Die Sprache und das Unnennbare Gedanken zu Jean-Luc Nancys „Das exzessive Sprechen“

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Wie nicht sprechen? Fragte einst Jacques Derrida1 und wagte sich weit hinein in das Feld von negativer Theologie und Mystik, womit er nicht zuletzt den verdutzten Professoren rund um den Erdball zeigen konnte, dass seine Methode der Dekonstruktion keine Erfindung der Postmoderne ist. Wie sprechen? Lautet implizit die Frage eines französischen Philosophen, der in den Spuren von Jacques Derrida sich bewegt: Jean-Luc Nancy. Der doppelte Titel seiner Essay-Sammlung, in dem es nicht zuletzt auch um Sprache und Sprechen geht, lautet „Dekonstruktion des Christentums“ und „Die Anbetung“.2 Verdutzt mag darauf der potentielle Leser blicken: Anbetung und Dekonstruktion – wie passt das zusammen? Es kommt noch ärger, wenn Nancy keck behauptet, dass Monotheismus und Atheismus sich an einem Ort begegnen – der zugleich als Nicht-Ort eines Unnennbaren auf keiner Landkarte zu finden ist. Nihilismus und Mystik in einem Boot, das kontinuierlich zwischen den Ufern der Anbetung und der Dekonstruktion pendelt?

Wie sprechen? Diese Frage erscheint noch dringlicher jenseits des Schweigens, wo der Mensch sich sprechend dem Nichts, dem Unendlichen, einem Gott oder Göttern nähert. In der Sammlung von 20 Essays, welche diese Fragen umkreisen, findet sich ein winziges Zwischenkapitel unter der Überschrift „Das exzessive Sprechen“ (Die Anbetung, S.107 – 110), in dem in verwegen komprimierter Form diesen Fragen nachgespürt wird und dabei – nach meiner Meinung – einer der konzisesten Texte zum Sprachdenken der letzten 100 Jahre entstanden ist. Das genannte Zwischenkapitel beginnt eben mit den Worten „Jenseits des Schweigens“. Kann denn aus dem Schweigen ein neues Sprechen sprießen? Zweifellos aus einem Schweigen, das lediglich Unterbrechung der Rede ist. Aber auch aus einem, das Verstummen genannt wird? Einem Schweigen in Bewegung, das zwischen Verstummen und Stille sowie dem Atmen eines neuerlich sich ankündigenden Sprechens vibriert? Tatsächlich ist die Bewegung nicht nur eines der Themen des Textes – Bewegung zwischen sprechen und schweigen, zwischen hören, schreiben und lesen, zwischen nennen und anrufen, zwischen reden und anbeten -, sondern der Text versucht nachgerade, eine den endlichen Raum und die endliche Zeit übersteigende Bewegung zu sein. Deswegen müsste ein diskursives Lesen und gar ein solches Kommentieren den „Sinn“ des Textes verfehlen. So sei es gestattet, diesen Kommentar sozusagen mittendrin beginnen zu lassen.

Der Körper der Sprache – ankommen….

Woher kommt die Sprache, fragt Nancy, wobei er bereits vorher das in-Bewegung-Sein der Sprache sowie ihr in-Bewegung-Setzen angedeutet hat. Es heißt dann:

„Aber die Sprache hört nicht auf, ihre Bedeutungen in Bewegung zu bringen, sie spielen und zittern zu lassen, und auf diese Weise spricht sie und weiß sich als Sprache: sie ist in der Annäherung, im Bewegten. Woher kommt sie? Von diesem Nicht-Ort, der inmitten der Welt offen ist und von dem aus es sich öffnet und sich bewegt, es ankommt und dieses Kommen unaufhörlich erneut spielt, dieses Nahen und dieses Bewegte, dieses Zittrige, in dem alles ankommt: die Welt, das Leben, der Sinn, die Sache, zufällig, ungewiss, vibrierend, schwankend.“ (107/108)

Die Rede ist von einer Bewegung, die ankommt, ohne je angekommen zu sein, die vielmehr „das Kommen unaufhörlich erneut spielt“. Doch wer oder was bewegt sich auf diese Weise? Ein „es“ schleicht sich ein in den Lauf des Satzes – es öffnet sich, bewegt sich, kommt an -, von dem nicht sogleich ersichtlich wird, worauf es sich bezieht. Auch das Folgende „dieses“ – dieses Nahen, Bewegte, Zittrige – verstärkt zunächst die Ratlosigkeit des Lesers, der die Antwort auf das „Woher“ der Sprache erwartet. Dann scheint sich sowohl die Zuschreibung des „es“ wie auch des „dieses“ wie selbstverständlich zu ergeben: die Welt, das Leben, der Sinn kommen hervor als die Nomina für beide Pronomina. Tatsächlich? Wo aber ist die Sprache geblieben, die jene Sätze eröffnete – nicht zuletzt als Frage nach ihr. Ist sie in der Welt, im Leben, im Zittrigen oder Bewegten verschwunden? Wenn eines Nancys Text uns sagen wird, dann dieses, dass Sprache nicht verschwindet, auch nicht bei Annäherung eines Unnennbaren (das ohnehin, wie wir sehen werden, immer schon in der Sprache ist). Die Sprache ist „in der Annäherung, im Bewegten“, so heißt es. Sie ist demnach in Allem, was erwähnt wird: in der Welt, im Leben, im Sinn, die allesamt sich zittrig, vibrierend, schwankend nähern, ankommen, ohne je angekommen zu sein. Oder ist es nicht vielmehr umgekehrt, dass Welt, Leben und Sinn in der Sprache ankommen, die zittrig, vibrierend, schwankend sich – der Welt und dem Menschen – nähert? Das Entweder-Oder zersprengt sich selbst, ausgehend vielleicht vom Nicht-Ort, der Name für das nicht Feste, eben das Zittrige und Vibrierende zu sein scheint, das nie an (s)einem Ort ist, da stets in pulsierender Bewegung. Sprache und Welt und Leben kommen also offenbar alle von diesem „geheimnisvollen“ Nicht-Ort, der „inmitten der Welt“ liegt. Heißt das nicht, er ist überall, Raum und Zeit durchflutend, zugleich die gewohnten Koordinaten das nebeneinander und nacheinander sprengend und aufhebend? Das Ungenügen, wenn nicht der Mangel unserer Sinne und unseres Bewusstseins verhüllt uns die Wirklichkeit einer Welt in Bewegung, in Vibration. Die Hülle zu lüften, forderte ein Hinabtauchen ins Feinstoffliche, Ätherische, dem der Mensch nicht gewachsen scheint. Ankommen ohne angekommen zu sein: man denke an eine Nebelwand, die „ankommt“, und wenn wir meinen, sie sei da, verschwindet sie, um im nächsten Moment in anderer Gestalt wieder „anzukommen“. Die Stimme vibriert, feinste Tröpfchen bilden sich und lösen sich im Hauch des Atems – Vibration und zittriges, schwankendes Ankommen als Balancieren auf der Schwelle zwischen feinster Materie und dem fast Unstofflichen, ein Balancieren, das zugleich als ständiges Übertreten der Schwelle nach allen Seiten sich zeigt. Sobald Sprache sich im Bestimmen, Benennen und Bedeuten erschöpft, schickt sie sich an, solcherart Vibration zu ersticken. Eben dies geschieht, wenn Sprache zum Zeichensystem, zum Apparat reiner Mitteilung, zum bloßen Instrument der Verständigung reduziert wird. Wenn sie aufhört, zu vibrieren, zu zittern und zu spielen, gefriert in ihr die Welt und das Leben. Sprache, die vibriert, die zittert und spielt, ist offenbar etwas Körperliches, wie es sich im Atmen und im Sprechen als Bewegung und Ausfluss des Feinstofflich-Ätherischen zeigt.

Hier – an diesem Nicht-Ort, der das Wort „hier“ doch gleich wieder fade werden und an der Schwelle des Ätherischen abrutschen lässt – bewege sich laut Nancy alles im Ungewissen, und so kann Sprache auch nur im „paradoxen Vertrauen auf ihre eigene Ungewissheit“ sprechen. „Dieses Vertrauen…..geht von vornherein jenseits jeder Zuversicht in die Bedeutung und in einen letzten Sinn jenseits aller Zeichen“, so Nancy, wobei dieses „Gehen jenseits“ wohl als ein „sich Bewegen jenseits“ zu lesen ist, um der Gefahr zu entgehen, doch wieder einen „letzten Sinn“ hineinzulegen, der ja gerade vermieden werden soll. Worauf kann ein solch paradoxes Vertrauen ins Ungewisse sich gründen? Zu finden scheint es erst „jenseits des Schweigens“ zu sein:

„Jenseits des Schweigens zur Sprache zurückzukehren bedeutet, noch einmal ganz nah an die Sprache heranzugehen, an das, was in ihr weder erklärt noch nennt und doch bei Annäherung eines Unnennbaren nicht schwindet.“ (107)

Wie schon oben angedeutet: die Sprache verschwindet nicht, auch nicht gegenüber dem Unnennbaren, denn wo anders als in der Sprache sollte dieses sein Ort/Nicht-Ort haben? Ist es dieses Nicht-Verschwinden, das der Sprache ein paradoxes Vertrauen schenkt, auch und gerade angesichts ihrer Inadäquation und der Ungewissheit ihres Sprechens? Doch zunächst geschieht etwas Anderes: beginnt das Kapitel mit den Worten „Jenseits des Schweigens“, das schon dort nicht als Schließung – als tiefes, schweigsameres Schweigen – zu verstehen ist, sondern als Sprungbrett, um zur Sprache zurückzukehren, kehrt der Text selbst auf diesen Anfang zurück, dabei den Weg vom Schweigen in die Nähe, ja Intimität der Sprache nachzeichnend.. Ganz nah an der Sprache, mit dem eigenen Körper ihre Intimität als ebenso wärmenden, atmenden Körper spürend: geschieht dies erst dann, wenn die erste Welle des Schweigens, des Verstummens angesichts eines Unnennbaren, verebbt und sich zart die Möglichkeit erneuten Sprechens andeutet? Rückkehr zur Sprache: die nun nicht mehr benennt, erklärt und somit in der Gefahr des Fixierens und Totstellens erstarrt, sondern sich aus dieser Verkrampfung löst, dabei so „frei“ wird, auch das Unnennbare in sich zu tragen und nicht davor zu verschwinden. „Und doch bei Annäherung eines Unnennbaren nicht schwindet“ – in diesem „und doch“ scheint sich die ganze Spannung des Ankommens, das nie angekommen sein wird, zu manifestieren, die Vibration der Schwelle und auf der Schwelle. Spricht in diesem „und doch“ nicht eine doppelte Auflehnung der Sprache? Zum einen gegen die Zumutung, nur zu erklären und zu benennen, zum anderen gegen die „Bedrohung“ durch das Unnennbare – als ob dies außerhalb ihrer selbst existieren könnte? Tatsächlich schiene es geradezu demütigend für die Sprache zu sein, müsste sie vor dem Unnennbaren „kapitulieren“. Was bliebe auch von ihr, wenn sie lediglich Namen und Begriffe auf Dinge zu verteilen hätte? Wäre sie nicht ein grammatikalisch geschmückter Aufguss des Denkens in einfachen Gleichungen nach dem Muster A=A, in dem die Variation A=B =C etc. lautete? Hieße dies nicht ein Schwinden der Sprache? Anders gefragt: zeigt sich nicht erst darin der Charakter der Sprache, dass sie sich auch gegenüber dem Unnennbaren – in ihr – „behaupten“ kann? Behaupten meint immer auch überragen, emporrecken, was in etwa dem über sich Hinausgehen entspräche, was Nancy als das exzessive Sprechen bezeichnet. Es hat einen Zugang zu dem Exzess, der sich im unaufhörlichen Spiel des Ankommens, des Vibrierens, das ja ein fortwährendes Über-sich-Hinausgehen darstellt, einen Zugang zu diesem Draußen, dem Unerreichbaren und Irreduziblen, weil dieses Sprechen selbst exzessiv ist, indem es jenseits seiner selbst spricht. Warum jenseits? Meint dies womöglich lediglich „die andere Seite der Sprache“? Jene, die jenseits der „uns zugekehrten“ Seite, auf der sich das Nennen und Erklären abspielt, sich „verbirgt“? Doch verbirgt sie sich oder hören wir nicht genau hin? Verstopfen wir uns womöglich sogar die Ohren vor dem Unnennbaren in der Sprache und verbauen uns so einen Zugang zu jener Gegend jenseits des Schweigens, in der weiter gesprochen werden kann? Eine andere Seite, aber nicht „im Jenseits“, sondern sehr wohl „im Diesseits“, nur jen-seitig? Doch in diese Überlegungen ist plötzlich ein „uns“ hineingeschlüpft, während bisher von der Sprache, die sich selbst spricht, die Rede war, aber von keinem weiteren sprechenden Subjekt. Tatsächlich lässt sich Nancy Zeit damit, über die Sprache, das Schweigen und das Sprechen hinaus einen „Sprechenden“ in seinen Text einzuführen. Es geschieht erst im zweiten Drittel – dort, wo das Sprechen/die Sprache den Zugang zum Exzess öffnet: „…ein Zugang, der durch den „Menschen“ hindurch und über ihn hinaus offen ist auf die Gesamtheit der Seienden der Welt und auf das Draußen…..“ (108)

Rechenschaft und Verschwinden – Mensch und Gott

Der Mensch in Anführungszeichen: gewinnt also die Sprache den „Zugang zum Exzess“ durch dieses Wesen, das im Modus des „sozusagen“ auftritt? Wird der Mensch hier zur „Durchgangsstation“ für das Zittrige und das Vibrieren der Sprache, quasi ein Schlauch, der etwas von einem Ort zum anderen hindurch leitet? Er hatte sich angemaßt, die Sprache zu seinem Medium zu machen und hat dabei vergessen, dass vielleicht er das Medium ist für die Sprache. Tatsächlich kann man nicht sicher sein, ob der Mensch spricht oder – als von Sprache Durchflossener – gesprochen wird. Wird der Mensch nicht von Anbeginn seines Lebens mit Worten gefüttert, an denen er wächst? Tatsächlich nimmt er Sprache als Nahrung auf, bevor er das Gehörte und Aufgenommene wieder abgibt. Spricht er oder wird er gesprochen? So setzt Nancy auch im Folgenden erneut Anführungszeichen:

„…der Mensch, der „Sprechende“, existiert im Namen von, zugunsten von und man könnte sogar sagen aufgrund der Gesamtheit der Seienden der Welt: Davon empfängt er seinen Daseinsgrund als der, der von der Welt Rechenschaft ablegen soll.“ (108)

Nun öffnet sich eine neue Dimension, es bleibt nicht beim Durchströmen der Sprache durch den Menschen. Sprache und Sprechen sind dem Menschen gegeben, damit er Rechenschaft ablege. Dies verlangt offenbar mehr als ein passives Gesprochenwerden. Oder ist dies gar nicht als reine Passivität zu verstehen? Wie aber sprechen, wie Rechenschaft ablegen, wenn die Welt, das Leben, die Sache, der Sinn nur sind, indem sie über sich selbst hinausgehen, nur sind im Exzess? Soll der Mensch davon Rechenschaft ablegen, kann er dies doch nur, wenn er ebenfalls aus und über sich hinaus geht. Nichts Anderes geschieht in einem – nicht monologischen, nicht von der Inkontinenz des Redeflusses kontaminierten – Sprechen: der Mensch verlässt, während er spricht, sich selbst – zum Anderen oder zum Text hin: das exzessive Sprechen. Doch der Mensch soll Rechenschaft ablegen – heißt dies nicht, er wird zurückgeworfen auf das Feld von Erklärung, Begründung, Bedeutung und Sinn? Also in eine Gegend, die vor dem Schweigen und nicht jenseits davon liegt, in der die besondere Intimität der Sprache sich – nach dem bisher Gesagten – noch gar nicht erfahren lässt? Nancy spitzt es tatsächlich so zu:

„Er (der Mensch, F.H.) soll einen Grund angeben für das Grundlose, das Zufällige, Erratische….eine Vernunft, die nicht unvernünftig, sondern vielleicht ent-gründet, ohne begründende Vernunft ist.“ (108)

Der Mensch ist damit in den Bezug zum Grundlosen gestellt – er lebt sozusagen in diesem Bezug. Somit wäre er also aufgerufen, etwas zu tun, was gar nicht getan werden kann. Er soll mit der Zuversicht sprechen, als könnten seine Worte Bedeutung und Sinn enthalten, schaffen oder bezeichnen, während zugleich gerade diese Zuversicht in der Vibration der Worte, in ihrem ständigen Exzess über sich selbst längst ad absurdum geführt wurde. Wird so die Aufgabe, Rechenschaft abzulegen, nicht zu einer Zumutung? Scheint der Mensch diese Zumutung nur ertragen zu können, wenn auf irgendeine Weise „Gott“ ins Spiel kommt? Nancy vermeidet die neuerliche Setzung von Anführungszeichen, indem er selbst nichts von „Gott“ sagt, sondern stattdessen einen anderen sprechen lässt, den Mystiker Ibn Arabi: „Alle in der Welt anwesenden Wesen sind gleichermaßen mit Gott verbunden, aufgrund des in den Menschen gelegten Vertrauens, das er verwahrt.“

Die Gottesfrage ist aufgeworfen, aber Nancy tut zunächst so, als hätte er nichts davon gesagt. Er lässt einen Anderen sprechen. Und doch nennt Nancy einen Namen – statt Gott nennt er jedoch das Wort:

„Dieses in den Menschen gelegte Vertrauen, das er verwahrt, ist das Wort, das Sprechen, ist die Öffnung des Sinns – Öffnung, der keine Schließung folgt.“ (108)

Die Schließung: in seinem Essay über die Anbetung gibt Nancy ihr verschiedene Namen, so z.B. „Sinn des Lebens“, „Sinn der Geschichte“, „Heil“, „Glückseligkeit“ oder „ewiges Leben“. Die Anbetung dagegen richtet sich an eine Öffnung, der keine Schließung folgt, somit an ein Unendliches, das auch als unendliches gegenseitiges Verweisen zu lesen ist. Erhält auf diesem Wege die Rechenschaft eine andere Bedeutung? Immerhin erscheint der Text von Nancy in einem Band mit dem Titel „Dekonstruktion des Christentums“. Auf subtile Weise wird hier der christliche Gedanke der Rechtfertigung des Menschen vor Gott dekonstruiert. Rechenschaft kann, sobald die Öffnung ohne Schließung gedacht wird, kaum noch als Rechtfertigung gelesen werden, die stets schließt, bis hin zum „Letzten“. Rechenschaft als exzessives Sprechen hieße eben das immer neue Sprechen in schier endlosen Variationen über das Thema des Grundlosen, neu in Schwung gebracht wie ein Kreisel, eine Schiffsschaukel –das Pendelnde entspräche der Bewegung des ständigen gegenseitigen Verweisens. Nancy unterscheidet zwei Modi des exzessiven Sprechens: das grenzenlose Sprechen, das „in der Üppigkeit der literarischen Erfindungen und im Wuchern der Diskurse“ sich verausgabt und das unendliche Sprechen, das schließlich in ein hörbares Schweigen übergeht, „in dem es nichts mehr zu vernehmen und zu verstehen gibt“. (109) Hier schiebt sich erneut die Körperlichkeit von Sprache und Sprechen in den Vordergrund, indem Nancy von einem Murmeln, einer Reibung der Stimme an sich selbst und der äußersten Intimität der Stimme spricht, das auch ein Seufzen von Leid oder Lust, ein Hauch von Sinn sei. Nichts anderes geschehe in der Mündlichkeit der Anbetung – in der Öffnung des Sinns, der keine Schließung folgt. Keine Anbetung im Sinne des Götzenkults, der Vergötterung oder Idolatrie ist hier gemeint, sondern die Befreiung dieser Bewegung aus ihrer Schließung, die Vollendung der Bewegung, die eben nicht vollendet werden kann – hin auf das Offene, das Weite, das Nichts…

Weiter heißt es: „Das besagt: es sind die Götter, die uns sprechen machen“. (109) Unvermutet überfällt Nancy den Leser mit jenem „das besagt“, als ob nichts unzweifelhafter wäre. Was wird besagt? Dass für die Erklärung des körperlichen Exzesses – der Ekstase ?- des Atmens, Hörens, Murmelns, Lallens, Stimmereibens und Seufzens nur der Name „die Götter“ einfällt? Oder sind es die Götter, die uns die Sprache gegeben haben? Machen sie uns sprechen, indem sie uns den Hauch des Atems einflößen? In jedem Fall – wie schon gesagt – durchströmt die Sprache den menschlichen Körper und ist damit nicht nur ein intentionaler Akt. Erneut wirft Nancy die Frage nach dem woher dieser auf uns zukommenden, uns erfüllenden und durchströmenden Sprache auf. Statt des Nicht-Ortes nennt er es nun „die Götter“, das Draußen: in seiner Überwältigung des Staunens und der Not des Nicht-Wissens ruft der Mensch die Namen von Göttern, erzählt die Mythen ihres Wirkens, Geschichten, die unmittelbar, obwohl fiktional, als Wahrheit für den Hörer erfahrbar werden. Dabei erfährt er sich als jemanden, der von irgendwoher „sprechend gemacht“ wurde. „Die Götter“ selbst bleiben stumm.

Sobald dies geschehen ist, schafft sich der Mensch einen sprechenden Gott, den einen Gott des Monotheismus, der laut Nancy „ausschließlich sprechend repräsentiert wird“ – um gerade darin zu verschwinden. Offenbar bezieht sich das „darin“ auf das Sprechen. Aber wessen Sprechen, das des Menschen oder das Gottes? Verschwindet Gott, indem über ihn mit Namen und Adresse gesprochen wird? Oder verschwindet er, indem er nach dem Bilde des Menschen von eben diesem sprechend gemacht wird, und sich damit die Entwicklung umkehrt, nachdem zunächst der Mensch von den Göttern sprechend gemacht wurde?

Zunächst einmal: wenn „Gott“ eine Konstruktion des Menschen ist, die – kaum dass er selbst sprechend gemacht wurde – ihn, Gott, als sprechenden auftreten lässt, beraubt er ihn in doppelter Hinsicht seiner Göttlichkeit. Zum einen durch den Akt der Konstruktion selbst, die man auch als Projektion bezeichnen könnte, indem der Mensch sich einen Gott nach seinem Ebenbilde erschafft (um später den umgekehrten Werdegang zu behaupten) – zum anderen, indem diese Projektion sich im Sprechen manifestiert, das doch den Menschen auszumachen scheint, so dass auf diese Weise Gott in das „Wuchern der Diskurse“ hineingezogen wird. Ein Gott nach dem Bilde des Menschen kann nicht anders als zu verschwinden – in oder hinter die Maske des sich selbst überhebenden Menschen. Das Sprechen Gottes wäre also nichts anderes als das Sprechen des Menschen von oder über Gott, in dem dieser verschwindet, da er Mensch geworden ist.

Dies ist eine der Weisen, in denen Nancy von der Dekonstruktion des Christentums spricht. Der Mensch gewordene Gott ist eben deswegen kein Gott mehr, weil er (auch) Mensch ist – und so nähern sich sogar Monotheismus und Atheismus einander an, so in etwa lautet eine der Thesen Nancys. Damit aber wäre die Frage nach dem Verschwinden Gottes nur nach einer Seite hin beleuchtet. Um den oben aufgeworfenen Fragen näher zu kommen, scheint „der Blick“ auf den jüdischen Monotheismus eine weitere Perspektive zu öffnen.

In bestimmten Strömungen des jüdischen – oder besser rabbinischen -Denkens verschwindet Gott auch in der und hinter der Sprache, jedoch, wenn man von bestimmten Strömungen der christlichen Mystik, die vom verborgenen Gott sprechen, absieht, auf vom Christentum deutlich unterschiedene Weise. Liest man z.B. Derrida „rabbinisch“, oder bezieht die Lektüre von Edmond Jabes als wichtigen Dichter-Denker des modernen Judentums in die Lektüre mit ein – und dies scheint für ein Verständnis Nancys im Umfeld des in Frankreich geführten Diskurses unumgänglich -, erhellt die fragliche Textstelle in anderem Licht, in der vom Verschwinden Gottes die Rede ist.

Der/das Unnennbare

Aus der jüdischen Mystik ist die Figur des Zimzum bekannt, wonach Gott sich im Akt der Schöpfung zurückzieht – oder anders gesagt: er offenbart sich, indem er sich verbirgt. Diese Dialektik von Enthüllen und Verbergen hat die rabbinische Hermeneutik tief geprägt. Aber Verbergen ist etwas anderes als Verschwinden – und das Verbergen Gottes geschieht nur als die andere Seite seiner Offenbarung. Die Spur des Verschwindens jedoch, von dem Nancy spricht, führt tatsächlich auf die Sprache, oder soll man sagen, sie verläuft in der Sprache? Auch hier ergeben sich erstaunliche Parallelen zwischen kabbalistischer Mystik und modernem jüdischen Denken: Die Buchstaben des hebräischen Alphabets – mit all ihren Einbiegungen, Häkchen, Krümmungen – bilden in der Kabbala die Gestalt Gottes. Demnach wäre Gott (dessen Name nicht genannt werden kann) ein anderer „Name“ für die Thora und hierin fände das post-moderne Diktum seine Entsprechung, wonach es nichts außerhalb des Textes gibt. Text oder Buch: nach rabbinischer und kabbalistischer Auffassung ist die erschaffene Wirklichkeit das von Gott geschriebene Buch. Edmond Jabes spiegelt diese Tradition in seinem Werk für die Moderne wider, wenn er z.B. schreibt:

„Es gibt in der jüdischen Tradition einen Text, der sagt, dass Gott die Welt auf das Buch gegründet hat, das Buch und die Erzählung.“ 3

Wie jeder Schriftsteller, so müsse auch Gott, indem er schreibt, so sehr Buch, so sehr Wort werden, dass er nichts anderes mehr ist als das Wort, das sich erzählt. Indem Gott Wort – als Name für Sprache und Sprechen – wird, „verschwindet“ er offenbar darin. Ist es nicht frappierend, dass, während der Gott der Monotheisten in der Sprache verschwindet, die Sprache selbst – bei Annäherung des Unnennbaren – nicht verschwindet? Sie behauptet sich gegenüber oder vor dem Unnennbaren. Doch woher kommt dieses „Unnennbare“? In Nancys Erzählung scheint zwischen Gott und Sprache eine dialektische Beziehung des einander Durchdringens sich zu manifestieren. Der Weg über die Götter, die den Menschen sprechend machten, zu dem Gott des Monotheismus, der in der Sprache verschwindet erscheint fast unumgänglich, um das „Unnennbare“ hervorzubringen. Entfaltet sich aber nicht erst an der Reibung mit dem „Unnennbaren“ die Sprache? Tatsächlich ist es Juden untersagt, den Namen „Gott“ zu nennen, denn ER ist unnennbar. Durch sein Verschwinden in der Sprache wird er selbst namenlos, er, der in allen Worten, in allen Namen gesprochen wird, wird selbst Name, der Name „Gott“ verschwindet im Wort Namen, hebräisch ha’Schem. Derjenige, dessen „Gestalt“ sich als die Buchstaben der Tora – als das Buch der Welt – eingeschrieben hat in das Buch der Welt, kann keinen Eigennamen haben, da in ihm schon alle Eigennamen genannt sind. Zugleich besagt dieses „alle Namen“ ein Ganzes, das nur Eines sein kann, im Sinne von einzig und das bedeutet inkommensurabel gegenüber allen Namen und Worten. Das Unnennbare entzieht sich dem Nennen, weil es jeden Maßstabs entzogen ist. Und dennoch bedarf das Nennen wie das Sprechen eines Bezugs zu dem, was maßstablos über es hinausgeht – andernfalls verschwände die Sprache eben doch vor dem Unnennbaren. Vor dem Hintergrund der dialektischen Beziehung zwischen Gott und Sprache lässt sich fragen: Kann Sprache überhaupt erst als solche sein, sobald es „Unnennbares“ gibt? Tatsächlich schreibt Nancy dazu: „Das Unnennbare ist die Funktion der Sprache.“ (109)

Wenngleich Linguistiker und Sprachphilosophen selten so formulieren, befremdet dieser Satz doch kaum. Denn nur wenn etwas unnennbar ist, besteht die Notwendigkeit und der Wunsch, das Benennbare vom Unnennbaren zu unterscheiden – durch Benennung. Wie kann etwas unnennbar genannt werden, wenn es die Benennung nicht gäbe, und umgekehrt wie kann etwas sich als nennbar erweisen, ohne dass es sich von dem unterscheiden ließe, was nicht nennbar ist? Beide – das Unnennbare wie auch das Benannte – bedürfen einander, so wie das Unendliche des Endlichen bedarf und umgekehrt. Dies ist zunächst nicht viel mehr als ein Grundkurs in Dialektik und insofern keine aufregende Neuigkeit. Aber es geht weiter im Text, wo es heißt: das Unnennbare ist nicht unsagbar. Die Sprache kann zwar das Unnennbare nicht benennen, aber kann doch sagen, dass es Unnennbares gibt! Aber mehr noch: eingedenk des nun nicht mehr zu leugnenden Unnennbaren schimmert in jedem Nennen eine Spur des Unnennbaren. Somit öffnet das „Nennen auf das Unerreichbare hin, auf das Irreduzible der Sache, des Realen, des Seienden.“ (109) Wäre das Sagen des Unnennbaren – im Unterschied zum Nennen – also ein Sprechen entlang der Spur, welche der Öffnung zum Unendlichen hin folgt? Die Spur des Unendlichen als unendliche Spur: in jedem Gesprochenen, in jedem Text bleibt immer ein Rest des Nicht-Gesagten, dessen Erleben das Bündnis von Autor, Leser und Hörer stets aufs Neue fügt. Ein Bündnis zwischen „Gott“ und seinen Lesern: in den Worten von Jabes habe Gott aus den Juden ein Volk von Lesern gemacht und ihnen damit auch gestattet, „andere Bücher herzustellen, die vielleicht eine entgegengesetzte Richtung nehmen.“ 4 Das Unnennbare brennt im Gesagten, im Benannten als Wunde oder Lücke weiter, und so hieße Rechenschaft ablegen für den Sprechenden (den Menschen), dass der Leser zum Autor, der Hörer einer Erzählung selbst zum Erzähler wird. Nichts anderes geschieht im „Exzess des Sprechens“ – der aus und über sich hinausgehende Mensch spricht exzessiv. Oder wird er von einem exzessiven Sprechen gesprochen?

Exzess und Schaffen

Zweifellos ist das Wort Exzess vorherrschend negativ konnotiert, verweist es doch auf Maßlosigkeit, rauschhafte Übertreibung und Verlust jeglicher Selbstkontrolle im Fieber des Hedonismus. Die Gefahren des exzessiven Sprechens schimmern zumindest hindurch, wenn Nancy am Schluss des kleinen Zwischenkapitels davon spricht, dass der Mensch im Sprechen nichts anderes tue als die Welt zu schaffen: „..es gibt die sprechenden Wesen, die dies erscheinen lassen: ihr Sprechen jenseits seiner selbst spricht; es spricht nicht von einem Jenseits, es spricht jenseits.“ (109) Sicher auch jenseits einer vorfindlichen Welt, die nur noch nach Fakten und Daten katalogisiert werden müsste – und das ist zweifelsohne eine der „frohen Botschaften“ zum „Wesen“ der Sprache: die Sprache schafft erst „ihren“ Gegenstand, dies klingt so unerhört wie die Quantentheorie, die behauptet, den Gegenstand ihrer Messung erst durch die Messung selbst hervorzubringen. Dass jeder sogenannte Sprechakt eine je neue Wirklichkeit von Beziehungen zwischen Sprechern und Hörern (die zugleich auch Sprecher sind) schafft, ist nicht zu leugnen. Und die Poesie leitet sich aus dem griechischen poiein ab, das als schaffen, hervorbringen übersetzt wird. In der Tat: man nehme nur die Figuren der Literatur wie Romanhelden oder andere Buchmenschen – sie haben nie gelebt, außer auf den Seiten des Buches. Doch indem sie dort vom Leser entdeckt und erst gelesen, dann erzählt und womöglich weiter geschrieben werden, leben sie unter uns wie Menschen aus Fleisch und Blut: wiederum exzessives Sprechen und Rechenschaft. Sind denn Erzählungen, Märchen, Mythen oder Träume, die sich Menschen gegenseitig erzählen – womöglich über Jahrhunderte, dabei wiederholend und doch je neu erzählend – weniger real als die sogenannte Realität?

Aber was passiert, wenn die Figuren aus den Büchern entlassen werden und als Phantome oder Projektionsflächen von Menschen vereinnahmt werden, für die Schaffen mit der süßen Verlockung verbunden ist, sich über die Anderen und über die Welt zu erheben? Lauert nicht im Schaffen auch die Gefahr von Hybris und Wahnvorstellung? Was maßt sich der Mensch an, der meint, aus sich heraus eine Welt zu schaffen? Maßlosigkeit und Exzess wie in der Figur des Dr.Frankenstein sind in das Wort schaffen offenbar von Beginn an mit eingeschrieben, und damit der menschliche Größenwahn, aus dem schon so viel Unheil entstanden ist.

Durchkreuzt aber irgendetwas im „Wesen der Sprache“ selbst womöglich Hybris und Wahn des Schaffens? Das letzte Drittel des kurzen Textes lässt Nancy implizit um diese Frage kreisen – ausgehend von den Begriffen „Sprachtrieb“ und das „Sich-Empfangen der Sprache“:

Der Sprachtrieb lasse es – das Universum, das Leben, das Pulsieren aller Signale – erscheinen und zugleich weiter ins Unendliche des Sinns zurückweichen. „Sinn“ im Sinne von Bedeutung ist stets auf etwas bezogen, kann also nur endlich sein. Das Unendliche des Sinns übersteigt demnach den Sinn selbst so wie im Falle des „Unnennbaren“ gegenüber dem Nennbaren. Der Sprachtrieb als Name für die Bewegung des Enthüllens und Verbergens? Wird darin noch einmal das Verschwinden – Gottes und/oder des Menschen? – in der Sprache aufgegriffen und in den Text hinein gewebt? Gleich darauf heißt es dann im Text:

„Die Sprache spricht jenseits ihrer selbst. Tatsächlich empfängt sich die Sprache von jenseits her…in den Stimmbändern, der Zunge, dem ganzen Stimmapparat, ebenso wie in den Nervenvernetzungen, in denen die Symbolisierung aktiviert wird, hat die „Natur“ letztlich bereits das Wort an sich gerichtet.“ (110)

Was immer der Mensch sich auf sein Schaffen einbilden mag – jedem Sprechen geht schon ein Gesprochensein voraus, das Wort ist immer schon Antwort, das Stimmband spricht, weil es von seiner „Natur“ her bereits „Stimme hat“ und als solche spricht. Noch einmal lässt der Text das Körperliche der Sprache und des Sprechens aufblitzen: Zunge, Stimmbänder, Nervenvernetzungen, sprechendes Tier. Vor allem aber: die Natur hat das Wort an sich gerichtet. Dieses „sich“ erlaubt, ja fordert – wieder einmal – einen doppelten Bezug: auf die Natur und auf das Wort selbst. Das Wort, das von jenseits her kommt, richtet sich nicht nur an den Gegenstand, den es benennt und auch nicht nur an den anderen Menschen, an den es „gerichtet“ wird, sondern auch an sich selbst. Und darin auch an die Natur, aus der es kommt? Richtet es sich dorthin, wo es herkommt, ohne diesen „Ort“ zu kennen und etwas über ihn zu wissen? Es richtet sich aus, es geht über sich hinaus, es streckt seine Fühler ins Außerhalb seiner selbst (das zugleich ein Innerhalb ist) – es bedarf des Widerhalls, jedes Wort will sich selbst hören, nur dann kann es weiter sprechen. Bedeutet dieses „aus sich und über sich hinaus Sprechen“ auch die besondere Fähigkeit des Hörenkönnens? Das eigene Wort zu vernehmen ist wichtig für das Sprechenkönnen, aber auch um das Wort des Anderen wirklich hören zu können statt im Vorbeirauschen der Worte des Anderen doch nur die eigenen zu hören. Dass Worte an sich selbst gerichtet sind, verweist auf die Selbstreferentialität jedes Textes: er ist ein Gewebe, dessen Fasern, Fäden und Nähte aus Worten geflochten sind, die zueinander sprechen – auf eine Weise, die selbst der Mensch nicht unmittelbar hört und versteht, der gemeinhin als Autor des Textes gilt.

So gelesen entzieht das Gewebe, das wir Text oder Buch nennen und in das alles Sprechen und Hören eingewoben ist, dem Menschen die Gewissheit des „letzten Sinns“, beraubt ihn der letzten Erkenntnis und lässt die Illusion von letzten Gründen und Erklärungen platzen. Gerade damit gibt sie ihm die Möglichkeit, das Ankommen zu erfahren, das nie ankommt, die ständige Vibration, das Pulsieren des Atems, der Stimme, in dem sich der „Zugang“ zum Unerreichbaren öffnen ließe. Doch dafür bedarf es eines sich öffnenden Menschen, der das Sprechen nicht als Akt der Äußerung von Souveränität begreift, nicht als Zeichen schöpferischer Überlegenheit, dessen Wort „Gewicht“ hat, dessen Sprechen mit der Magie des Zauberstabes sich die Welt gefügig machen kann, sondern eines Menschen, der sein Wort immer schon als Antwort spricht auf den Ruf, der von draußen an ihn erging.

Welche großzügige Geste, dass Nancy zum Schluss einen großen arabisch-französischen Denker zu Wort kommen lässt, der gerade als Kritiker der islamischen Orthodoxie die spirituellen und mystischen Traditionen des Islam ins Bewusstsein von Okzident und Orient unentwegt hinein geschrieben hat – in der Hoffnung, dass in beiden Weltgegenden der Wunsch wachse, das Wort als eines zu hören, das sich an sich selbst richtet. Die Rede ist von dem jüngst verstorbenen Abdelwahab Meddeb, der folgende Worte eines Mystikers übersetzt hat: „Ich hätte geglaubt, ihn anzurufen, und siehe, Er hatte mich längst gerufen, ich hatte geglaubt, ihn in Anspruch zu nehmen und Ihn zu kennen, doch Er hatte mich längst erkannt; ich hatte gemeint, Ihn zu lieben und doch hatte er mich zuerst geliebt, und ich hatte mir vorgestellt, Ihn anzubeten, während er schon die Geschöpfe dieser Erde in meinen Dienst gestellt hatte.“ (110) Dazu der Kommentar Nancys: „Er ist unnennbar, und der Dienst, den die Geschöpfe versehen, ist kein Dienst an dem, der hier spricht, und nicht einmal Dienst am Menschen – sondern Dienst der Anbetung selbst, die durch mich hindurchgeht und so unendlich von der Sprache zur Sprache zurückkehrt.“

Endnoten

1# Jacques Derrida: Wie nicht sprechen, Edition Passagen, Passagen Verlag, Wien 1989

2# Jean-Luc Nancy: Die Anbetung (Dekonstruktion des Christentums 2), diaphanes Verlag, Zürich 2012

3# Edmond Jabes in Migranten (Jabes, Luigi Nono, Massimo Cacciari) Merve Verlag, Berlin 1995, S.106

4# Jabes, Migranten – S.113

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