Solon arrow Artikel arrow - Kultur arrow Abschiedsfeier für russische Schüler in Wiesbaden
Narrow screen resolution Wide screen resolution default color green color orange color

Solon Menü

EMail-Abonnements

Tragen Sie sich hier ein, um Artikelzusammenfassungen per Mail zu erhalten:








Herausgeber

Solons Freunde e.V.

Anschrift:

Solons Freunde e.V.
c/o Edmund Steinschulte
Wiesbadener Landstr. 17
65203 Wiesbaden


Telefon: +49 (0)611 6000382
E-mailinfosolon-line.de


Bankverbindung:

Dresdner Bank, Mainz
BLZ: 550 800 65
Konto: 02 506 312 00

 
Abschiedsfeier für russische Schüler in Wiesbaden PDF Drucken E-Mail
20. November 2008
Zum Vergrößern hier klicken Seit mehr als 20 Jahren findet regelmäßig ein Schüleraustausch zwischen dem Moskauer Linguistischen Gymnasium No.1513 und der Wiesbadener Carl-von-Ossietzky-Schule statt. Am 7. November gab es in der Carl-von-Ossietzky-Schule einen Abschiedsabend für die 12 Schüler des Moskauer Gymnasiums. Die Gespräche, die SOLON mit verschiedenen Schülern und Lehrern führen konnte, machten deutlich, dass eine vertiefte Beziehung zwischen Deutschland und Russland nur möglich ist, wenn die „Veränderung im Kleinen“ beginnt und auf der persönlich-menschlichen Ebene die Kontakte enger geknüpft werden.
Von Elisabeth Hellenbroich

 

Am 7. November fand in der Carl-von-Ossietzky- Schule in Wiesbaden in Anwesenheit des russischen Konsuls Malinkow, von Förderern, Eltern, Lehrern und Schülern der 10. und 11. Klasse eine Abschiedsfeier für 12 Schülerinnen und Schüler des Moskauer Linguistischen Gymnasiums No.1513 statt, die zwei Wochen lang zu Gast bei Wiesbadener Familien waren und dabei die Gelegenheit hatten, den kulturellen Reichtum der Region zu erkunden. Das Kulturprogramm des Abends wurde im Wesentlichen von den russischen Schülern als Dankeschön an die Gastgeber gestaltet. Neben der Darbietung russischer Tänze und Volkslieder gehörte dazu die virtuose Darbietung von Werken des russischen Komponisten Rachmaninoff am Klavier sowie eine Aufführung von Brahms’ Ungarischen Tänzen für Klavier und Violine.

 Die Carl-von-Ossietzky-Schule nimmt unter den Gymnasien in Hessen eine Sonderstellung ein, denn von hier aus wurde mit tatkräftiger Unterstützung der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung 1986/87 der erste deutsch-russische Schüleraustausch in Deutschland initiiert. Es war eine Pionierleistung auf dem Weg zu der sich später entwickelnden deutsch-russischen Partnerschaft. Zu den Initiatoren des damaligen Projektes zählen der heutige Schulleiter Helmut Nehrbaß (zuständig für das Fach Politische Wissenschaften) ebenso wie die sehr engagierte Russisch-Lehrerin des Gymnasiums Frau Rueß–Stoll, die seit 1978 an diesem Gymnasium Russisch-Unterricht erteilt. Neben ihrem Engagement für den Deutsch-Russischen Schüleraustausch hat sie im letzten Jahr die Hessische Russisch-Olympiade mitorganisiert, die anlässlich des Petersburger Dialoges in Wiesbaden stattfand.

 Die Olympiade existiert seit 1977. Es handelt sich um einen Wettbewerb, der alle zwei Jahre ausgerichtet wird und an dem zahlreiche hessische Schüler teilnehmen. Zu den Aufgaben der Olympiade gehört das Lösen von Aufgaben, das Vortragen russischer Gedichte und Sketche in russischer Sprache, wobei die besten Schüler als Landessieger ausgezeichnet, und unter diesen wiederum die besten Bundessieger ausgewählt werden, die dann an der alle drei Jahre stattfindenden internationalen Russisch-Olympiade in Moskau teilnehmen können.

Zu Gast bei Wiesbadener Familien

Die Schülerinnen und Schüler des Moskauer Gymnasiums waren zwei Wochen lang zu Gast bei Wiesbadener Familien. Auf dem Besuchs- und Kulturprogramm für die Schüler stand u.a. eine Tagesexkursion nach Darmstadt-Mathildenhöhe (ein Besuch der Ausstellung „Russland 1900“), ein Besuch im Goethehaus in Frankfurt sowie eine Exkursion nach Speyer, darunter die Besichtigung des Speyrer Doms und ein Besuch im berühmten Speyrer Technikmuseum. Zum Kulturprogramm gehörte ebenso eine Sonderveranstaltung „Jüdische Zeitreise“ mit dem Sänger Dany Bober am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium; und nicht zuletzt ein Besuch des Schauspiels „Nora“ von Henrik Ibsen im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Außerdem hatten die Schüler aus Moskau Gelegenheit, im Unterricht ihrer Gastgeber/innen zu hospitieren, ihre Deutsch-Kenntnisse im eigens für sie angebotenen Deutsch-Unterricht zu vervollkommnen und Gespräche mit der Schülermitverwaltung der Schule zu führen.

Zum Vergrößern hier klicken

 

 

 

 

 

 

In seiner Einleitungsrede wies Schulleiter Nehrbaß auf die Geschichte des deutsch-russischen Schüleraustauschs hin. Die ersten Impulse dafür kamen aus dem Bundesland Hessen, insbesondere von der Carl-von-Ossietzky-Schule in Wiesbaden. „Wir waren die erste Schule bundesweit, die die deutsch-russische Partnerschaft mit den Schulen der Sowjetunion begründete. Wir waren diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass seit 1986 jedes Jahr Schüler aus Russland nach Deutschland kommen und in jedem Frühjahr deutsche Schüler nach Moskau fahren“, sagte Nehrbaß. Die in der großen Politik stattfindenden Veränderungen gingen zugleich einher mit „Veränderungen im Kleinen.“

 „In 20 Jahren hat sich die Welt verändert. Moskau hat sich völlig verändert, es herrscht ein anderes Gesellschaftssystem. Moskau ist eine lebendige Stadt. Die Gastgeberfamilien konnten feststellen, dass ein anderer Erfahrungshorizont bei den Moskauer Schülern existiert und die deutschen Schüler, die im kommenden Frühjahr dorthin fahren, werden uns berichten, was dort an Veränderungen im Alltag stattgefunden hat.“

 In einem Interview mit SOLON ging Nehrbaß noch einmal auf die Geschichte des deutsch-russischen Schüleraustauschs ein. Er selbst habe damals zu den Pionieren dieses von Hessen ausgehenden deutsch-russischen Schüleraustauschs gehört. Eine Schüsselfigur auf politischer Ebene sei damals Egon Bahr gewesen, der 1986 in Gesprächen mit Vertretern des Zentralkomitees und nicht zuletzt auch mithilfe von Gorbatschow den Grundstein für den Schüleraustausch legte. In diesen Gesprächen kam man überein, dass eine Veränderung im Verhältnis der beiden Länder bei der Jugend beginnen müsse. Anfänglich „dachte man daran, einen Aufsatzwettbewerb unter den Schülern zu organisieren, nach dem Motto: ‚Was weiß ich über Deutschland? Wie stelle ich mir Deutschland und die Sowjetunion vor?’“ Aufgrund der Besonderheit des föderalen Systems sei die Initiative damals an die Bundesländer weitergegeben worden.

 „Wir waren damals das einzige Bundesland (Hessen), das diese Initiative für einen Schüleraustausch aufgegriffen hat“, sagte Nehrbaß im Gespräch mit SOLON. Besonders unterstützt wurde die Initiative damals von der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung und ihrem damaligen Direktor Wolfgang Arnold, der später Leiter der Bundeszentrale für Politische Bildung wurde. In Zusammenarbeit mit der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung versuchte Nehrbaß, die Carl-von-Ossietzky-Schule in Wiesbaden für das Projekt zu gewinnen. Die damalige Schulleitung und auch die Russisch-Lehrerin des Gymnasiums Frau Rueß-Stoll hätten damals sofort ihre Unterstützung für das Projekt signalisiert, Letztere hat die erste Gruppe mit vorbereitet und begleitet.

 Für den ersten 1986 geplanten Besuch deutscher Schüler in Moskau wählte man in Hessen Schüler einer Berufsschule aus Kassel und Schüler von der Carl-von-Ossietzky-Schule in Wiesbaden. Die ersten beiden Gruppen wurden, so Nehrbaß, in entsprechenden Vorbereitungseminaren geschult, denn für die meisten Schüler „war die damalige Sowjetunion ein noch völlig unbekanntes Land.“ In Moskau waren die deutschen Schüler in einem Moskauer Jugendhotel untergebracht. Ein die Schüler zusätzlich begleitender Slawistikdozent von der Universität Mainz, der die Sowjetunion vielmals bereist hatte, teilte diesen damals mit, dass sie „keine einzige Wohnung von innen sehen, keine Telefonnummer und Adresse“ erhalten würden.

 Aber die Dinge entwickelten sich anders. Nehrbaß berichtet, dass die Moskauer Gastgeber während des ersten Besuchs in Moskau den Schülern mitgeteilt hätten: „Ihr wohnt in einem Jugendhotel, aber für einen Nachmittag laden wir euch zum Tee in unserer Schule (die spätere Partnerschule) ein; dort konnten die Schüler – anders als bei den üblichen sowjetischen Freundschaftstreffen – in Kleingruppen miteinander sprechen.“ „Im darauffolgenden Frühjahr kamen die ersten Schüler aus Moskau hierher nach Hessen. Auf dem Frankfurter Flughafen standen damals die Kamerateams des Hessischen Rundfunks und es war eine riesige Sensation, als die Moskauer Schüler die Gangway herunter kamen.“

 Die Presse begleitete diese auch auf ihrer Reise durch Hessen, wo die Schüler aus Moskau auf Kosten der Landeszentrale für Politische Bildung in dem Wiesbadener Hotel Fürstenhof untergebracht waren. „Damals wurde jedoch die Entscheidung gefällt, bei der Annäherung einen Schritt weiter zu gehen und die Schüler ein ganzes Wochenende lang bei entsprechenden Gastfamilien in Wiesbaden unterzubringen.“

 Begleitet von jeweils zwei Deutschlehrerinnen des Moskauer Lingustischen Gymnasiums No. 1513 entwickelte sich so über die Jahre hinweg ein regelmäßiger Schüleraustausch zwischen Schülern aus Hessen und Moskau. Die Schüler aus Moskau besuchen Deutschland im Herbst, gefolgt von einer deutschen Schülerdelegation, die Moskau im Frühjahr besucht.

 Nehrbaß wies auf die Besonderheit des Russischen Gymnasiums in Moskau No.1513 hin. In der sowjetischen Zeit „war die Moskauer Schule No.13 eine Spezialschule für den Deutschunterricht. Die Kinder lernen auch heute hier bereits ab dem 2. Schuljahr Deutsch. Deutsch ist die erste Fremdsprache, gefolgt von Englisch und Französisch als dritter Fremdsprache.“ Es sei absolut faszinierend zu sehen, wie sich bereits sieben- und achtjährige Schüler im Dialog auf Deutsch unterhielten. Die russischen Austauschschüler der 11. Klasse sprächen nach 8 Jahren Deutschunterricht fließend Deutsch.Viele der deutschen Schüler, die sich zum Austausch meldeten, lernten Russisch am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium. Unter ihnen ragten besonders die Russlanddeutschen hervor, welche die russische Sprache besonders gut beherrschten. Die deutschen Schüler kämen in der Regel völlig begeistert aus Moskau zurück und berichteten ihren Mitschülern mit Hilfe eines von ihnen dort gedrehten Films über ihre Eindrücke.

 Nehrbaß wies auf die „überwältigende Gastfreundschaft“ hin, die man in Moskauer Familien erfahren konnte. Selbst in Zeiten der größten wirtschaftlichen und politischen Krise habe man in Moskau stets „vollgedeckte Tische“ vorgefunden. Das Entscheidende aber war, dass auf menschlicher Ebene die Kontakte intensiver eworden seien.
 
 Frau Marina Sorokina, die Deutschlehrerin des Moskauer Linguistischen Gymnasiums No.1513, bestätigte diesen Eindruck im Gespräch mit SOLON. Auf die Frage, inwieweit sich eine Veränderung in der politischen Großwetterlage auf den Schüleraustausch auswirke, antwortete sie, dieser Austausch habe sich unabhängig von der Großwetterlage entwickelt. Sie selber sei mehre Jahre hintereinander mit einer Schülerdelegation aus Moskau nach Wiesbaden gekommen und habe festgestellt, dass die menschlichen Kontakte, die Kontakte zwischen den Direktoren der beiden Schulen und zwischen den Lehrern sowie zwischen den Familien eng geknüpft seien und der Austausch bestens verlaufe.

 

 
< zurück   weiter >