Am 23 Juni 2009 stellte der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld in Dresden die deutsche Ausgabe seines seines Buches „The Changing Face of War – Lessons of Combat from the Marne to Iraq“ vor. Im folgenden eine Rezension von „Gesichter des Krieges“*
Von Michael Liebig
Krieg bedeutet die extreme
Grenzdimension in der Existenz von Völkern wie individuellen
Menschen: Äußerste physische und psychische Anspannung,
systematische Gewalttätigkeit und massenhaft Verwundung und Tod. Bei
diesem extrem schwierigen Untersuchungsgegenstand ist emotionale
Aufladung eigentlich vorprogrammiert, aber van Creveld vermeidet
gleichermaßen moralische Empörung und Beschönigung. Wegen dieser
unaufgeregten und nüchtern Herangehensweise wird van Creveld in
Deutschland nicht selten vorgeworfen, er sei „provokatorisch“
oder zynisch.
Ein überfälliger Diskurs
Diese Kritik ist gänzlich verfehlt. In seinem Buch konfrontiert van Creveld den Leser mit der Realität. Er beschreibt und analysiert bis in die Gegenwart hinein, was geschehen ist – und dies ist in der Tat verstörend. Dass die allermeisten Deutschen nach dem „Dreißigjährigen Weltkrieg“ 1914-1945 von einer intellektuellen Beschäftigung mit Krieg nichts mehr wissen wollten, ist verständlich. Die Verächtlichmachung des „deutschen Pazifismus“, beispielsweise in anglo-amerikanischen Medien, zeugt schlicht von geschichtlicher Ignoranz.
Dennoch: Das in Deutschland weit verbreitete mentale Verdrängen des Krieges blockiert zugleich den Diskurs über die fortdauernde kriegerische Gewalttätigkeit in vielen Teilen der Welt, die mannigfaltige Auswirkungen auf Deutschland hat. Welche politischen, ökonomischen aber auch militärischen Mittel wären notwendig, damit diese kriegerischen Konflikte zumindest eingedämmt werden könnten? Und welche Rolle könnte oder sollte Deutschland dabei spielen? Unter welchen Bedingungen und mit welchen Dosierungen und Kombinationen von Maßnahmen könnte oder sollte sich Deutschland bei auswärtigen Konflikten einmischen? Als deutsche Soldaten in den Balkan und nach Afghanistan geschickt wurden, gab es keine solche Debatte. Heute – 14 bzw. 8 Jahre später – gibt es diese Debatte immer noch nicht.
Mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist an der Zeit, sich der Realität des Krieges mit intellektueller Ernsthaftigkeit zuwenden. In Deutschland ist jetzt eine Generation herangewachsen, die nicht mehr von den für die „68er Generation“ typischen „Folge-Traumata“ des Zweiten Weltkrieges geprägt sind, und für die auch der Kalte Krieg nur noch Geschichte ist. Diese jungen Leute haben eine unaufgeregte und nüchterne Haltung zu militärischen Konflikten.
Zwar gibt es seit ungefähr zehn Jahren in Deutschland einen Diskurs über „neue Kriege“ im akademischen Bereich und in einigen Medien. Aber dieser Diskurs erscheint gleichsam aufgesetzt, denn ihm fehlt die konzeptionelle Einbettung in die Militärgeschichte, insbesondere die eigene deutsche Militärgeschichte. Genau in diese Lücke zielt van Crevelds Buch.
Deutsche Militärgeschichte ohne ideologische Brille
Der Vorwurf des „Provokatorischen“ bezieht sich insbesondere auf van Crevelds sachlich-nüchterne Bewertung des deutschen Heeres im Ersten Weltkrieg und vor allem der Wehrmacht, der er „eine überlegene Doktrin, eine überlegene Ausbildung und eine überlegene Führung“ bescheinigt. Um dann ebenso nüchtern festzustellen, dass die überragende operativ-taktische Kampfkraft der Wehrmacht aber an der materiellen Ressourcenüberlegenheit ihrer Gegner scheitern musste.
In den „Blitzkriegen“ von 1939 bis 1941 konnte die Wehrmacht ihre operativ-taktische Überlegenheit ausspielen und fast ganz Westeuropa erobern. Danach diktierten die industriellen und demographischen Potentiale der USA und der Sowjetunion das Kriegsgeschehen.
Die sowjetische Führung war beim Einsatz der eigenen Kräfte rücksichtslos und nahm ungeheure eigene Verluste in Kauf. Die Verluste der Wehrmacht waren weit geringer, aber sie konnten nicht mehr ersetzt werden. Van Creveld verweist darauf, dass „von vier im Kampf gefallenen Soldaten der Wehrmacht drei an der Ostfront den Tod fanden“. Die Wehrmacht konnte ab 1943 nur noch hinhaltenden Widerstand leisten, aber die Sowjetarmee brauchte noch knapp zwei Jahre bis sie Berlin erobert hatte.
Auf Seiten der Westalliierten war die materielle Überlegenheit gegenüber der Wehrmacht schlicht erdrückend, trotzdem dauerte es 11 Monate bis die Westalliierten von der Kanalküste bis zur Elbe vorgerückt waren und die Wehrmacht kapitulierte – gerade noch rechtzeitig, bevor die erste Atombombe über Berlin abgeworfen worden wäre, wie van Creveld anmerkt.
Nur die Vereinigten Staaten mit ihrem enormen Bevölkerungs- und Industriepotential waren in der Lage, erfolgreich einen globalen Zweifrontenkrieg zu führen, während auf dem europäischen Kontinent Deutschland in beiden Weltkriegen daran scheiterte. Van Creveld kommt zu der nüchternen Feststellung, dass weder militärische noch technologische Spitzenleistungen, sondern die mobilisierten Kraftpotentiale der Kriegsparteien in beiden Weltkriegen über Sieg und Niederlage entschieden. Die Führung Nazi-Deutschlands hat das eigene Kraftpotential maßlos überschätzt und das ihrer Gegner maßlos unterschätzt. Zugleich aber hat die alliierte Kriegspropaganda dazu beigetragen, dass bis heute ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Kräfteverhältnisse im Zweiten Weltkrieg vorherrscht.
„Was, wenn…“
In van Crevelds Buch gibt es einen faszinierenden Abschnitt, in dem er das hypothetisches Szenario eines „Sieges Nazi-Deutschlands“ entwirft – und dabei zu ganz ernüchternden Schlussfolgerungen kommt. In diesem hypothetischen Szenario beenden im Jahre 1942 die Sowjetunion, Großbritannien und die USA den Krieg und überlassen Deutschland das gesamte seit 1939 eroberte Territorium in Kontinentaleuropa. Die „siegreiche“ Wehrmacht (plus Waffen-SS) mit rund 8 Millionen Soldaten muss schon aus wirtschaftlichen Gründen deutlich demobilisiert werden. Van Crevelds Annahme ist eine Reduzierung auf 1,5 Millionen, die müssen dann aber ein Besatzungsregime über fast das gesamte Kontinentaleuropa absichern.
Gewiss gab es in den besetzten Ländern mehr Kollaborateure als nach dem Kriege zugegeben wurde, aber die mehr als 200 Millionen Russen, Polen, Franzosen, Jugoslawen, Griechen und andere europäische Völker hätten mit Sicherheit das deutsche Besatzungsregime nicht auf Dauer hingenommen.
Der Widerstand gegen die deutsche Fremdherrschaft hätte sich formiert und wäre im Laufe der Zeit stärker geworden. Bei der Bekämpfung der Partisanen wären genau die Qualitäten, die die Wehrmacht im regulären Kampf auszeichneten, weitgehend nutzlos gewesen. Eine in jeder Hinsicht überdehnte und überforderte Wehrmacht wäre immer rücksichtsloser und brutaler gegen die Partisanen und die Bevölkerung der besetzten Länder vorgegangen – wie es ja auch insbesondere in der Sowjetunion, Jugoslawien und Griechenland tatsächlich geschah. Brutale Unterdrückungsmaßnahmen, die aber nie überall und gleichzeitig durchgeführt werden können, hätten den Widerstand insgesamt aber nur verstärkt. Die Zeit hätte gegen die deutschen Okkupation gearbeitet und am Ende hätte höchstwahrscheinlich der Rückzug der Wehrmacht aus den besetzten Ländern Europas gestanden.
Das nüchterne und zugleich beruhigende Ergebnis dieses „Was, Wenn“-Szenario lautet: Den Krieg „gewonnen“, um ihn zu verlieren. Van Creveld geht noch einen „politisch inkorrekten“ Schritt weiter, indem er darauf hinweist, dass die Sieger des Zweiten Weltkriegs nach diesem Krieg genau diese Erfahrung in Algerien, Vietnam, Afghanistan oder im Irak machen mussten.
Der Krieg nach 1945: Nukleare Abschreckung
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich die vorherrschenden Formen kriegerischer Gewalt radikal geändert. Van Creveld sieht die entscheidende Zäsur im August 1945: Der Abwurf der ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki.
Für vier Jahre besaßen die Vereinigen Staaten das Weltmonopol an Nuklearwaffen. Im August 1949 zündete die Sowjetunion ihre erste Atombombe. Das ist die zweite Zäsur, denn nun begann die Ära der gegenseitigen nuklearen Abschreckung. Ein Krieg zwischen Atommächten, mit Atomwaffen geführt, würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der gegenseitigen Total-Zerstörung enden. Aber auch ein (zunächst) mit konventionellen Waffen geführter Krieg zwischen Atommächten (bzw. sie einschließenden Bündnissen) würde wahrscheinlich bis zum Einsatz von Atomwaffen eskalieren, dann nämlich, wenn eine Kriegspartei vor der konventionellen Niederlage stünde.
Van Creveld weist überzeugend nach, dass Atomwaffen das Ende „großer“ Kriege zwischen Großmächten – wie die beiden Weltkriege – bedeutet.
Die Logik der nuklearen Abschreckung ist natürlich nur zwischen Atommächten (und vielleicht ihren Verbündeten) wirksam. Inzwischen sind neben den USA und Russland noch Großbritannien, Frankreich, China, Israel, Indien, Pakistan und möglicherweise Nord-Korea zu Atommächten geworden. Hinzu kommt, dass rund 30 Staaten über die technischen Voraussetzungen verfügen, kurzfristig Atomwaffen zu bauen, wenn sie dazu entschlossen wären.
Und die Logik der nuklearen Abschreckung funktioniert nur solange, wie es keine umfassend effizientes System zur Abwehr nuklearer Offensivwaffen, einschließlich ballistischer Raketen, gibt. Van Creveld meint, dies sei technisch nicht machbar, und dass bereits der Versuch der technischen Realisierung von Raketenabwehr zum finanziellen Ruin desjenigen führen würde, der ihn unternimmt. Ob diese kategorische Festlegung auch in Zukunft gilt, ist zumindest hinterfragbar.
Van Creveld sieht in Atomwaffen und ihrer Proliferation (er nimmt dabei auch den Iran nicht aus) keineswegs die zentrale Bedrohung des Weltfriedens. Im Gegenteil, dass es seit 1945 keinen „großen“ Krieg mehr zwischen Großmächten gegeben hat, sieht er im System der nuklearen Abschreckung begründet. Diese Auffassung ist zwar nicht „politisch korrekt“, aber logisch schwer zu widerlegen.
Der Krieg nach 1945: Der Rückzug des „konventionellen“ Krieges
Nun wird man einwenden, dass es auch nach dem August 1945 konventionelle Kriege gegeben hat. Aber sie waren nicht mehr wirklich „groß“ und bei ihrer Begrenzung spielte die Möglichkeit, dass es zu einem Einsatz von Atomwaffen kommen könnte, eine wesentliche Rolle. Das war so im Korea-Krieg und im Yom-Kippur-Krieg 1973. Es gab konventionelle Kriege zwischen Indien und Pakistan (1965 und 1971) und Indien und China (1963), aber nachdem China 1964, Indien 1974 und Pakistan 1998 Atomwaffen getestet hatten, gab es zwischen diesen Mächten keine konventionellen Kriege mehr.
Die Israelis führten und gewannen 1967 noch einmal einen konventionellen „Blitzkrieg“ nach dem Muster von 1939-41 – es dürfte der letzte seiner Art gewesen sein. Der einzige größere konventionelle Kriege zwischen Staaten nach 1945 war der Irak-Iran-Krieg von 1980-88, dabei wurden chemische Waffen und Fernraketen eingesetzt, aber Nuklearwaffen spielten keine Rolle. Die Geschichte der zweiten Hälfte der 20. Jahrhunderts würde also van Crevelds Auffassung stützen, dass Atomwaffen mindestens kriegseindämmend, wenn nicht kriegsverhindernd wirken.
E contrario, würden die beiden amerikanisch-irakischen Kriege von 1991 und 2003 van Crevelds Position stützen: 1) Der „konventionelle“ Invasion der USA im Jahre 2003 wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erfolgt, hätte der Irak tatsächlich über Atomwaffen oder einen nuklearbewaffneten Verbündeten verfügt. 2) Die Kriege von 1991 und 2003 waren keine „konventionellen“ Kriege, denn die konventionellen Militäroperationen der Amerikaner standen unter dem „Schirm“ amerikanischer Atomwaffen. Die Nuklearmacht USA führte Krieg gegen einen nicht-nuklearen Staat. (Wenngleich über den Irak propagandistisch behauptet wurde, er besitze Massenvernichtungswaffen.) Übrigens, auch im Falklands/Malvinas-Krieg 1982 stand die Nuklearmacht Großbritannien dem nicht-nuklearbewaffneten Argentinien gegenüber.
Der radikale Bedeutungsverlust des „großen“ konventionellen Krieges nach 1945 ergibt sich daraus, dass der konventionelle Fast-„Sieger“ damit rechnen muss, dass sein konventionell geschlagener Gegner den Untergang vor Augen zum „letzten Mittel“ – Atomwaffen – greift.
An diesem logischen Widerspruch kam auch die konventionelle Aufrüstung der NATO und des Warschauer Paktes im Kalten Krieg nicht vorbei. Die Rüstungsgüter wurden technisch immer aufwendiger und teurer, hätten aber im Kriegsfall letztlich doch nicht die Eskalation in einen Atomkrieg verhindert. Die konventionelle Aufrüstung in Kalten Krieg hatte sich als militärisch „nutzlos“ erwiesen, wie van Creveld anmerkt.
Van Creveld verweist zu Recht darauf, dass der Niedergang des konventionellen Krieges mit einer Atrophie der konventionellen Streitkräfte einhergegangen ist. Das war während des Kalten Krieges noch nicht sichtbar, danach aber umso deutlicher. Zunächst wurden nach 1989 die konventionellen Streitkräfte in Ost und West drastisch reduziert. Auch wenn danach, zumindest in der NATO, die Militärbudgets relativ hoch geblieben sind, konnten damit immer geringere Stückzahlen von konventionellen Waffen angeschafft werden. Die Qualität (und Komplexität) der neu angeschafften Waffensysteme und ihre „Vernetzung“ wird immer mehr gesteigert, was angeblich ihre schrumpfende Quantität mehr als kompensiert. Ob damit aber die tatsächliche Kampfkraft konventioneller Streitkräfte aufrecht erhalten, geschweige denn gesteigert wird, bezweifelt van Creveld nachdrücklich. Für ihn ist der wichtigste Indikator der fortschreitenden Atrophie konventioneller Streitkräfte die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht zugunsten immer kleinerer Armeen von Berufssoldaten und -soldatinnen.
Der Krieg nach 1945: Aufstandsbewegungen
Die strategische Dominanz der Nuklearwaffen „in being“ und der Niedergang der konventionellen Streitkräfte geht für van Creveld mit der dramatischen Bedeutungszunahme des irregulären Krieges einher. Guerrilla-Krieg, low intensity conflict, Terrorismus sind seit 1945 die vorherrschenden Formen militärischer Gewaltanwendung geworden, wenngleich sie in der Kriegsgeschichte keineswegs „neu“ sind. Diese Aufstandsbewegungen sind ideologisch, nationalistisch, ethnisch oder religiös motiviert. Es geht bei ihnen um gewalttätige Konflikte zwischen nicht-staatlichen Akteuren (auch wenn sie von Drittstaaten unterstützt werden) und Staaten. Hier geht es nicht mehr um militärische Konflikte zwischen Staaten.
Aufstandsbewegungen sind militärisch schwach. Die Bewaffnung beschränkt sich meist Handfeuerwaffen und selbst gebastelte Sprengfallen (IEDs). Aber die Aufständischen unterlaufen die militärtechnische Überlegenheit des Gegners, der über Panzer, Artillerie und Kampfflugzeuge verfügt. Die Aufständischen operieren im Untergrund und schlagen aus den Hinterhalt zu. Sie „haben Zeit“ und sind bereit, hohe Verluste hinzunehmen. Solange sie nicht völlig zerschlagen sind, gewinnen sie. Die „regulären“ Aufstandsbekämpfer dagegen „haben keine Zeit“ und tun alles, um eigene Verluste zu vermeiden. Dabei setzen sie oft schwere Distanzwaffen ein, die „Kollateralschäden“ in der Bevölkerung verursachen und diese weiter verbittern und in die Arme der Aufständischen treiben. Brutale Unterdrückung, Massaker und Folter verstärken den Widerstandswillen der Aufständischen, korrumpieren und demoralisieren aber wiederum die Aufstandsbekämpfer.
Van Creveld verweist auf die Aufstandsbewegungen in Algerien, Vietnam und den Irak und kommt zu der Schlussfolgerung, „dass seit 1945 praktisch alle Versuche, Aufstände zu bekämpfen, gescheitert sind.“ Die geringste Bereitschaft und Fähigkeit, aus Niederlagen zu lernen, bescheinigt er den Amerikanern. „99% der Literatur“ über Aufstandsbekämpfung müsse „über Bord geworfen“ werden, denn sie sei „aus der Sicht der Verliererseite“ geschrieben und damit „so gut wie wertlos.“ (Ich weiß nicht, ob van Creveld dem verbleibenden 1% beispielsweise F. A. von der Heydtes Buch „Der moderne Kleinkrieg“ zurechnet?)
Counter-Insurgency
Eine wirksame militärische Aufstandsbekämpfung sei aber durchaus möglich, meint van Creveld und bietet zwei Modelle dafür an: das der Briten in Nord-Irland und das von Hafis al-Assad im syrischen Hama.
A) Das „Assad-Modell“: Ein überraschender, mit äußerster Brutalität geführter Schlag ohne Rücksicht auf Verluste unter Zivilisten, um der Aufstandbewegung sozusagen das Rückgrat zu brechen. Die den Aufstand unterstützende Bevölkerung wird mit Absicht nicht geschont, um sie maximal zu verängstigen. 1982 ließ Hafis Al-Assad die Stadt Hama, Zentrum der Aufstandsbewegung der Muslim-Bruderschaft, mit schwerer Artillerie zusammenschießen, wobei mindestens 10,000 Menschen getötet wurden.
B) Die Methode der Briten gegen die IRA in Nord-Irland beschreibt van Creveld als das genaue Gegenteil: Kein „Krieg gegen den Terror“. Polizeilich-strafrechtliches Vorgehen unterstützt von der Armee, keine Einsatz schwerer Waffen und äußerste Zurückhaltung und Disziplin der Armee, keine willkürlichen Verhaftungen, Folterungen oder „gezielte Tötungen“ – vor allem aber nicht provozieren lassen und Geduld.
Bezüglich dieser beiden Modelle der „Counter-Insurgency“gebe es nur ein „entweder-oder“, aber keinen „dritten Weg“, erklärt van Creveld kategorisch. Nichts sei schlimmer als der „krasse Wechsel von Morden zu Freundlichkeit“ (und umgekehrt) meint er zur Aufstandsbekämpfung der Amerikaner im Irak.
Das britische Modell der „Counter-Insurgency“ hat in Nord-Irland tatsächlich funktioniert. Die IRA hat verloren und den bewaffneten Kampf zugunsten politischer Partizipation aufgegeben. Van Creveld räumt ein, dass die Briten nicht immer „sauber“ vorgingen, aber sie lernten aus ihren Fehlern zu Anfang der 1970er Jahre.
Es bleibt hier anzumerken, dass Aufstandsbewegungen zwar ideologisch, nationalistisch, ethnisch oder religiös motiviert sind, aber immer auch durch schwerwiegende sozialökonomische Missstände bedingt sind. Wenn diese nicht beseitigt werden, dann kann es keine langfristig erfolgreiche Aufstandsbekämpfung mit militärischen Mitteln gebe, auch wenn diese maßvoll und hochdiszipliniert eingesetzt werden. Es wäre sicher lohnenswert, zu untersuchen, wie groß die Mittel aus dem EU-Regionalfonds sind, die im vergangen Vierteljahrhundert nach Nord-Irland geflossen sind und dort die sozialökonomische nachhaltig verbessert haben.
In die 1990er Jahren schrieb van Creveld das Buch „Aufstieg und Niedergang des Staates“, in dem er brilliant den Aufstieg des Staates nachzeichnet, aber dann die These eines geradezu historisch determinierten Absterbens des modernen Staates zugunsten privater Akteure vertritt – auch und gerade im Sicherheitsbereich. Diese These spielt auch seinem Buch „Transformation of War“ eine zentrale Rolle – zusammen mit einer schwer nachvollziehbaren Polemik gegen Clausewitz. In „Gesichter des Krieges“ ist davon aber kaum mehr die Rede.
Die meisten Wissenschaftler sind leider keine originellen Köpfe. Martin van Creveld ist ein exzellenter Historiker und ein origineller Kopf. Das heißt nicht, dass alle seine Beurteilungen und Prognosen zutreffend sind, aber viele, wenn nicht die meisten sind es. Und auch die fragwürdigen Hypothesen regen zum Weiterdenken an.
* Martin van Creveld, Gesichter der Krieges – Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute, Siedler Verlag/Random House, 2009
Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Siedler-Verlages
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