Rechtzeitig zum 150.Todestag Alexander von Humboldts ist das neueste Buch des renommierten Humboldt-Forschers Ottmar Ette „Alexander von Humboldt und die Globalisierung" erschienen. Der Leser lernt Humboldt nicht nur aus ganz neuer und eigener Perspektive kennen, sondern wird gleichzeitig herausgefordert, Humboldt aus der Rolle des halb vergessenen „letzten Universalgelehrten" zu befreien, um mit ihm tätigen und lebendigen Umgang zu pflegen, den Verästelungen und Verflechtungen seines Denkens - MOBILE DES WISSENS - zu folgen, damit die heutige Phase der Globalisierung friedvoll gestalten werden kann.
Von Frank Hahn
Der Verfasser Ottmar Ette ist Professor für Romanische Literaturwissenschaft – vielleicht ist ihm deswegen eine besondere Entdeckung gelungen: Alexander von Humboldts Werk interpretiert er als Verknüpfung zweier großer Erzählstränge, den Homerischen Epen und der Bibel. Ette selbst gelingt stilistisch die Verknüpfung von literarischem, wissenschaftlichem und dokumentarischem Stil auf eine Weise, die den Leser glaubwürdig und anschaulich auf die Humboldtsche Spur der Verschränkung von Ästhetik und Wissenschaft, schöner Literatur und empirischer Naturbeobachtung führt.
Aber warum Homer und die Bibel? Es wird Erich Auerbachs „Mimesis“ bemüht, in dem Auerbach vor über 60 Jahren eine faszinierende Beobachtung gemacht hatte: Die Homerischen Epen seien zwar in sich geschlossen, führten uns jedoch in einen zeitlich und räumlich begrenzten Zusammenhang, während die Bibel aus fragmentarischen Stücken zusammengesetzt sei, dennoch aber den Anspruch auf weltgeschichtliche Deutung erhebe. Humboldt nun – so Ette – habe eine „Poesie des Fragments“ geschrieben, nie habe er ein Buch beendet, er habe das Unabgeschlossene betont, keine Deutung des Ganzen, aber dennoch ein Ganzes schaffen wollen. Humboldt vereinige also Fragment und Totalität, wie sie von Auerbach bei Homer und in der Bibel dialektisch aufeinander bezogen gesehen wurden, in einer Person und Erzählung.
Ette stellt den Leser mitten hinein in die dialektische und paradoxale Kunst Alexander von Humboldts, nämlich etwas zusammen zu denken, was auf den ersten Blick nicht zusammen gehört. „Alexander von Humboldt und die Globalisierung“ heißt der Titel des Buches, in dessen letztem Kapitel (von Ette „Figur“ genannt) wir einem Kerngedanken zum Thema begegnen:
„Alexander von Humboldt ging es nicht um einzelne Weltfragmente, ihm ging es ums Ganze. Dem Ganzen aber war weder aus der Perspektive einer weltumspannenden Einheit noch auf jener einer ins Lokale zerfallenden Vielheit näher zu kommen. Die Konzipierung einer quer dazu verlaufenden dynamischen Forschungsperspektive war unumgänglich, wollte Humboldt nicht von der Fülle des Materials begraben werden oder die empirische Grundlage seiner Überlegungen verlieren. Allem Statischen setzte er daher ein Bewegungsbild entgegen, das sich weder in der Untersuchung des Lokalen und Regionalen verliert noch in die Dimensionen des Weltgeistes verflüchtigt.“
In diesen wenigen Sätzen kristallisiert sich Dilemma und Aufgabe der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts so prägnant wie es in keiner Politikerrede, keinem Zeitungskommentar oder wissenschaftlichen Politikexpertise zur Globalisierung je ausgedrückt wurde und wohl auch kaum je zur Sprache kommen wird. Immer noch wird die Welt ideologisch, kulturell und wissenschaftlich aus EINER Perspektive gedeutet, sei sie amerikanisch, europäisch, russisch, arabisch oder chinesisch. Die Globalisierung von Finanzmärkten, Konsumgewohnheiten und Architekturen hat mehr „Einerleiheit“ als Einheit hervorgebracht – der globale Zusammenhalt wurde bis vor kurzem über das Geld geregelt. Diese Regelung verliert im Zuge der Weltwirtschaftskrise an Glaubwürdigkeit, aber die gegenläufige Tendenz regionaler Fragmentarisierung könnte zum Rückfall in Provinzialismus führen, dem schon Humboldt sein Modell einer Entprovinzialisierung entgegengestellt hatte.
In Humboldts Antwort auf unser Problem, das sich in den früheren Phasen beschleunigter Globalisierung durchaus ähnlich darstellte, spielen laut Ette die Begriffe der Multirelationalität, der Querung verschiedener Wissensgebiete, dem Wissen als Bewegung und Erlebenswissen die entscheidende Rolle. Ette spricht von Transdisziplinarität, Interkulturalität, transarealem Queren, Intermedialität sowie der Popularisierung und Demokratisierung von Wissen als den Merkmalen des Humboldtschen wissenschaftlichen Diskurses.
Was hier als abstrakte Begrifflichkeit daherkommt, wird an etlichen Beispielen – wie Humboldts Reisen in die Tropen, nach Sibirien und Zentralasien sowie seinem großen Werk, dem „Kosmos“ – dem Leser so spannend und atemberaubend temporeich, ohne getrieben zu erschienen, vorgeführt, dass jene Buchhändlerin Recht hatte, die meinte, in zwei Tagen sei das Buch gelesen. Man muss es dann allerdings ein zweites und drittes und x-tes Mal lesen, um die BEWEGUNG mitzumachen, die Ette analog zu Humboldts „Bewegung ist Wissen“ – das Mobile des Wissens – dem Leser abverlangt. Einstimmend in diese Bewegung des Wissens stellt es der Autor dem Leser frei, in welcher Reihenfolge er sich das Buch erschließt. Ette bietet verschiedene „Lektüreparcours“ an, die auch „wie ein Kursbuch transversal“ – die Achsen und Figuren genannten „Kapitel“ querend – lesend durchlaufen werden können.
Die Kunst des Scheiterns
Folgte man diesem Vorschlag des Autors, dann könnte man mit dem Unterkapitel 58 aus der Achse 2 beginnen, das die Überschrift „Die Kunst des Scheiterns: die Fehler im System oder das Glück, niemals anzukommen“ trägt. Scheitern will gelernt sein. Humboldt fasziniert die „Kunst des Scheiterns“, was in einer heutigen „Null-Fehler-Kultur“ (Ette) natürlich befremdlich wirken mag. Aber gerade der beinahe pathologische Zwang zu ewigem Erfolg, Fortschritt und Wohlbefinden, die neurotische Angst vor dem Misslingen verhindern wissenschaftliche Einsichten und Entdeckungen. Ette beschäftigt sich mehrfach mit der Faszination, die – der scheiternde - Christoph Columbus auf Humboldt ausübte. So habe sich Cristobal Colon auf den Seeweg gen Westen gemacht, weil er den FEHLERN auf den Weltkarten glaubte! Richtiges Kartenmaterial hätte ihm die Unmöglichkeit seines Vorhabens, auf diesem Weg Asien zu erreichen, vor Augen geführt, so dass er vermutlich nie seine Reise angetreten hätte, was wiederum den Kontakt zwischen alter und neuer Welt mindestens um Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte verzögert hätte. Ette bezeichnet Humboldts Wissenschaftsverständnis als eines, „das nicht auf eine Kunst der Beherrschung, sondern auf eine Entfaltung der Kunst des Scheiterns zielt. Denn nur durch eine kunstvolle Epistemologie des Scheiterns war ein Scheitern der Epistemologie zu verhindern.“ Humboldt selbst fasst diesen Gedanken auch als „das Glück, nie anzukommen, da in diesem Fall die Geschichte zu Ende wäre.“ Humboldt ist damit der radikale Gegner jeden Systemdenkens – und so endet Ettes Buch mit dem Bogen Scheitern – Mobile des Wissens – Lebenskunst:
„Ein Systemdenken im Sinne abstrakter Denkvorstellungen, die…empirisch gänzlich ungesichert nur versuchten, sich gegenüber jeglicher Kritik zu immunisieren, war Humboldt verhasst. Er wollte seine Wissenschaftstheorie und – praxis nicht zu einem Systemdenken gerinnen lassen, sondern systematisch an der eigenen wissenschaftlichen Flexibilität und Bewegungsfähigkeit arbeiten. Wie viele Fehler und Irrtümer als fundamentale Triebkräfte von Wissenschaft und Forschung für die Generierung innovativen Wissens leisten können, hatte ihm die jahrzehntelange Beschäftigung mit Christoph Columbus und der Entdeckungsgeschichte, nicht zuletzt aber auch das eigene Erfahrungs- und Erlebenswissen gezeigt.
Gegen das Denken in Systemen und Schematismen, gegen eine Kultur, die ihre Fehler im System nicht einzugestehen vermag, setzte Alexander von Humboldt ein Schreiben, für das jedes Ende ein neuer Beginn ist, ein Denken, das die Fehler im System produktiv macht, und eine Bewegung, die auf das Glück setzt, niemals anzukommen. Diese Epistemologie, dieses Mobile des Wissens aber ist eine Lebenskunst.“
Und wir haben immer noch nicht gelernt, kunstvoll zu scheitern, möchte man hinzufügen. Vielleicht liegt in dieser provokanten Gedankenfigur des „Scheiterns als Kunst“ gerade jetzt in „Krisenzeiten“ die wirkliche Aktualität Humboldts. Er hätte uns schließlich gesagt, dass trotz mannigfachen Scheiterns die Globalisierung – im Sinne der beschleunigten Integration aller natürlichen und kulturellen Prozesse auf planetarischer Ebene - weiter voranschreiten werde.
Humboldts epistomologischer Sprung
Alexander von Humboldt begegnete den Globalisierungsängsten seiner Zeit, indem er ihr die Folie der ersten Phase beschleunigter Globalisierung – eben der Entdeckung Amerikas durch Columbus – zeigte. Ette fokussiert den Blick auf Humboldts Geburtsjahr, in dem gerade die sog. „Berliner Debatte“ um die Schriften des holländischen Geistlichen Cornelius de Pauw ihren Ausgangspunkt nahm. Dieser habe nicht nur die Inferiorität der indigenen Völker Amerikas in grellen Farben beschrieben, sondern unter Bemühung eurozentrischer und offen rassistischer Klischees vor den vermeintlichen Folgen der „zweiten Globalisierung“ im 18. Jahrhundert gewarnt: globaler Krieg und weltweite Seuchen!
Vor diesem Hintergrund werde der epistemologische Sprung Alexander von Humboldts deutlich, den dieser nach seiner amerikanischen Reise in den Jahren 1799-1804 vollzogen habe. In Figur 5 wird dieser Sprung unter der Überschrift „Der Mangel an Ordnung“ behandelt, womit der Autor auf die multirelationale, transareale und transdisziplinäre „Unordnung“ der Humboldtschen „Poetik des Fragments“ hinweisen möchte. Die Teile der Welt gleichzeitig aus den verschiedenen Perspektiven immer neu in Beziehung zu setzen – wobei Humboldt nie seine europäische Herkunft leugnete – konnte nur fragmentarisch und mehrfach „geschichtet“ gelingen. Ette markiert insgesamt neun horizontale und vertikale Raum-Zeit-Dimensionen im amerikanischen Reisewerk Humboldts, die miteinander in Beziehung gesetzt werden, von denen hier nur die folgenden genannt sein mögen: Die Horizontale des eigentlichen Reiseberichts, der sich als „offene Sequenz diskontinuierlicher Bewegungen“ in einem „ständigen Hin- und Herspringen zwischen einzelnen Phasen, Orten und Phänomenen der Reise […] als unstete, gleichsam nomadische Bewegung“ als die „Vergleichzeitigung der an verschiedenen Orten und Zeiten beobachteten Gegenstände“ dem Lesepublikum bereits als zwei Dimensionen zeigt; eine vertikale der geologischen Schichtung, eine zeitliche der Erd- und Menschheitsgeschichte, in der die Kulturen Amerikas mit denen der Ägypter, Etrusker, Inder, Chinesen, Griechen und Römer in eine diskontinuierliche, nicht- chrono-logische Beziehung gesetzt werden; eine soziale und politische Dimension, eine mythologische, eine literarische, in der ebenfalls die Schriftsteller der verschiedensten Epochen und Kulturräume miteinander ins Gespräch gebracht werden (also von Herodot bis Visconti, von Plutarch bis Schlegel), eine visuell-textliche Dimension des Zusammenfügens von Bild und Sprache, eine kulturelle, in der nach der „Ordnung der Weltkulturen“ gefragt wird. Hier also begegnen wir ganz augenfällig Homer und der Bibel.
Humboldt und das Humboldt-Forum
Was den letzten Punkt betrifft, leistet Ette einen wichtigen Beitrag zur Debatte um das Berliner Humboldt-Forum oder einem „Museum der Weltkulturen“. In der Tat könnten wir von Alexander von Humboldt beinah all das lernen und erfahren, was Inhalt des Humboldt-Forums sein könnte, so dass dieser Ort der Begegnung der Weltkulturen schließlich auch den Namen zu Recht trüge.
Humboldt hatte sein großes Werk „Ansichten der Kordilleren“ quasi als nicht-museales Museum konzipiert, was Ette so charakterisiert:
„Aktive Leserinnen und Leser sind hier gefragt, denn diese „Ansichten“ bieten unterschiedlichste Leserichtungen und Parcours an. Die Besucher dieses imaginären Museums können etwa den Zeugnissen der europäischen Landschaftsmalerei oder den Darstellungen indigener Bildhandschriften folgen. […] wie in einem Museum stellen sich vielfältigste Relationen zwischen den einzelnen Exponaten her, die von den beigefügten Texten wiederum in gänzlich andere Beziehungsgeflechte eingebunden werden.“
Wieder begegnen wir der Idee „vielfältigster Relationen“, die Humboldt selbst ganz anschaulich am Beispiel der „Maler- und Bildhauerakademie der Hauptstadt Mexiko“ darlegt. Er bestaunt den Apoll von Belvedere, die Gruppe des Laokoon und andere Meisterwerke des Altertums, die „unter der heißen Zone und auf einem Plateau vereinigt“ seien. Die Zusammenschau von Wissenschaft und Kunst, Gebirgslandschaften und Klimaten, Natur und Kultur der alten und neuen Welt, abendländischer und amerikanischer Antike lässt den Besucher dieses imaginären Museums zwischen „verschiedenen Welten“ pendeln. Dieses Konzept des Querens von und des Pendelns zwischen den Kulturen wird von Ette als „Bewegung zwischen Auseinander-Setzen und Zusammen-Denken“ bezeichnet, wobei „Auseinander-Setzen und Zusammen-Denken stets ein Auseinander-Denken und Zusammen-Setzen implizieren….“ In diesem dynamisch aufeinander bezogenen Begriffspaar ließe sich wohl am besten die Aufgabe des zukünftigen Humboldt-Forums fassen. Denn das ständige „Setzen und Denken“ in die auseinanderstrebenden Richtungen des Zusammen und Auseinander erfordern in der Tat nicht nur aktive Leser, sondern tätige Besucher eines solchen Forums oder Museums. Diese Besucher werden dadurch angeregt und bewegt, wie Homer oder die alten Propheten oder die Prinzessin aus 1001 Nacht die Geschichte und Geschichten der Weltkulturen aus immer neuen Blickwinkeln zu „erzählen“. Und jetzt verstehen wir auch, was Ette mit dem Hinweis auf die großen Erzählungen meinte, die Humboldt fortsetzt. Wer setzt sie heute fort, wenn nicht viele Menschen daran partizipieren? Damit dies gelingen kann, hat Humboldt seine Erzählungen nicht beendet, sondern offen gelassen, er spricht vom „Schweben über den Dingen“, damit wir Nachgeborenen es leichter haben: Statt in die „Fußstapfen“ früherer Generationen, die doch meist zu groß sind, zu treten, können wir uns dem Schweben und Pendeln als Bewegung des Lebens und des Denkens hingeben – ob dies allerdings angesichts der Verkrustung in Wissenschaften, Politik und Kultur unbedingt leichter sein wird als der Versuch, mit kleinen Füßen große Fußstapfen auszufüllen, sei dahingestellt. In der Bewegung von Auseinander-Setzen und Zusammen-Denken in Richtung auf die außereuropäischen Kulturen mögen wir jedoch auch dieser Verkrustung produktiv zu Leibe rücken – und hierin bestünde womöglich die eigentlich welt-umspannende Herausforderung für das Humboldt-Forum.
Nach der Kehlmannisierung
Alexander von Humboldt hat also uns Heutigen viel zu sagen, nachdem er „lange Zeit als nur historisch interessante Figur missverstanden worden war“, wie es im Klappentext des Buches heißt. Mit Nachdruck betont Ette denn auch wiederholt, dass die Etikettierung Humboldts als dem „letzten großen Universalgelehrten“ ihm und seinem Werk keineswegs gerecht werde. Vielmehr habe Humboldt als Erster ein auf „relationalen Logiken und Schreibformen beruhendes Wissenschaftsmodell“ entwickelt, das gerade für das 21. Jahrhundert „wegweisenden Charakter“ besitze, aber „als „Weltbeschreibung“ einer ….Mensch und Natur zusammen denkenden Konzeption“ keineswegs auch nur annähernd ausgelotet sei. Dass Humboldt lange Zeit in Vergessenheit geraten sei bzw. vor und nach dem Vergessen als Universalgelehrter zwar bewundert, aber als historisch und wissenschaftlich überwunden gegolten habe, hängt mit der geradezu abenteuerlichen Rezeptionsgeschichte zusammen, die Ette dem Leser nicht vorenthält.
Daniel Kehlmann ist mit seinem Roman von der „Vermessung der Erde“ nicht der erste, der statt über Humboldt zu schreiben, nur „Humbug“ verfasst habe, wie Ette feststellt. Der Leser erfährt, dass während des ganzen 19.Jahrhunderts die von Humboldt in französischer Sprache verfassten Bücher zur amerikanischen Reise nur in Auszügen und häufig grob verfälscht bzw. ideologisch instrumentalisiert für die deutsche Sprache bearbeitet worden sind – von Übersetzung kann hier nicht die Rede sein. Eine geradezu grobe Verfälschung erlebte Humboldt in den USA: Die berüchtigte Übersetzung seines Kuba-Werkes von John S. Thrasher aus dem Jahre 1856 machte Humboldt zum Verfechter der Sklaverei! Dieser ideologisch ausgefeilte „Irrtum“ in der amerikanischen „scientific community“ habe sich bis heute erhalten, obwohl Humboldt bekanntermaßen einer der ersten und konsequentesten Vorkämpfer gegen die Sklaverei gewesen sei. In gnadenlos subtiler Polemik schließlich entlarvt Ette Daniel Kehlmann als Jemanden, der sich in diese Tradition der bewussten Verfälschung einreihe. Ette stellt die Frage, wie es zu dem „großen Erfolg dieses kleinen Romans“ kommen konnte. Ein Teil der Antwort lautet: Weil niemand den wirklichen Humboldt kennt. Und so könne Kehlmann es sich leisten, auch noch mit der eigenen Unkenntnis zu prahlen, den Kosmos einen Albtraum zu nennen, den er nicht gelesen habe (vielmehr habe er Sekundärliteratur tonnenweise konsumiert), um dann schamlos festzustellen: „Im Dienst der Wahrheit musste ich die Richtigkeit manipulieren…“ Dabei sei schließlich ein zwar witzig geschriebener Roman entstanden, der allerdings mit Humboldt nichts zu tun habe, vielmehr die diversen Klischees der letzten 200 Jahre weiter pflege. Kehlmanns Arbeit sei „keine Recherche nach der verlorenen Zeit, sondern nichts anderes als bei der Recherche verlorene Zeit – wenn man in Kehlmanns Welt denn überhaupt von Recherche sprechen will“, lautet das schneidende Resümee Ettes. Verheerend habe sich in den letzten Jahren die Kehlmannisierung des deutschen Feuilletons ausgewirkt – allerdings habe Kehlmanns „Bestseller“ nicht das Potential zum „Longseller“. Insofern lautet die interessante Frage: Was passiert editionspolitisch nach der Kehlmannisierung? Noch viele Schätze gebe es in Humboldts Werk zu heben – und:
„Es ist an der Zeit, Alexander von Humboldts lebendiges Weltbewusstsein zu entdecken – und damit zu einer geistigen Entprovinzialisierung beizutragen, für die dieser Denker der Globalität mit seinen Texten wie kaum ein anderer Europäer einsteht.“
Dass Ette nicht erst mit dem vorliegenden Buch, sondern bereits mit diversen Arbeiten, Veröffentlichungen und Initiativen in den letzten 27 Jahren zur Hebung der Humboldtschen Schätze beigetragen hat, sei am Schluss erwähnt. Angeregt durch die Begegnung mit lateinamerikanischen Autoren im Rahmen des Westberliner „Horizonte-Festivals“ im Jahre 1982, verfolgt Ette seit diesem Zeitpunkt beharrlich das Ziel, den „ganzen, unverfälschten Humboldt“ vor allem dem deutschen Publikum nahe zu bringen. Denn bei besagter Begegnung 1982 musste man hierzulande mit Bestürzung feststellen, dass der in Lateinamerika als Universalgenie und „Prometheus der Wissenschaften“ geltende Alexander von Humboldt im eigenen Land weitgehend ein Unbekannter war. Ohne auf alle von Ette initiierten Editionen und Übersetzungen sowie seine eigenen Buchprojekte seit jener Zeit einzugehen, sei nur auf einen rezeptionsgeschichtlich fast unglaublichen Umstand hingewiesen: Erst im Jahre 2004 (!) wurde durch Ettes „Einsatz“ die ERSTE vollständige deutsche Übersetzung der „Ansichten von den Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“ rechtzeitig zum 235. Geburtstag Humboldts auf den Markt gebracht. Und im Humboldt-Jahr 2009 wird die Veröffentlichung von Ettes Buch „Alexander von Humboldt und die Globalisierung“ ergänzt durch die Edition von Humboldts „Die Entdeckung der neuen Welt“ in zwei Bänden.
Ottmar Ette ist es wunderbar gelungen, den philosophischen, literarischen und witzigen Alexander von Humboldt selbst witzig, literarisch und philosophisch dem Publikum des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen. Philosophisch: Ette vergleicht das Denken Humboldts mit der Karte des Orinoco-Flusses: „In den sich verästelnden und vielfältig miteinander verbundenen Wasserwegen zeigt sich nicht eine einfache Verkettung, sondern ein netzartig verschlungenes Gewebe.“ Literarisch: Die Poesie des „Christoph Columbus in Sibirien“ wird vor allem auch auf Humboldts Asien-Reise im Jahre 1829 deutlich, denn in seinen Beschreibungen von dort schieben sich ästhetisch-literarisch die amerikanischen und asiatischen Erlebnisse und Beobachtungen kunstvoll ineinander und übereinander, so dass Ette diesen Schreibvorgang treffend so beschreibt: „Wissenschaftlicher und ästhetischer Diskurs erzeugen so ein eigentümliches Oszillieren, in dem das Hier, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick, zum Dort, zum Woanders wird: Ici es tun autre. In dieser physischen Weltbeschreibung und Weltbetrachtung des preußischen Schriftstellers ist Amerika immer in Asien, und Asien ist immer auch Amerika.“ Und schließlich witzig: Die erwähnte Sibirien-Riese Humboldts wird zum ersten Mal aufgrund schlechten Wetters an der kurischen Nehrung für mehrere Tage unterbrochen. Die unfreiwillige Pause nutzt Humboldt für folgende beißende Polemik gegen seine Heimatstadt Berlin, die er – getreu dem Motto „hier ist woanders“ – sich an die Ostseeküste versetzt vorstellt, denn die Landschaft habe sich über 200 Meilen zwischen Berlin und dem Kurland nicht allzu sehr verändert: „Wenn Schinkel dort (an der Kurischen Nehrung) einige Backsteine zusammenkleben ließe, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würden, so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Nehrung sich ins Meer tauchen sehen. Dazu spricht man dort…rein Sanscrito, lithauisch.“
Bildnachweis: Cover des Buches mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
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