage, wie diese Bereicherung tatsächlich immer von neuem freigelegt werden kann, stellt sich angesichts der zunehmenden fundamentalistischen Strömungen in der Welt auch für Europa. Kann die Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen gelingen, wenn das „eigene Modell“ – in wenige Schlagworte wie Aufklärung, Wissenschaft, Technik, Marktwirtschaft, Demokratie sich verlierend – als das für die Gesamtheit der modernen Welt einzig adäquate verkündet wird?

Zwei Stimmen aus der ersten Gesprächsrunde des Festivals seien hier vorwegnehmend erwähnt, da sie sozusagen exemplarisch jedwedem Ganzheitsanspruch ein Denken und ein Sich-Bewegen in der Vielfalt entgegensetzten, die das Andere und der Andere schenken können. Sie waren am ersten Tag des Festivals zu hören, dessen Programm an einem anderen Ort in Berlin dargeboten wurde, dem historischen Ensemble des Kunstraums Bethanien in Kreuzberg. Dort gab die Präsidentin der Rumi-Gesellschaft aus Istanbul, Sheikha Nur Artiran, einen ersten Einblick in die Weisheit der Sufis, indem sie in leisen, fast zärtlich gesprochenen Worten sich zur Frage der Beziehung zwischen „Gott“ und „Mensch“ äußerte:

„Alles ist von Gott in Gegensätzen erschaffen, aber das wird häufig nicht akzeptiert…zu verlangen, dass Alle gleich sind, ist gegen die göttliche Natur. Die Andersheit ist das mystische Geheimnis der göttlichen Schöpfung…wenn man den Gegensatz zerstört, dann zerstört man sich selbst.“

Sie erinnerte an die Worte des großen Sufi-Dichters Dschalal ad-Din Muhammad Rumi, wonach es Götzendienst sei, einen Menschen auf ein Bild festzulegen, das der Andere von ihm konstruiere.

Die Stimme aus Istanbul aufgreifend, äußerte sich Rudolf Prinz zur Lippe, der schon für das Humboldt-Forum das überstrapazierte Wort vom „Dialog der Kulturen“ so zu übersetzt hat: Mit- und voneinander lernen für eine gemeinsame Zukunft. Dieses „Motto“ erläuterte er denn gleich zu Beginn sehr anschaulich:

„Ich habe es immer wieder erlebt, dass unsere Freunde in Afrika oder Indien sagen: „Wenn ihr zu uns kommt, dann sucht in unseren Traditionen, was euch inzwischen fehlt und ihr vergessen habt.“ Dazu passt doch wunderbar das Wort Wilhelm von Humboldts: wenn du anders bist, schätze ich dich doppelt, weil du mit mir anders bist.“

Man könnte es eben auch so sagen: in den Dogmen, Prinzipien und fest gezimmerten Begriffen sind alle Kulturen und Religionen unfähig zum Dialog, sie stecken förmlich fest in ihren jeweiligen Betonböden. Ganz anders eine Begegnung, die sich aus den Quellen der Spiritualität speist – ob wir sie Liebe, Mystik, Eingebung, Gnade, Weisheit oder wie immer nennen. Jede Tradition kennt sie, und in ihr aufeinander zu hören und sich aufeinander hin zu bewegen, wäre die Aufgabe unserer Zeit. Sie spiegelte sich in zwei Überschriften, die das Festival de Fès in Berlin trugen: „Die Liebe zur Welt in Zeiten der Furcht“ sowie „Der Geist von Al-Andalus für die Gegenwart“.

Der Geist von Al-Andalus…

Sicher wirkt auch romantische Verklärung mit, wenn wir das Zusammenleben und –wirken von Juden, Moslems und Christen, wie es offenbar vor 1000 Jahren die Kultur Andalusiens geprägt hat, als ausschließlich friedlich und harmonisch idealisieren. Und wenn wir auch die kulturelle Blüte würdigen, welche die Frucht jenes Zusammenwirkens der Denker dreier Religionen seinerzeit gewesen war, so wissen wir zugleich, dass etwas – trotz immer noch lesbarer Spuren – unwiderbringlich verloren ist. Wie also kann man vom Geist Andalusiens für die Gegenwart sprechen? In zwei öffentlichen Gesprächsrunden – im Hause Kunstraum Bethanien sowie im Museum für Islamische Kunst – wurden Antworten auf diese Frage gesucht.

Eingangs stellte Frau Prof. Salamatou Sow aus Niger die Frage, welchen Geist von Al-Andalus man in Berlin empfangen wolle – wobei sich die Frage nicht nur am Wort „welcher“ entzündete, sondern genauso an der Bedeutung des Ortes („in Berlin“). Warum gerade in Berlin und welches Berlin ist hier „gemeint“. (Vorher hatte die Professorin für Sozio-Linguistik und Sufi-Forscherin bereits dargelegt, wie und dass sich der Geist Andalusiens über die Sufis in Afrika verbreitet habe und sich dabei vor allem auf den Philosophen Ibn Al-Arabi berufen.) Rudolf Prinz zur Lippe griff die Frage nach der Bedeutung des Ortes einen Tag später auf, indem er daran erinnerte, dass Berlin vor gut 200 Jahren eine multi-linguale Stadt gewesen sei, in der neben den Preußen auch Juden, Franzosen, Russen und Menschen aus den verschiedensten Kulturen miteinander das Wesen der Stadt geprägt hätten, aus dem heraus dann z.B. die Gebrüder Humboldt ihr Studium der Weltsprachen, Weltgegenden und Weltkulturen entwickelt hätten. Gab es damals in dieser Stadt einen Geist von Al-Andalus? Zumindest begann damals in Berlin mit der jüdischen Aufklärung durch Moses Mendelssohn und seinen Freund Lessing etwas, das bahnbrechend war für die damalige Zeit und das in verschiedenen Phasen immer wieder an die Oberfläche kam – man denke an den Reichtum an Literatur, Kunst, Musik und Philosophie, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von einem wieder multi-ethnischen, kulturell stark jüdisch und russisch geprägten Berlin ausstrahlte. Heute, so Lippe, würden viele junge Menschen aus Israel in die Stadt kommen – ferner wies er auf das Projekt des House of One hin, einem gemeinsamen Haus des Lernens und Betens für alle drei monotheistischen Religionen, zu dem aber auch säkular geprägte Menschen eingeladen seien. Das Festival de Fès in Berlin sei nicht zuletzt auch durch die Zusammenarbeit mit den muslimischen, jüdischen und christlichen Repräsentanten des House of One möglich geworden. Dabei, so Lippe, habe er in Berlin unerwartet freundschaftliche Hilfe in bisher wenig vertrauten Bereichen gefunden, wodurch ihm die Stadt selbst wieder vertrauter geworden sei. Lippes Thema seit vielen Jahren ist die Frage danach, wie die Aufklärung sich über sich selbst aufklären könne. Der Direktor des Festival des Fès, Dr.Faouzi Skali, griff diesen Faden gern auf, indem er eine Geschichte aus dem Sufismus erzählte, und zwar über einen tanzenden Derwisch, eine Kunst, die am Abend vorher im Mittelpunkt der Ereignisse stand, als 30 Derwische aus der Istanbuler Bruderschaft „Tariqa Kalwatiyya“ mit ihren Tänzen und ihrer Musik die Gäste im Kunstraum Bethanien bezaubert hatten. Skalis Geschichte ging in ungefähr so: der Derwisch kommt mit seinem Meister an eine Kreuzung und fragt ihn, in welche Richtung man nun weitergehen solle. Der Meister hält seinen Schüler dazu an, sich tanzend im Kreis zu drehen, nach einer Weile wiederholt er die Aufgabe „Dreh dich, dreh dich, dreh dich“ – und dies passiert noch einige Male, bevor nach etwa zwei Stunden der Schüler vor lauter Erschöpfung der Länge nach hinfällt. Nun zeigt sein Körper – genauer seine Füße – die Richtung des Wegs an, nach der er anfänglich gefragt hatte. Das eben sei ein wunderbares Gleichnis für die gesuchte Aufklärung über die Aufklärung, und so griff Rudolf zur Lippe den Faden der Erzählung auf: wenn die – seinerzeit von den Verfechtern der Aufklärung so hoch gepriesene – Vernunft sich irgendwann immer rascher um sich selbst drehe, werde sie genauso wie der junge Derwisch voller Erschöpfung zu Boden gehen – wo könne sie dann in ihrem Taumel und dem Verlust der Kräfte noch Orientierung gewinnen? Wer hilft der Vernunft wieder auf die Füße, wenn sie es selbst nicht mehr kann, nachdem sie, spröde sich verengend, nur noch die eigene Stimme hören wollte und dabei den Drehschwindel bekam? Um sich erneut zu orientieren und die Richtung des weiteren Wegs zu finden, bedürfe die Vernunft „der Gnade der Spiritualität“, so Lippe.

Damit war ein weiteres Mal die Frage aufgeworfen, was unter Spiritualität zu verstehen sei – aber statt diese Frage direkt, und das hätte wohl einmal mehr bedeutet „mit Definitionen“, zu beantworten, geschah etwas Anderes. Indem die Grenzen der Vernunft auf erzählerische Weise ins Spiel gebracht waren, entfaltete sich statt einer Podiumsdiskussion im üblichen – kontroversen wie gelehrt-langweiligen – Stil eine Bewegung des gegenseitigen Geschichtenerzählens. Um die Zurückweisung purer Dogmatik in den rabbinischen Texten ging es denn auch in der Erzählung von Rabbiner Andreas Nachama vom House of One. Er gab die berühmte Geschichte von den Rabbinen zum Besten, die sich über die Auslegung der Halacha (der Gesetzeslehre) streiten. Dabei werden Bäume, ein Fluss und die Wände des Hauses zu Zeugen angerufen. Als eine himmlische Stimme sich in den Streit einmischt und sich auf die Seite Rabbi Eliesers als dem Gesetzeskundigen stellt, sei Rabbi Joshua aufgestanden und habe gesagt „Die Tora ist nicht im Himmel, wir schenken der himmlischen Stimme keinerlei Aufmerksamkeit. Und an eben diese Stimme gewandt: „Hast Du nicht selber am Sinai in Deine Tora geschrieben, dass die Mehrheit entscheidet?“ Wie habe nun Gott selbst reagiert, als er dieses vernahm? Es heißt dazu: „Zu dieser Stunde hat Gott gelacht und gesagt: meine Kinder haben mich besiegt.“

Eine weitere Geschichte war von der Moderatorin des Podiums, Felizitas von Schönborn, zu hören: eine kurze Fabel des türkisch-persisch-arabischen „Eulenspiegel“ Nasreddin. Dieser tritt darin als Fährmann auf, der einen peniblen Fahrgast zum anderen Ufer transportiert, vermutlich einen selbst-verliebten Professor für Linguistik. Als nämlich der Nasreddin der Fährmann ein Wort grammatikalisch nicht korrekt ausspricht, beschwert sich der Fahrgast und fragt Nasreddin nach seiner Ausbildung. Als dieser ihm zu verstehen gibt, er habe keine Grammatik gelernt, erhält er die patzige Antwort, dann habe er ja sein halbes Leben vergeudet. Nach einer Pause fragt Nasreddin den Gast, ob er schwimmen gelernt habe. Als dieser verneint, sagt Nasreddin: „Sehr schade für dich, dann hast die gleich dein ganzes Leben vergeudet, wenn wir nämlich sinken werden.“

Was bedeutet eigentlich erzählen? Sicher nicht ein fröhliches „drauflos Schwätzen“, indem wahllos Intimes und weniger Intimes aus dem persönlichen Alltagsleben einer lüsternen Öffentlichkeit ungeschützt und unbedacht mitgeteilt wird. Dass der Erzähler auch von sich selbst erzählen kann und vielleicht sogar soll, scheint unbestritten, doch wie? Bedarf es nicht eines scheinbaren „Umwegs“, indem eine Geschichte „aus alten Zeiten“, ein Märchen, eine Fabel, eine Geschichte aus der Tora, dem Koran oder der Bibel, aus der Baghavadgita oder den Volkssagen, die schon bekannt ist und vielleicht nur vergessen wurde, neu und wieder neu und damit ganz anders erzählt wird, woraufhin die Zuhörer sich in diesen alten Geschichten selbst erkennen mögen? Schöpfen sie aus dieser Erfahrung nicht erst die Sprache, in der sie über sich selbst so zu sprechen vermögen, dass ihre Geschichte sich mit denen der Anderen verbindet, sie sozusagen zeitlos und also ewig wird?

Auch dies eine Frage des Sufismus, der damit nur die alten Weisheiten des Orients aufgegriffen hat – oder wie es Prof.Abdellah Ouazzani aus Marokko auf dem Erzähler-Podium formulierte: „Sufismus ist ein Weg jenseits des Konflikts der Religionen, ein Weg der ethischen Bildung, ein Weg der Beziehung zwischen den Menschen, auf dem Spiritualität und Moral harmonisch in der Persönlichkeit zusammenwachsen.“ Dazu trage zweifellos die Kunst bei und nicht zuletzt die Musik. Ouazzanis Erzählung ging über die Erfindung der europäischen Musik in Al-Andalus. Danach habe ein kurdischer Sklave namens Ziryab, der aus Bagdad stammte, die sogenannten Interpretations- und Aufführungsregeln der Nuba im Jahre 822 nach Cordoba gebracht. Zudem habe er neue Instrumente erfunden. In Bagdad war er Schüler des Hofmusikers am Hofe des Kalifen Harum-al-Rachid. Dieser begeisterte sich außerordentlich für die Kunst des Sklaven Ziryab, was dessen Meister in eine solche Eifersucht getrieben haben soll, dass seinem Schüler nichts übrig blieb als Bagdad zu verlassen. Nach langen Irrungen und Wirrungen sei er schließlich 822 an den Hof des Kalifen von Cordoba gelangt, der zwar bald darauf gestorben sei, aber dessen Sohn Abd al Rahman II., der ein noch größerer Musikliebhaber war, habe Ziryab die Möglichkeit eines breiten Wirkens gegeben. So schuf er am Hofe von Cordoba die Grundlagen der sogenannten arabisch-andalusischen oder spanisch-maurischen Musik, die hinsichtlich der Tonarten, Melodienfolgen und Instrumente die griechische, persische, jüdische und arabische Musiktradition aufgriff und weiter entwickelte. Schließlich verdankt die europäische Musikentwicklung seit dem Mittelalter der andalusischen Tradition ihre Richtung: über den Minnesang, die Gesänge der Mönche in den Klöstern bis hin zur Musik der Renaissance und der Klassik bauten die Kompositionen auf den maßgeblichen Stilmitteln der Musik aus Al-Andalus auf.

…für die Gegenwart

Was anderes konnte diese Erzählung fortsetzen als die Darbietung eben dieser andalusisch-arabischen Musik? Die spanischen Musiker Begona Olavide und Javier Bergia – als Duo auf die alte Musik aus Andalusien spezialisiert – gaben ein Konzert, in dem der einfühlsame und melancholische Gesang Begona Olavides von Javier Bergia auf der Gitarre begleitet wurde. Vor jedem der klassisch andalusischen Lieder gab es kurze Erläuterungen, wobei die Sängerin wiederholt ihre Verbundenheit zu der Kultur des maurischen und jüdischen Andalusien bekräftigte. Sie sei selbst überrascht, wie tief diese alte Tradition des Miteinander verschiedener Religionen in ihr Herz eingeschrieben sei, obwohl das alte Al-Andalus mindestens seit 500 Jahren nicht mehr existiere. Aber etwas davon sei offenbar über die Generationen weiter getragen worden – nicht zuletzt gelte es für sie als Spanierin, die historische Schuld gegenüber Juden und Arabern nicht zu vergessen und einen Teil davon abzutragen, indem sie die Kultur von Al-Andalus lebendig halte. So sang sie ein Lied auch in arabischer Sprache, ihren Freunden in Marokko zugewandt, wo sie viele Jahre gelebt hat. Überhaupt scheint auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar der andalusische Funke noch weiter zu glimmen, wovon nicht nur das Sufi-Festival aus Fès Zeugnis gibt, sondern auch die Tatsache, dass Marokko als einziges Land in der arabischen Welt Synagogen unterhält und Juden in führenden Positionen als Berater der Regierung tätig sind. Vielleicht war es auch ein Übersetzen des andalusischen Geistes in die Gegenwart, dass die Botschaften Spaniens und Marokkos gemeinsam die Schirmherrschaft für das Berliner Festival de Fès übernommen hatten. Der glimmende Funke Andalusiens jedenfalls wurde von der ersten Botschaftsrätin Marokkos, Frau Ouafae Sehhar, kräftig angefacht, indem sie mit unüberhörbarer Leidenschaft eine bedeutende Initiative Marokkos im Kampf gegen den islamischen Extremismus hervorhob. In diesem Jahr wurde das neue „Mohammed VI. Institut“ zur Ausbildung von Imamen und Predigern in Rabat eröffnet, in dem nun neben Bewerbern aus Marokko vor allem künftige Imame und Prediger aus diversen afrikanischen und europäischen Ländern ausgebildet werden – und zwar in der Tradition des sunnitischen Sufismus und des „authentischen toleranten Islam“, wobei auch Psychologie und Geistes- und Sozialwissenschaften gelehrt werden. Dieses Projekt verstehe sich explizit als Maßnahme zur Eindämmung des islamischen Extremismus auf dem afrikanischen Kontinent und sei Teil einer übergreifenden Strategie, in der Marokko eine Führungsrolle im Kampf gegen solche Ideologien übernommen habe. Ihr Land – so die Botschaftsrätin – sei auf diese Weise stets bemüht, den Geist von al-Andalus in der Gegenwart auszubreiten.

Zeigt nicht das Beispiel von al-Andalus, wie wir auf beiden Seiten des Mittelmeeres durch Geschichte, Musik und Kunst, Spiritualität und Erzählkunst miteinander verwoben sind? Gibt es also immer wieder Menschen, Länder, Institutionen, die den Stab des Weitererzählens aufgreifen, den Andere verloren haben oder der ihnen gewaltsam genommen wurde? In dieses Wechselspiel von Fortführung, Übersetzung, Verschiebung und Neubeginn kultureller Erzählungen und geistig-spiritueller Verbindungen sind wir in Europa immer schon auf irgendeine Weise eingebunden, meist wohl wenig bewusst und vielleicht auch oft ohne unser Zutun. Durchlässigkeit, Überlappung, Durchdringung und Überschreitung prägen jedenfalls die Wirklichkeit der Beziehungen in Europa und dem Mittelmeerraum. Sind demgegenüber die Abgrenzung, die Festlegung auf vermeintliche Identitäten, die ultimative Unterscheidung nicht nur aus der Angst geborene Phantome zur Abwehr der Unsicherheiten, die aus der vermeintlichen Unübersehbarkeit der möglichen Fülle an Beziehungsgeflechten gespeist werden? Mit Blick auf die Blütezeit des Kalifats von Cordoba zerbröckeln offenbar die so verbissen gesuchten identitären Zuschreibungen des Wir und Ihr. Als die Araber vor 1300 Jahren einen Teil Europas eroberten, brachten sie eine kulturelle Blüte mit, deren Spuren bis heute – sogar noch als verwischte – lesbar sind. 800 Jahre später wurden aus dem Süden Spaniens die sephardischen Juden vertrieben, die bis dahin in kultureller und intellektueller Partnerschaft mit den Muslimen gelebt hatten. Sie trugen ihr andalusisches Erbe nach Südosteuropa, Thessaloniki wurde unter dem Zustrom der Sephardim das Jerusalem des Balkans. Eine nicht unwichtige Mahnung dieser Tage sollte daher lauten: die Völker rund um das Mittelmeer waren ständig auf Wanderschaft, auf der Flucht oder auf der Suche nach neuen Orten der Betätigung. Wer will hier seine Identität durch Abgrenzung bestimmen? Wie kann überhaupt von Identität die Rede sein außer als einem stets in Bewegung und Vibration sich befindlichen Schnittpunkt von Bezügen?

Spiegelungen – nicht nur in Bild und Wort

Ließe sich dieses Vibrieren und Pulsieren in der Begegnung zwischen Menschen und Dingen oder auch in dem Bezug zu sich selbst, dem der Einzelne sich stets neu auszusetzen hat, auch als Bewegung des Spiegelns benennen? Hier ist sicher – mit Blick auf Ovids Geschichte vom Narziss – Vorsicht geboten. Doch könnte man nicht sagen, dass jeder Mensch auf seine Weise den Schöpfer und die Schöpfung spiegelt? So legte es am letzten, sehr bewegenden Tag des Festivals, noch einmal Faouzi Skali aus. Anlass war ein ungewöhnlicher, da erklärtermaßen experimenteller Schlussakt des Festival de la Culture Soufie de Fès in Berlin: ein Gespräch über ein Bild. In der Halbrotonde des Kunstraums Bethanien war ein großes Bild aus dem Genre abstrakter Malerei installiert worden. Es schillerte in Nuancen eines kräftigen Blaus, zeigte Wellen, Risse, Öffnungen, Formen und ebenso ihre Verflüchtigung ins Offene. Einige der Podiumsteilnehmer wurden von dem Künstler und Mitorganisator des Festivals, Pascal Jordan, um einen persönlichen Kommentar zu dem Bild gebeten. Aus diesem Anlass brachte Faouzi Skali aus verschiedenen Perspektiven das Spiegeln ins Gespräch, zunächst wieder mit einer Geschichte: zwei Gruppen von Malern – eine griechische und eine chinesische – sollen an einem orientalischen Hof einen Festsaal jeweils mit einem üppigen Gemälde ausmalen. Sie arbeiten unabhängig voneinander, getrennt durch einen schweren, undurchlässigen Vorhang. Während die Griechen tagelang die prächtigsten Ornamente und Figuren auf die Wand pinseln, begnügen sich die Chinesen damit, die gegenüberliegende Wand zu putzen und blank zu scheuern. Am Ende wird der Vorhang gelüftet, der Herrscher staunt über das einmalige Gemälde der Griechen – und sieht es im nächsten Moment als perfekte Spiegelung auf der gegenüberliegenden Wand.

Bild und Spiegel – was nun spiegelte das ganz in Blautönen gemalte Bild, welches zu kommentieren war? Zunächst hatte Prinzessin Schönborn spontan ein Gedicht über die Farbe Blau verfasst – eindrucksvolles Zeugnis für die Sprachlichkeit der Bilder. Ferner schilderten mehrere der Befragten ihren Eindruck, dass sich in dem Bild Himmel und Erde, die Kraft und Bewegung der Schöpfung und des Schöpfers – ja, das Universum spiegele. Aber, so fragte einer, sei diese Spiegelung auf das Bild beschränkt oder sei es nicht das wirkliche Universum, welches Gottes Schöpferkraft spiegele? Daraus entspann sich ein Gespräch über das Licht – in die erstaunliche, von Vielen geteilte, Einsicht mündend, dass offenbar die abstrakte Malerei am besten das Göttliche widerspiegele, das doch unsichtbar und unnennbar bleibe. Faouzi Skali nannte das Bild denn auch eine Brücke zwischen den erscheinenden und den verborgenen Dingen, wobei er meinte, Moses am Morgen und Jesus predigend am Nachmittag zu „sehen“, wie den Propheten in der Abenddämmerung, in sein Abendgebet versunken.

Sich dem Unsichtbaren und Unnennbaren nähern, nicht um es sichtbar oder benennbar machen zu wollen, sondern sich ihm zu öffnen, es zu empfangen – dies vor allem sei dem Künstler aufgegeben. Rudolf zur Lippe sagt dazu, dass seine Malerei dem Eindruck, in dem bestimmte Energien sich ihm mitteilen, Ausdruck verleiht. Man brauche gar nicht von Spiritualität zu sprechen, wenn einem bewusst wird, dass dies von weit her kommt. Die schließlich aufs Podium gebetene Malerin des Bildes, Prinzessin Ingeborg zu Schleswig-Holstein gab diese spirituellen Erfahrungen der Künstlerin in ihren Worten wider: „Eine Energie umhüllte mich, ergriff mich und führte meine malende Hand, die dankbar dem vernommenen Rhythmus gehorchend, Unsichtbares sichtbar machte, nicht als Materie, sondern als Passage vom Unsichtbaren her.“ Sie bedankte sich bei den Gesprächspartnern, denn das von vielen Augen in ihrem Bild Erschaute sei ein Geschenk an die Künstlerin.

Wie anders kann es eine Künstlerin nennen, wenn in ihrem Bild ein verborgener Schatz wahrgenommen wird, „wie ein Hadith des Propheten“? So sah es Sheikha Nur Artiran von der Rumi-Gesellschaft aus Istanbul, um dann fortzufahren: „Ich entdecke in der Tiefe Gottes Licht, das mich mit Freiheit beschenkt.“ Das Unsichtbare im Namen Gottes nehme alle Dinge in ihrem So-Sein an, nichts werde verurteilt. Dann gab sie den Worten Rumis Raum, der davon gesprochen habe, dass es keine vollendete Schönheit und keine vollendete Unschönheit gäbe – überhaupt könne nichts in dieser Welt als vollendet gelten, da Alles unfertig und also im Werden sei. Und so sei es nur natürlich, dass jeder dieses Werden aus einem je anderen Blickwinkel wahrnähme. Niemand könne für den Anderen sprechen, sondern stets nur für sich. „Lasst alle Eigenschaften einander ergänzen, nehmt alles vorurteilsfrei an“ – diese Worte aus ihrem Mund hallten nach, vielleicht zurück über das Mittelmeer. Dann bekäme die Frage danach, welcher Geist von al-Andalus gemeint sei, und wo er empfangen werden könne, eine weitere Antwort. Zeigt er sich nicht in Werken der Kunst? Kann er damit also an jedem Ort der Welt empfangen werden? Und die Furcht, unheimliche Quelle von Mord und Krieg, bedarf sie nicht vor allem einer Antwort der Liebe, wie sie uns aus der Kunst und Poesie anweht?

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