Braucht Deutschland ein Zentrum für verfolgte Schriftsteller, Künstler und Mu­siker?

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Auf einer Tagung des Moses-Mendelssohn-Zentrums zum jüdischen Kulturerbe hielt Prof. Dr. Jakob Hessing (s. Bild) aus Jerusalem am 27. Oktober 2011 im Berliner Centrum Judaicum die folgende Rede. Hessing arbeitet als Schriftsteller und leitet die germanistische Abteilung der Hebräischen Universität Jerusalem (http://pluto.huji.ac.il/~jhessing/). Die Überschrift seines Vortrags verweist auf die Bemühungen um den Aufbau eines „Zentrums der verfolgten Künste“, wie es namentlich von der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft (http://www.exil-zentrum.de/ sowie http://www.exil-club.de/ ) seit Jahren gefordert wird. Aber auch die Nobelpreisträgerin Herta Müller hat sich in letzter Zeit mehrfach öffentlich für ein Museum des Exils eingesetzt (eine Kurzinfo dazu ist nach dem Redetext zu finden). Hessings Vortrag greift diese Bemühungen auf, um sie jedoch in den weiteren Zusammenhang einer Betrachtung zum Verhältnis von Macht und Kunst hinüberzuführen. Dabei ist es ihm gelungen, diese uralte Frage der Menschheit – wie nämlich die Kunst sich gegenüber der Macht behaupten kann – aus der gleichzeitigen Perspektive biblischer und moderner Zeiten sowie poetischer, religiöser und philosophischer Annäherungen lebendig werden zu lassen. Von Prof. Dr. Jakob Hessing

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China – Annäherung an eine komplexe Herrschaftsstruktur

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In welchem Übergangsstadium sich China als „sozialistischer Staat unter der demokratischen Diktatur des Volkes“ gegenwärtig befindet, ist für Außenstehende kaum feststellbar. Vielleicht sind sich die Machthaber noch nicht einmal selbst darüber völlig im klaren. Ob die Informationen, die frei verfügbar sind, bereits eine realistische Lageanalyse liefern, ist ungewiss. Der nachfolgende Text stützt sich sowohl auf eigene Eindrücke wie auch auf Berichte. Auf der Grundlage einer theoretischen Analyse stellt er aber vor allem ein Instrumentarium zur Verfügung, mit dem man sich einem präziseren Bild annähern kann.

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Zivilgesellschaft im Spannungsverhältnis von Staat und Ökonomie

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Politiker verweisen gern auf die Unzulänglichkeiten der Zivilgesellschaft, wenn ihre politischen Aktionen nicht den gewünschten Erfolg erbracht haben. Als erstrebenswerte Entwicklungsaufgabe sehen sie an, in weniger entwickelten Staaten zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern und zivilgesellschaftliche Strukturen zu installieren. In ihren Äußerungen erhält der Begriff der Zivilgesellschaft eine Eindeutigkeit, die ihm in der wissenschaftlichen Analyse jedoch nicht zukommt. Außerdem kann sich zivilgesellschaftliches Engagement nicht immer auf eine Unterstützung durch den Staat verlassen und der Staat ruft die Zivilgesellschaft auch nicht zur Hilfe, wenn er im Widerstreit mit transnationalen Unternehmen und dem weltweit agierenden Finanzkapital zu unterliegen droht.

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Das drohende Ende der repräsentativen Demokratie

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Die repräsentative Demokratie ist entgegen einer weit verbreiteten Meinung eine endliche Struktur. Gelingt es dem Staat nicht mehr, den formlosen Gegenhalt zu erhalten, den die gesellschaftlichen Formationen untereinander erzeugen, naht auch das vorzeitige Ende der repräsentativen Demokratie. Denn ist der Staat maßlosen „Gemeinwohlbelangen“ starker gesellschaftlicher Kräfte ohne hilfreiche Kooperationspartner ausgeliefert, muss er die Untergrabung seiner vom „Volk als Ganzes“ abgeleiteten Legitimation zur Erhaltung der Gesellschaft chancenlos hinnehmen. Die Zivilgesellschaft kann er als Kooperationspartner gewinnen, sofern er bereit ist, die seiner Hierarchie eigene starre Legitimationskette aufzubrechen und als zusätzliche Legitimationsquelle das sich selbstbestimmende Individuum anzuerkennen.

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Der zerfallende Staat, hegemoniale Formationen und die „Global Governance“-Theorie

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Der folgende politikwissenschaftliche Aufsatz über den „failing state“ im Aktionsradius hegemonialer Formationen und im Fokus der „Global Governance“-Theorie (samt deren merkwürdig „idealistischem“ Beigeschmack), schließt unmittelbar an den in Solon am 29. Januar 2010 veröffentlichten Aufsatz „Der gemeinwohlorientierte Staat“ an und bezieht sich in Teilen auch auf den am 2. November 2007 ebenfalls in Solon publizierten Aufsatz zur Frage „Wie souverän ist das Volk?“

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Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Existenz

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Die Krise der westlichen Welt ist nicht zuletzt durch übersteigertes Macht- und Gewinnstreben sowie die darin sich ausdrückende Maßlosigkeit geprägt, die man im antiken Griechenland „Hybris“ nannte. Der folgende Beitrag zum Thema der Selbsterkenntnis möchte zwar einerseits als philosophisch- historische Betrachtung darüber gelesen werden, wie das sokratische Ethos des „Erkenne dich selbst“ sich aus der delphischen Tradition der Apollon-Religion entwickelt hat; zum anderen aber berührt er mit dem Thema der Mäßigung als Antwort auf die Hybris, wie es von den Apollon-Priestern oder dem Dichter Pindar im Zuge der gesellschaftlichen Krise des antiken Griechenland im 6./7. Jahrhundert v.Chr. behandelt wurde, ganz aktuelle Fragen. Von Dr. Bettina Fröhlich

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Vom Denken des Ursprungs zum Sprachdenken: Hermann Cohen und Franz Rosenzweig

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Immer wieder gilt es zu erinnern, welchen Verlust das deutsche und europäische Geistesleben durch Vertreibung und Vernichtung der Juden unter der NS-Diktatur erlitten hat. Die Namen Hermann Cohen und Franz Rosenzweig sind unter Philosophen natürlich bekannt, aber die Bedeutung dieser jüdischen Denker im Kontext unserer Geistesgeschichte wird selten in der Tiefe gewürdigt und verstanden. Frank Hahn hat in einem philosophischen Kolloquium an der Humboldt-Universität Berlin über die Bedeutung des Infinitesimalen bei Hermann Cohen und das Sprachdenken von Franz Rosenzweig gesprochen. In der jüdischen Denkwelt hat das gesprochene Wort eine gleich große Bedeutung wie das geschriebene Wort, verhindert das Sprechen im Augenblick doch das Erstarren des Denkens in Dogmen und abgeschlossenen Systemen. Das Sprachdenken Rosenzweigs will zu dieser Methodik des Nicht-Systemdenkens vordringen und die Dynamik des Lebens, das sich immer im Jetzt und immer wieder neu vollzieht, besser erfassen. Die jeweilige Öffnung des Systems und die Dynamisierung der Begriffe war auch Cohens Anliegen, jedoch mithilfe der Mathematik und nicht der Sprache. Die Verwandtschaft mancher Aspekte des jüdischen Denkens mit der ostasiatischen Gedankenwelt unterstreicht die Aktualität der Themen – schließlich wird das Bedürfnis nach einem Gespräch der Kulturen immer drängender. Es folgt der überarbeitete Vortrag

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Schillers Jungfrau von Orleans

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In der „Jungfrau von Orléans“ sind verschiedene Ebenen ineinander verwoben. Obwohl sich Schiller in diesem Drama so weit wie in keinem anderen von der Geschichte entfernt, existiert dennoch die historische Jeanne d’Arc. Selbstverständlich gibt es den Bezug auf die politische Situation und die Ereignisse zu Schillers Lebzeit und die Bezüge zur Literatur und Philosophie. Das Drama gilt wohl deswegen als schwierig, weil keine dieser Ebenen überbewertet oder verkürzt werden darf, wenn man versucht, Schillers Wirken und Absicht als Künstler zu verstehen. Dieses wird in dem folgenden Aufsatz versucht.

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Verwirklichende Räume. Poetik und Raumkonzeption bei Paul Celan und Martin Buber

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Kann Poesie Räume verändern oder schaffen – und damit eine neue Wirklichkeit entstehen lassen? Der Versuch einer Antwort führt auf das dialogische Prinzip, das wahre Poesie zur Sprache bringt. Zwei jüdische Denker, ein Dichter (Paul Celan) und ein Philosoph (Martin Buber), begegnen sich in dem Bemühen, die Wirklichkeit aus der Ich-Du-Beziehung neu zu gewinnen. Das Gedicht wird als Selbstbegegnung durch die Begegnung mit dem anderen verstanden – nur aus dem Du heraus kann das Ich wahres und aufrechtes Ich werden. Der Philosoph möchte einen neuen Zugang zum Raum als Wirklichkeit erschließen, wobei er ebenfalls das Dialogische dafür als grundlegend erkennt. Von Dr. Marko Pajevic

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Der Dual der Erlösung. Zur Genealogie des Wir bei Rosenzweig

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Der jüdische Sprachdenker Franz Rosenzweig wird äußerst selten mit dem Spachforscher Wilhelm von Humboldt in Verbindung gebracht. Im folgenden Beitrag wird Rosenzweigs Bezug auf Humboldt am Beispiel der grammatischen Form des Dualis erörtert, die neue Perspektiven eröffnet, ein gemeinschaftsbildendes Wir nicht in totalitären kollektiven Ideologien enden zu lassen. Die Autorin lehrt Sprachwissenschaften an der La Sapienza Universität in Rom sowie Jüdische Philosophie am Collegio Rabbinico Italiano der Hebräischen Universität Jerusalem. Von Prof. Dr. Donatella Di Cesare

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