Hängt nicht alles am Und? Ein vernehmlicher Einspruch gegen das grausame Entweder-Oder Bericht von der Internationalen Rosenzweig Konferenz in Rom

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Immer auf Wanderschaft, so sieht sich die Internationale Rosenzweig-Gesellschaft selbst; ihre Zelte schlägt sie alle zwei Jahre in irgendeiner gastfreundlichen Stadt auf, dieses Mal – im Februar 2017 – in Rom. Und eben hier haben vier Tage lang über 90 Referenten aus 14 Ländern sich wieder einmal dem Werk und dem Leben des deutsch-jüdischen Denkers Franz Rosenzweig (1886 – 1929) gewidmet. Thema der diesjährigen Tagung war das Wort „Und“ – der genaue Titel lautete „Die Konjunktion Und in Franz Rosenzweigs Werk: Ich und der Andere, Philosophie und Theologie, Zeit und Erlösung, Judentum und Christentum.“ Schon hier deutet sich an, dass wohl Franz Rosenzweig selbst als wandelndes „und“ wahrgenommen werden kann: Erneuerer jüdischen Lebens in Deutschland und deutscher „Bildungsbürger“, Gottsucher und Philosoph, Sprachdenker und Systematiker, Wissenschaftler und Schriftsteller und Mystiker und Rationalist und Irrationalist und Bibelübersetzer und…. Doch lassen wir die Zuschreibungen, verfehlen sie doch meist den Menschen, das Und sagt in seiner schwebenden Haltung oft mehr als das Wort davor und jenes danach. Eine Konferenz im Zeichen des Und! Beteiligt waren die La Sapienza Universität und die Päpstliche Gregorianische Universität – die beiden ältesten Akademien der ewigen Stadt. Ferner gab es programmgemäß je einen Empfang mit Vorträgen, Kuchen und Wein in der Jüdischen Gemeinde sowie im Deutschen Institut der Stadt am Tiber. Wie passt aber der jüdische Denker Rosenzweig an den vatikanischen Lehrstuhl? Zum einen sind natürlich die unseligen Zeiten eines Papst Pius XII. nicht mehr die unseren, und zum Anderen war im Besonderen das Kardinal Bea Institut der Gregoriana Mitveranstalter der Konferenz, dessen Namensgeber zu den maßgeblichen Autoren der berühmten Enzyklika „Nostra Aetate“ aus dem Jahre 1965 zählt, in dem die Katholische Kirche dem Anti-Semitismus in den eigenen Reihen „abschwor“ und ein neues Kapitel im Verhältnis zu den Juden eröffnete.

Rom also empfängt Franz Rosenzweig – tatsächlich gibt es hier wie auch in anderen Universitäten Italiens eine auffallend große Schar an Forschern und Gelehrten zu Rosenzweig und Cohen. Gastgeberin der Konferenz ist die charmante und in aller Ruhe den Ablauf der Tage dirigierende Irene Kajon, die an der Sapienza Uiversität Moralphilosophie lehrt und deren Spezialgebiet das moderne jüdische Denken ist. Nicht nur hat sie Martin Buber und Gershom Scholem ins Italienische übersetzt, sondern sich mit einer Fülle von Publikationen, u.a. über Cassirer, Cohen, Buber und Rosenzweig einen Namen in der Gelehrtenwelt gemacht. So ist sie seit Jahren auch Mitglied im Beirat der IRG und wurde nun in Rom in den Vorstand gewählt.

Rosenzweig und Heute

Welches Zelt war nun für die Eröffnung der Konferenz bereitet? Die wie eine große Apsis wirkende Aula der Gregoriana Zelt zu nennen, wäre zwar eine kühne Untertreibung, die dennoch als Metapher so schön durchgeht. Von der Bühne dieses Saals jedenfalls sprach – nach den obligatorischen Grußworten – der (noch) amtierende Präsident der IRG, Robert Gibbs aus Toronto. Die Wanderschaft als Movens, Agens und „inner-self“ der Gesellschaft wurde von ihm gleich am Beginn erneut bemüht: „Wir sind eine wandernde Gesellschaft, die alle zwei Jahre sich zu einer Tagung trifft und darüberhinaus Bücher, Schriften zu Franz Rosenzweig publiziert.“ Passt dies nicht wunderbar zu Franz Rosenzweig, der bis zuletzt – auch wenn er längst durch seine schwere Krankheit ans Bett gefesselt war, noch ein Wandernder und somit vielleicht weniger gefesselt als manch Olympiaspringer war? Wanderer und Denker der Sprache – nach ihm ist jedes Wort bereits Antwort auf den Ruf, der mich beim Namen nennt. Doch zugleich ist die Antwort Frage nach dem, der da ruft. Und so lautete – zumindest der Legende nach – ein Motto in dem von Rosenzweig gegründeten Frankfurter Lehrhaus: wir leben in der Welt der Antwort, die immer neue Frage ist.

Ein solches Motto über den „Lehrhäusern“ von heute – wer oder was immer diese Häuser sein mögen – täte gut und not. Lehrhaus oder Universität – könnte man auch fragen. Diese Frage stand implizit am Beginn des Vortrags von Robert Gibbs zum Thema „Rosenzweig und Heute“. So erwähnte Gibbs am Anfang Rosenzweigs Zurückweisung einer – ihm glanzvoll beschriebenen – akademischen Karriere im Jahre 1921. Ein Grund dafür sei offenbar gewesen, sich im Gespräch und im gemeinsamen Lernen mit Menschen zu betätigen. Daneben hätten zweifellos auch die äußeren Umstände der Wirren der Weimarer Republik zu diesem Entschluss geführt – eine Zeit der Unruhe und des Umbruchs oder Aufbruchs mag den Gelehrten aus seiner „warmen Stuben“ herausrufen. Was sagt uns Rosenzweigs Beispiel heute, wo sich – mit Blick auf wachsende nationalistische und chauvinistische Tendenzen – gewisse Parallelen zu Weimarer Zeit nicht gänzlich leugnen ließen, so fragte Gibbs. Von hier aus ging er zunächst auf die Aktualität des Und in Zeiten von Migration und Flucht ein, müsse es doch heute heißen: Nord und Süd, Islam und Westen, Einheimische und Neuankömmlinge. Dann stellte er die Frage im Sinne Rosenzweigs: „Wie gelingt eine Gemeinschaft des Wir und Ihr, die beide nicht zu einer Eins zusammengepfercht werden, sondern in der die Pluralität des Wir und des Ihr sich erhalten und damit das ewige Und aussprechen?“ Damit war Gibbs auch schon beim zeitlich-ewigen Und zwischen Schöpfung, Offenbarung und Erlösung, wie es Rosenzweig liest. Während die Offenbarung unter das große Heute trete, in dem der Mensch die Stimme Gottes hört und in dem die Liebe der Liebenden empfangen und gegeben wird, wird das Und, welches in der Erlösung zwischen dem Heute und der Ewigkeit aufscheint, in seiner verbindenden oder trennenden Tätigkeit verschwinden, wenn es schließlich heißt: die Ewigkeit ist ein Heute. Dieses Diktum Rosenzweigs ist naturgemäß zum Sprungbrett mannigfacher zeitphilosophischer Überlegungen geworden – Robert Gibbs indes nahm es zum Anlass, um über das konkrete Heute zu reflektieren, und zwar in der zweifachen Weise, wie es Rosenzweig sicher gefallen hätte: aus Sicht des Christen und des Juden. Gibbs: „Die Tatsache, dass wir uns hier in der Gregorianischen Universität treffen, hat mich veranlasst, über den Gregorianischen Kalender nachzudenken. Er wurde 1582 eingeführt, damit alle Christen auf der Welt das Osterfest zur gleichen Zeit feierten. Dass unser Heute der 20.Februar 2017 ist, geht auf die Reform des Jahres 1582 zurück. Dies also ist eine Möglichkeit, das Heute zu verstehen. Bei den Juden ist jedes Heute dadurch bestimmt, dass ein bestimmter Abschnitt aus der Tora gelesen wird – heute wäre die Stelle aus Exodus 21: 1-19 dran, in der es um das Ende der Sklaverei und die Ankunft des Messias geht. Die messianische Zeit ist Heute, weil wir hier zusammenkommen und gemeinsam studieren und lernen. Das Lernen der Gesetze der Tora gibt uns einen Schimmer der Ewigkeit. Das Lernen Heute ist eines ohne Ende – in Ewigkeit.“ Und damit knüpfte Gibbs an Rosenzweigs Motto aus dem Lehrhaus an: wenn das Lernen Heute ohne Ende sei, dann sei es eben ein Lernen, das in jeder Antwort das Und der Frage mitspräche und damit weit über das Heute hinausgehe.

Damit war der Ton der Tagung gesetzt: ein Lernen heute und in Ewigkeit, wodurch eine andere Gegenwart wirklich wird, in der die Ewigkeit schon da ist. So gesehen ein messianisches Ereignis? Vielleicht war dies der Grund für die anhaltende Heiterkeit auf dem Podium: allzeiterneutes Lachen und immerwährendes Lächeln waren Ausdruck der Freude über das Und von Heute und Ewigkeit, das sich hier als gemeinsames Lernen über drei Tage ankündigte.

Rosenzweig und die Interreligiöse Theologie

Das Thema des zweiten Redners, Ephraim Meir von der Bar-Ilan Universität in Israel, trug den aktuellen Bezug schon in sich. Es lautete „Rosenzweigs Beitrag zu einer interreligösen Theologie“, und Meir wandte klug und stilsicher die Ängste der Gegenwart gleich zu Beginn um: „Religion spielt eine zentrale Rolle in einer Situation, in der Furcht und Gewalt zunehmen sowie der Ruf nach Identität und Homogenität lauter wird. Eine solche Lage sollte uns nachdenken lassen über das Potential der Freundschaft in den Religionen.“ Meir brachte einen neuen Begriff in die Diskussion, die trans-differente Spiritualität. Dies sei eine Radikalisierung des neutraleren Begriffs des inter-religiösen Dialogs. Tatsächlich sollte der Bindestrich im Wort Trans-differenz als UND gelesen werden, ginge es doch um die Wahrung und gleichzeitige Überschreitung der Differenz gegenüber dem jeweils Anderen.

Berechtigt erschien jedoch die Frage, inwieweit und ob überhaupt sich gerade Rosenzweig als Gewährsmann für eine interreligiöse oder transdifferente Theologie eigne. Immerhin habe er, so ein Beitrag aus dem Publikum, den Islam ausdrücklich aus dem Gespräch der Offenbarungsreligionen ausgeschlossen, und seine kargen Bemerkungen zu den Lehren der Inder und Chinesen, die schon zu seiner Zeit vom Wissensstand der Forschung weit überholt waren, schlössen auch sie durch die Aberkennung eines Selbst vom „Dialog“ aus. In seiner Antwort stimmte Ephraim Meir den Bedenken grundsätzlich zu, solange man sich auf die konkreten Textpassagen zu den nicht-christlichen und nicht-jüdischen Religionen bezöge. Doch für das Gelingen jedweden Dialogs sei Rosenzweigs Verständnis von Sprache und Übersetzen ein unverzichtbarer Ausgangspunkt – auch für den Dialog mit denen, die er zunächst nicht als Teil des Gesprächs sehen wollte. Ähnlich wie Hamann, für den die Sprache, göttlichen Ursprungs sei und der Vernunft vorausgehe, habe Rosenzweig in seinem Sprachdenken formuliert, dass die wirkliche Sprache nicht nur dem Denken vorausgehe, sondern – wie im Hohelied – stets offenbarend im Sinne des Liebesgebots und einer liebenden Vernunft sei. Jedes Wort bedürfe aus seiner Sicht der Übersetzung, jedes Gespräch sei Übersetzung: „Erst im Übersetzen wird die Stimme eines Menschen wirklich laut“, so Meir, wobei Übersetzen ganz wörtlich als zum Anderen hinübergehen zu verstehen sei. Erst im Übersetzen habe Rosenzweig die Gedichte Yehuda Halevis verstanden, weil Übersetzen eben nicht bedeutet, etwas der eigenen Sprache anzuverwandeln, sondern die eigene Sprache auf das Fremde hin zu öffnen. Dies genau sei der Ansatz einer transdifferenten Theologie, so Meir. Das Hinübergehen zum Anderen: ein anderer Name für das und als einer Begegnung mit dem Anderen? Das und als Bindewort, das eben – vor jeder Verbindung – zunächst nur zum Anderen hinüber leitet?

Rosenzweig in Palästina

Laut Ynon Wygoda, dem dritten Plenumssprecher bei der Eröffnung der Tagung, war dieses Bindewort mehr als gefragt, als die Auswanderung deutscher und europäischer Juden nach Palästina sich verstärkte. Wer übersetzt wie zwischen den „Daheimgebliebenen“ und den Zionisten und den nicht zionistischen Immigranten Palästinas? Zwischen neu-hebräisch und deutsch, zwischen der europäischen Kultur im Gepäck der Ankömmlinge und der kargen Landschaft der arabischen Wüste? Wygoda, der an der Hebrew University Jerusalem lehrt und forscht, beschäftigte sich in seinem Vortrag damit, welche besondere Wirkung Rosenzweigs Werk in dieser Situation eines dramatischen und unübersichtlichen Zwischen auf einige intellektuelle Kreise in Palästina ausübte. So habe Gershom Scholem 1936 – sieben Jahre nach Rosenzweigs Tod und 15 Jahre nach Erscheinen des „Stern der Erlösung“ – gegenüber Martin Buber dieses Werk als modernen Klassiker bezeichnet, vergleichbar dem „Führer der Unschlüssigen“ des mittelalterlichen Klassikers Maimonides oder Rambam. Höhere „Weihen“ sind kaum denkbar. Wygoda brachte aus den Archiven in Israel vor allem die Aufzeichnung eines Treffens in der Bibliothek Salomon Schockens aus dem Dezember 1936 mit, an dem unter anderen Scholem und Ernst Simon teilnahmen. Es war eine Zusammenkunft, die im Zeichen des siebten Todestags von Franz Rosenzweig stand, und die Versammelten stellten sich seinerzeit die gleiche Frage wie 80 Jahre später Robert Gibbs in Rom: „Was kann uns Rosenzweig heute sagen?“ Dabei hätten sie sich auf einige Paradoxa konzentriert, die sich in jedem und verbergen. Wygoda: „So kam die Frage auf, ob nicht Rosenzweig die Tora wie ein Goj gelesen habe, und ob diese Schwäche einer fehlenden Tradition nicht gerade seine Stärke gewesen sei.“ In ähnlicher Weise sei es um Rosenzweigs Oszillieren zwischen Judentum, Christentum, deutscher romantischer Tradition, Aufklärung und Nationalismus gegangen und schließlich auch um sein Verhältnis zum Zionismus. Dabei hätten die Beteiligten für Rosenzweig den aus heutiger Sicht frappierenden Begriff eines „Post-Zionisten“ geprägt. Rosenzweig als Übersetzer der hebräischen Bibel sei ein weiterer wesentlicher Punkt des Treffens gewesen. Wygoda brachte die Worte Ernst Simons zu Gehör: „Ihr glaubt, die hebräische Bibel gibt dem Leser den direkten Zugang zum Text? Nein, ihr braucht die deutsche Übersetzung – denn in ihr wird die Entfernung spürbar, die heute tatsächlich gegenüber den alten Texten besteht. Und nur im Eingedenken an diese Entfernung lässt sich der heilige Text heute lesen.“ Wygoda endete seinen Vortrag mit dem Hinweis auf die Halacha, wonach man die Tora immer in zwei Zungen lesen müsse.

In allen drei Vorträgen war somit das und ganz lebensnah und aktuell angesprochen: als unverzichtbare Konjunktion für jede gelingende Übersetzung und Begegnung, sei es zwischen Religionen und Kulturen oder „nur“ zwischen zwei Menschen.

Workshop-Tourismus: verschiedene Lesarten des Und

Und in diesem Sinne zog das Und in mannigfaltiger Gestalt durch die Workshops der nächsten drei Tage – das Und als Trennung und Verbindung, als unendliche Reihung und Ende aller Reihen, als Frage und Antwort, als Affirmation und Widerspruch – und nicht zuletzt als übrigbleibender Rest. Um diese Und-Gestalten drapierten sich 85 Vorträge, die sich auf bis zu vier parallel laufende Workshops aufteilten. Angesichts dieser schieren Fülle an Präsentationen werde ich auf die Nennung von Namen und Titeln verzichten, mich vielmehr bemühen, etwas von der Atmosphäre der Tagung wiederzugeben sowie exemplarisch auf verschiedene Lesarten des Und einzugehen. Der Ort selbst trug das seinige zur Entfaltung der Gespräche über Rosenzweig und das Und bei: inmitten eines Parks voller Orangenbäume, Zypressen und Pinien – unweit der berühmten Villa Massimo – leuchtet verwaschen die rost-orangene Patina der Villa Mirafiori, in der die Philosophische Fakultät der Universität La Sapienza residiert. Ein Refugium in der Metropole, das zu allerlei einlädt, nicht zuletzt zum Denken oder Meditieren, auf jeden Fall zum Sprachdenken im Sinne Rosenzweigs. Der diskrete Charme wackliger Holzbänke, verwunschener Stiegen an efeubewachsenen Fassaden und so manch anderer Requisiten aus der „guten alten Zeit“ mochten bei dem Einen Nostalgie, beim Anderen Heiterkeit auslösen, in jeden Fall öffnete sich vor diesem Hintergrund so etwas wie ein experimenteller Raum. Da die Workshops in vier verschiedenen Sprachen gehalten wurden, die nicht jedem fließend über die Lippen kommen, gab es demgemäß einen kleinen „Workshop-Tourismus“. Auf diese Weise begegneten sich die Teilnehmer der Tagung ständig auf Fluren und Treppenhäusern, so dass auch hier ein Und sich kundtat: getrennt und gemeinsam, wir und ihr, hören und laufen…..ein Nebeneffekt war, da „es“ Alle machten, dass einem das Gefühl übermäßiger Peinlichkeit erspart blieb, wenn man in einen noch nicht beendeten oder schon begonnenen Vortrag hinein platzte.

Frappierend war dabei – doch wie hätte es beim Thema Und anders sein sollen -, dass viele Vorträge, absichtslos und ohne Absprachen, an solche aus anderen Workshops anknüpften. Man war also trotz Treppenhaus-Tourismus immer im Thema drin. Hatte man gerade vom Und zwischen Einheit und Pluralität gehört, geriet man im nächsten Raum in den Strudel des Und zischen Frage und Antwort – Vernunft und Glauben, Ja und Nein, Wissenschaft und Spiritualität, Rationalismus und Irrationalismus, Jude und Christ und…..der Gestalten des Und schien kein Ende, wobei natürlich auch die englische Lauthomonymie zwischen and und end mehrfach zur Pointe wurde. Und in all diesen Gestalten keimte schon die nächste Frage auf: klingt hier nicht auch ein weder-noch mit an, das die genannten Polaritäten des Und weiterdenkt? Immerhin ist das Und, indem es das Ja und Nein übersteigt, die knappste Zurückweisung des Entweder-Oder. In einem Vortrag wurde dieses Weder-Noch in Bezug auf Rosenzweig selbst als Frage aufgeworfen: ob sein Leben und Werk vielleicht weder jüdisch noch deutsch, weder rationalistisch noch irrationalistisch, weder wissenschaftlich noch spirituell sei – ein weiterer Einspruch gegen jeglichen Versuch eindeutiger Zuschreibungen. Doch der Mensch hat es manchmal gern hand- und ortsfest, und so sucht er danach, ob Und sowie Weder-Noch irgendwelche Koordinaten hinterlassen. Was wäre also mit dem Zwischen? Dies war Bubers Favorit auf der Landkarte, Rosenzweig hatte ihn jedoch schon entdeckt, ohne ihn so zu nennen, denn was Anderes bewegt sich zwischen Gott, Welt und Mensch, wenn nicht das Zwischen? So beschäftigten sich einzelne Beiträge mit Fragen wie „zwischen Chaos und Einheit“, „zwischen Wissenschaft und Glauben“ – und nicht zuletzt leuchtete immer wieder das große Thema „Zwischen den Religionen“ auf. Andere jedoch lasen das Und in einer dynamischen Bewegung, die über das Zwischen hinausgeht – hinein in ein Zugleich. Zwischen und Zugleich? Zugleich Wissenschaftler und Mystiker, zugleich Deutscher und Jude, zugleich gläubig und zweifelnd, zugleich Ja und Nein? Das mag alles noch angehen, delikater wird es, wenn es heißt zugleich Eugen und Franz (es gab einen Vortrag über die Liebesbeziehung zwischen Margrit-Rosenstock-Huessy, der Frau seines Freundes Eugen Rosenstock und Franz Rosenzweig) – oder wenn es hieße zugleich Jude und Christ oder Jude und Buddhist. Dies scheint gewagt und provokant zu sein – doch immerhin wurde in einem Vortrag der indische Gelehrte Raymund Panikkhar erwähnt, der tatsächlich zugleich gelehrter und praktizierender Hinduist und Christ war. Wem dies Eisen zu heiß war, dem stand doch immer noch der Weg durchs Treppenhaus zurück zum Weder-Noch offen. Das Aroma der Konferenz war jedenfalls davon geprägt, dass solche Fragen keineswegs pikant erschienen, sondern einfach als Fragen, die im Namen Rosenzweigs zu stellen waren. So referierten denn auch nebeneinander „orthodoxe“ und „liberale“ Juden, Christen und Atheisten, Philosophen und Kunstwissenschaftler, Historiker und Theologen, Pfarrer und Rabbinen sowie einige, die „nur“ Denker sind und dabei Leser und Hörer.

Das Und: unendliche Reihe oder Anfang und Ende?

In der Frage nach Verbindung und Trennung durch das Und klingt schon die weitere mit, inwieweit das Und öffnet oder schließt. Der aufmerksame Leser dürfte an diesem Punkt nun so weit sein, dass er freudig ausruft „Beides zugleich“. Doch wie stellt sich dies im Einzelnen dar? Zunächst zu Verbindung und Trennung: einige Beiträge gingen darauf ein, wie das dialektische Und bei Hegel und Schelling die Synthese der Dialektik „vollziehe“ und damit das System elegant zuschnüre, während sich Rosenzweig gegen diese Synthesis wende. So hieß es in einem Vortrag, dass die Negation der Negation bei Hegel „nur in den Ausgangspunkt der These zurückführe“, während bei Rosenzweig „die Bejahung des Nicht-Nichts“ auf die Bejahung des Selbst und seiner Existenz hin öffne. Ja und Nein werden nicht als „Einheit“ gelesen, sondern als Dreiheit: Ja, Und, Nein – und damit stehe jedes für sich. Das Ja behaupte sich im Anfang gegenüber dem Nein, ohne es zum Verschwinden zu bringen. Durch das Und als das Dritte, so hieß es weiter, gewinne das Einzelne als Einzelnes eine unvertretbare und irreduzible Existenz, es sei nicht mehr jedermanns Sache und nicht mehr, wie bei Hegel, lediglich eine „Stelle im Erkenntnisprozess“. So sei das Und, so sehr es auch das Eine mit dem Anderen verbinden mag, immer zugleich Trennung, indem es gerade die Selbstheit und Andersheit betont – und zwar im Selben und im Anderen. Dies zeige sich nicht zuletzt – so wurde in mehreren Vorträgen betont – auch im Begriff des Rests, den Rosenzweig als Aufweis seiner jüdischen Methode bezeichnet. Der Rest als die übrig gebliebenen Treuen des Volkes Israel, aber auch als das Inkommensurable, das sich der Vereinnahmung und der Totalität entzieht – oder eben „Im Judentum ist jeder Mensch irgendwie Rest.“ Ist nicht jedes Und irgendwie Rest und jeder Rest irgendwie Und? Das Wort Rest ist geradezu ein Synonym für Unabgeschlossenheit. Dies entspricht natürlich auch Rosenzweigs Methode im Lehrhaus sowie seinem Sprachdenken, in dem – wie es auch hieß – jeder am Gespräch Beteiligte nicht nur Ohren hat, sondern auch einen Mund. Oder anders gesagt: keiner weiß im Voraus, was der Andere sagen wird, und da Sprechen vor allem Antworten ist, weiß ich somit auch selbst nicht im Voraus, was ich sagen werde. Jedes Gespräch sei somit Offenbarung, das auf Neues und Unbekanntes hin öffnet. So wurde in Bezug auf sein Bildungsverständnis im Lehrhaus hervorgehoben, dass es vorrangig nicht darum gegangen sei, Antworten zu finden, sondern Fragen. Dies habe – nebenbei – dazu geführt, dass die Lernenden und Lehrenden zugleich Lehrer und Schüler sein sollten. Zugleich Antwort und Frage oder in jeder Antwort den Beginn einer neuen Frage lesen – wieder wurde das Und als Öffnung gelesen. Ein Vortrag setzte Rosenzweigs And und End dem „Ende“ entgegen, wie Schiller es verstanden habe, in dessen Vorlesung es schon im Titel anklingt: „Zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“. Ende als Zweck – so wird alles vom Ende her gelesen, das als Universalität dem Partikulären stets übergeordnet geblieben sei. Rosenzweig jedoch – und dies war eine der Pointen von And und End – sah sein Und stets als Anfang: als Erneuerung der Schöpfung, als Wiederholung der Offenbarung, als Schaffung eines leeren Raums zum Lernen, als je neuen Anfang des inneren Selbst. Wie passt aber dazu der berühmte Satz, wonach das Und der Schlussstein des Gebäudes von Schöpfung und Offenbarung seien? Interessanterweise kam eine Antwort darauf von kunsthistorischer Seite: in der Kunst der 20er Jahre gab es ein Und, das quasi zu wuchern begann, wie bei dem dadaistischen Künstler Kurt Schwitters , dessen Kollagen im Zeichen des Und eins ans Andere reihten und hinzufügten, bis das Werk aus der Decke seines Ateliers herauswuchs. Dem lag der Versuch zugrunde, die Welt nach dem ersten Weltkrieg aus aufgesammelten Scherben und Papiermüll wieder zusammenzufügen. Rosenzweig erhob deutlichen Einspruch gegen dieses wuchernde Und, indem er – ähnlich wie im Psalm 118 – im Und den Eckstein oder Schlussstein des Gebäudes sah: am Anfang gäbe es nur ein Und, und so auch am Ende. Aber haben wir es hier nicht mit verschiedenen Und zu tun? Ein sprechendes – zwischen Anfang und Ende – und ein schweigendes am Ende? Um das Schweigen ging es auch in einem Beitrag, der sich mit der Frage nach der Gemeinschaft bei Rosenzweig beschäftigte. Erst dann, so hieß es hier, werde laut Rosenzweig eine Gruppe von Menschen wahre Gemeinschaft, wenn sie lerne, gemeinsam zu schweigen. Zwei ganz unterschiedliche Ebenen des Und – zwei unterschiedliche Ebenen der Sprache: sprechen und schweigen. Doch was lässt sich, so die weitere Frage des Vortragenden, über Rosenzweigs Verständnis von Gemeinschaft vor dem Schweigen sagen? Hier waltete wieder ein großes Zugleich oder weder-noch oder sowohl–als auch im Zeichen des Und: Rosenzeig wurde als Denker gelesen, der sowohl national-konservativ wie auch anarchistisch, der sowohl zionistische als auch anti-zionistische Denkweisen vereinte. Weil er letztlich über den politischen und staatlichen Kategorien seinen Begriff von Gemeinschaft verortete: während Cohen sich als liberaler Sozialist und Buber als anarchistischer Sozialist bezeichnet hätten, könnte man vielleicht einen exilischen Utopisten nennen, für den wahre Gemeinschaft im gemeinsamen Lernen der Tora beginnt. Hierzu passte thematisch einer der ersten Vorträge, der das Motiv des Kunstphilosophen vorweg nahm: Und als Anfang mit Ende oder als endloser immer neuer Anfang? Diese Frage wurde im Kontext des Lernens der Tora gestellt. Werde die Tora als System des Wissens verstanden, so die These, dann müsse sich der Lernende – und die Tora selbst – „in endloser Geduld gegenüber all den sich widersprechenden Unds üben“. Wenn in der Tora „alles Wissen“ enthalten sei, dann auch das Gute und Schlechte, das Wahre und Falsche. Sobald jedoch die Gemeinschaft an den Widersprüchen des immer wieder beginnenden Und zu zerbrechen drohe, bedürfe das Und eines Endes! Dies sei nach Rosenzweig nur als Erlösung oder Unmittelbarkeit der Gottesherrschaft zu verstehen.

Meine und deine Religion

Und wie bewegte sich nun das Und zwischen den Religionen? Zwischen Judentum und Christentum hat Rosenzweig Zeit seines Lebens das Gespräch geführt, es waren für ihn zwei Weisen des Seins. Eine anschauliche, geometrische Figur dieses Und wurde in Form einer Ellipse präsentiert, in der Judentum und Christentum zwei komplementäre Brennpunkte darstellen – allerdings auf verschiedenen Ebenen. Eine solche Ellipse wächst also aus der Zweidimensionalität heraus und müsste als dreidimensional vorgestellt werden. Doch wenn man Rosenzweigs eigenes Bekenntnis ernst nähme, wonach jede Religion – wie auch jeder Mensch -, im Bewusstsein der eigenen Begrenztheit, des Anderen bedarf, um zu sich, zu Gott und zur Welt zu kommen, dann wäre es doch höchst seltsam, das Gespräch auf jenes zwischen Christen und Juden einzugrenzen. So spielten – wie schon in Ephraims Meirs Rede am Eröffnungstag – auch die Beziehung zum Islam sowie zu chinesischen und indischen Religionen eine größere Rolle als auf früheren Rosenzweig Tagungen – alles unter dem Banner des Und. Ein Vortrag widmete sich z.B. dem Echo, das Bubers „Ekstatische Konfessionen“ bei Rosenzweig ausgelöst habe. Es wurde, von dort ausgehend, vorgeschlagen, jene Passagen neu zu lesen, in denen Rosenzweig im „Stern“ Inder und Chinesen erwähnt: die Tatsache, dass er die Tradition der Mystik in beiden Kulturen, als Entleerung und Erfüllung der Seele betone, und beide Traditionen ragten – so Rosenzweig – „als ungeheure Gebäude aus den Blöcken der Urzeit in unsere Zeit hinein“. Dieses „Zugeständnis“ wäre ein Anknüpfungspunkt für ein erweitertes Verständnis seiner eignen Methodik – trotz der und gegen die Kritik, die ihn in Bezug auf seine Sicht Indiens und Chinas im Lager des Kolonialismus verorten möchte. Ein Vortrag widmete sich darüber hinaus ausdrücklich gewissen Ähnlichkeiten zwischen Rosenzweigs Denken und der iranisch-schiitischen Existenz-Philosophie. Insbesondere Rosenzweigs neues Denken weise frappierende Ähnlichkeiten zur Philosophie des schiitischen Mystikers Mullah Sadra aus dem 17.Jahrhundert auf, so die These in einem der Vorträge.

Ein beglückend verwirrendes Programm – und vor allem: entgegen meinem zugegeben für den Leser vermutlich strapaziösen Parcours durch einige Rauchwolken, die über achtzig Referenten aus 14 Ländern hinterlassen haben, nicht zu voll. Dies lag nicht zuletzt auch daran, dass man sich in Italien immer noch viel Zeit zum Mittagessen nimmt, und das universitäre Catering brachte römische Küche auf fein geschliffene Plastikteller: zweierlei Pasta mit Variationen von Antipasti sowie Früchten und und und…Keineswegs banal, dies hier festzustellen, sagt es doch eine Menge über die Gastfreundschaft der einladenden Universität und ihrer Repräsentanten aus, die mit dieser liebenswürdigen Geste den knappen Mittel und prekären Umständen trotzen. Im übrigen sei etwaigen nordeuropäischen Skeptikern gesagt, dass die etwas längere Mittagspause keineswegs auf Kosten des diszipliniert durchgehaltenen Arbeitspensums ging, sondern dieses nur geschmeidiger gestaltete. Dazu verwöhnte die Anwesenden eine milde römische Februarsonne, so dass auf Bänken und Wiesen, unter Palmen und Zypressen vor der Villa Mirafiori im Gespräch miteinander ein je neues Und sich ans andere reihte. Auch kritische Stimmen wurden laut – man könnte meinen, die große Pluralität der „Meinungen“ kultiviere doch nur einen allgemeinen Relativismus. Ließe sich somit Rosenzweig für Jeden und Alles instrumentalisieren? Wohl kaum, wenn man dessen gewahr bleibt, dass er sich fernab jeden Dogmas und jeder Ideologie bewegt hat.

Zum Schluss: intellektuelle Leckerbissen und lebendige Anschauung

Eben diese Ideologieferne Rosenzweigs wurde im Rahmen des Abschlussplenums, das wiederum in der Gregoriana stattfand, noch einmal thematisiert. Jules Simon, der an der University of Texas (El Paso) Philosophie lehrt, widmete sich in seinem Vortrag zu „Ästhetik und Politik“ den Parallelen und Unterscheiden zwischen Rosenzweig und Benjamin. Jeder politische Messianismus, so seine These, könne in Faschismus umschlagen. Rosenzweig fordere deshalb die „Distanz des Exils“ gegenüber den Ereignissen. Diese Distanz – ein weiteres Zwischen – erlaube die Entstehung von Sprachwelten, in denen soziale Beziehungen durch Kunst verändert werden könnten. Im Mittelpunkt stehe dabei für Rosenzweig die Liebe, die auf den Ruf des Liebenden antwortet. In diesem Wechselspiel von Ruf und Antwort ereigne sich die Transformation des Einzelnen. Er würde sein Selbst nicht der Gruppe opfern, die sich in ihrer „Liebe“ einem messianischen Führer und dessen Zukunftsversprechen hingibt, vielmehr sei die Liebe stets das Gebot des Augenblicks. Hier sah Simon eine Verbindung zu Benjamins Jetztzeit und einer Ästhetik des „Hier und Jetzt“, die gerade durch das Fragment verhindern könne, in den Dienst von Totalität und Einheit gestellt zu werden. Ebenso betonte abschließend noch einmal Agata Bielik-Robson von der Universität Nottingham das Unabgeschlossene in Rosenzweigs Denken, indem sie es der Dialektik Schellings gegenüberstellte. Luca Bertolino wagte ganz am Schluss noch, Rosenzweig als Vordenker der Differenz und der Post-Moderne – bis hin zu Deleuze und Derrida – zu lesen.

Dies war zum Abschluss noch einmal ein Parcours in theoretischer Philosophie auf höchstem Niveau – und so gesehen ein „Leckerbissen“ eigener Art. Wer nach vier Tagen Konferenz stattdessen nach dem ganz und gar „Anschaulichen“ Ausschau hielt, konnte ein letztes Mal die Ausstellung besuchen, die Renate Schindler aus zwei Berliner Schulen mitgebracht hatte, an denen sie selbst die Fächer Lebenskunde, Ethik und Philosophie unterrichtet. SchülerInnen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren, die sich im Unterricht mit der Philosophie Rosenzweigs und Cohens beschäftigen, haben dem Konferenzthema unter dem Titel „Das kleine Wörtchen und“ eigene Texte, Zeichnungen, Bilder und Kollagen gewidmet. So sind auf einem Bild z.B. die Schriftzüge Zeit und Ewigkeit sowie Leben und Tod zu lesen – im Mittelpunkt des Bildes ist ein Smartphone gezeichnet, dessen Kabel in die Planetenbahnen übergeht. Ferner zeigt sich dem Betrachter ein Totenkopf, ein Strauß Tulpen sowie eine Schlange – und schließlich eine Uhr, auf der unter den Stundenziffern Symbole verschiedener Religionen gezeichnet sind. Daneben hängt das entsprechende Zitat aus Rosenzweigs Neuem Denken an der Wand: „..in diese(n) beiden ewigen Zifferblätter(n) … bildet sich unter dem Wochen- und Jahreszeiger der stets erneuerten Zeit der Ablauf der Weltzeit … auf der Bahn des Lebens.“ So haben die Schülerinnen und Schüler – unwissentlich und ohne jede Intention – das Zeitthema künstlerisch vorweggenommen, mit dem Robert Gibbs die Konferenz eröffnet hat. Zeit und Leben, Anfang und Ende, Verbindung durch das Und: Jugendliche stellen existenzielle Fragen des Lebens im Prozess des manchmal als krisenhaft erlebten Erwachsenwerdens unmittelbar und erfassen philosophische Dimensionen oft intuitiv. Auch der berühmteste intellektuelle Kopf kann manchmal von Ihnen lernen. Der neu gewählte Präsident der IRG, Ephraim Meir, kommentierte die Arbeiten der SchülerInnen denn auch so: „Die Zeichnungen lehren uns, wie wichtig es ist, mit Allem verbunden zu sein“. Dieses Und hätte Rosenzweig gefallen: Wir sind Lehrer und Schüler zugleich.

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