Nachruf auf Hermann Kreutzer
7. April 2007

Hermann Kreutzer - im März 2007 nach schwerer Krankheit in Berlin verstorben.

Er stammte aus einer alten sozialdemokratischen Familie und war nach dem Zweiten Weltkrieg Mitbegründer der "Fritz-Erler-Gesellschaft" und der "Kurt-Schumacher-Stiftung".

 

Er stammte aus einer alten sozialdemokratischen Familie. Sowohl er wie auch sein Vater wurden in der Zeit des Nationalsozialismus verhaftet und Hermann Kreutzer wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch ihn meinte Kurt Schumacher, wenn er sagte: „Wir saßen in Konzentrationslagern, als andere noch mit ihnen [den Nazis] verhandelten.“ Er muß zu den wirklichen Widerstandskämpfern gegen die Grabträger der Weimarer Republik von links und rechts gezählt werden.

 Nach dem Krieg wurde er vom SED-Regime zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, da er gegen die Vereinigung der SPD mit der KPD zur SED war und dagegen politisch ankämpfte. Er verbrachte von den 25 Jahren siebeneinhalb Jahre hauptsächlich in Bautzen.

 In den Westen geflüchtet, gehörte er zum engeren Kreis der Mitarbeiter des verstorbenen Kurt Schumacher. Kreutzer war Mitbegründer der „Fritz-Erler-Gesellschaft“, eines Zusammenschlusses aktiver Sozialdemokraten innerhalb der SPD, mit der Zielsetzung die Partei vor weiteren Unterwanderungen zu schützen. Ebenso war er neben anderen ehemaligen SPD-Angehörigen Mitbegründer der Ende der 80er Jahre vom Oberstudiendirektor und ehemaligen Vorsitzenden der Frankfurter SPD, Emil Bernt, ins Leben gerufenen „Kurt-Schumacher-Stiftung“, eines Kreises außerhalb der SPD von in der DDR verfolgten Sozialdemokraten.

 In der Zeit des Umbruchs in der SPD Ende der 60er Anfang der 70er Jahre mußte Hermann Kreutzer, der Ministerialdirektor mit aufrechtem Gang, seinen Beamtenposten räumen, da er für die neue "Willy Brandt-SPD" nicht mehr tragbar war. Er war eben kein Wendehals.

 So wie viele andere Schumacher-SPD-ler verließ auch er die SPD, da es nicht mehr seine Partei war.

 Bei seinen Freunden und Mitstreitern war er als großartiger humorvoller Erzähler beliebt. Er erzählte zum Beispiel gerne seine Thüringer Erlebnisse aus der Anfangszeit der DDR, bei denen er zusammen mit dem Vater bei SPD-Versammlungen die Versuche der sowjetischen Besatzer zu unterlaufen versuchte, die Sozialdemokraten  für einen Zusammenschluß mit der KPD zu gewinnen. Es hätten bei diesen Gelegenheiten immer MWD-Operativleute (Moskauer-Blaumützen) hinter ihnen gestanden und sie mit der Bemerkung „Oh Kamerad - gut essen“ (es wurde zu dieser Zeit in der DDR viel gehungert) daran hindern wollen, aufzustehen und einen Redebeitrag zu machen. Diese und andere Erzählungen brachte er so plastisch, dass er damit immer für eine lustige Stimmung sorgte.

 In den verbleibenden über dreißig Jahren seines Lebens hat er sich vor allem darum bemüht, seinen Mitmenschen „die dunkle Seite des Mondes“ (Margarete Buber Neumann) näherzubringen.  Es ging ihm um das Zurechtrücken plumper einseitiger Geschichtsdarstellungen, die zu gewollt falschen Schlußfolgerungen führten. Ein ihm sehr am Herzen liegendes Beispiel dafür war die zerstörerische Rolle, die die KPD in der Weimarer Republik spielte. Denn wären die Nazis nicht an die Macht gekommen, hätten die Kommunisten die Macht an sich gerissen. Links und rechts zerstörten die Weimarer Republik gemeinsam! Dieses ist heute weitgehend unbekannt und das nicht nur bei den Nachgeborenen.

 Zum Schluss soll hier Hermann Kreutzer noch einmal selbst zu Wort kommen mit einer Darstellung aus dem Jahre 1977 zum Köpenicker Blutsonntag im Juni 1933:

 

 „Ich war vorige Woche [Ende 1977] in Köpenick und habe mit einer Gruppe von Altkommunisten zusammengesessen, deren Metier es ist, Vorgänge unter dem Nationalsozialismus abzuklären. Es geht um dieses Denkmal zur Erinnerung an den Köpenicker Blutsonntag. Diese Gruppe, alles ältere Leute, haben die Vorgänge jetzt erhellt und dabei gute Arbeit geleistet. An diesem Köpenicker Blutsonntag im Juni 1933 sind 23 Menschen viehisch von der SA erschlagen worden.

 Ich habe einen besonderen Bezug dazu. Ich kannte den Mann, der an der Spitze der Opfer stand - es waren Sozialdemokraten und Kommunisten dabei -, es war der Reichstagsabgeordnete und Reichsbannerführer Stelling. Er war 1932 bei uns zu Hause, ich sehe ihn noch vor mir, als kleiner Junge, er hat mich beeindruckt.

 Und ich saß dann 1954/55 in einer Zelle in Brandenburg mit den Leuten von diesem SA-Sturm zusammen, die zu lebenslänglich verurteilt worden waren (ob nun zu Recht oder zu Unrecht, kann ich nicht beurteilen), aber die Leute müssen bei dieser Schweinerei dabei gewesen sein. Aber sie sagten: Wir haben nicht zugeschlagen, wir waren nur so dabei! Für mich war das natürlich ein ganz schwieriges Verhältnis in dieser Zelle, da war Uneinsichtigkeit bei diesen SA-Leuten. Wir hatten schlimme Auseinandersetzungen, denn alle hielten daran fest: Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Das war so ungefähr die Diktion. Das hat tiefe Spuren hinterlassen, und daher habe ich zu der Köpenicker Angelegenheit ein besonderes Verhältnis.

 Ich habe mich immer gewundert, warum die Schweinerei da in Köpenick [der Blutsonntag] im Juni stattgefunden hat, ich habe es ja erlebt: Im Februar/März waren die großen Übergriffe der SA, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Progrome. Aber warum im Juni? Da waren die Gewerkschaften schon total besiegt. Aber jetzt ist man dahintergekommen, was da eine Rolle gespielt hat.

 Vier Tage vor dem Reichstagsbrand [im Februar 1933] ist im Haus des Reichspräsidenten - das war damals Göring - eine SA-Wache eingerichtet worden. Aber die Arbeiter innerhalb des Reichstags, die Hausarbeiter und so weiter, waren vorzugsweise Sozialdemokraten, und die sind mit ihrem Wissen, dass die SA durch die Gänge ging und Feuer legte, zum Reichsbanner-Führer Stelling gegangen und haben ihm alles erzählt. Der ist zusammen mit seinem Kameraden Schmaus nach Prag gefahren und hat das dem Parteivorstand, der in Prag im Exil war, gemeldet. Dieser hat das an englische Zeitungen gegeben, die als erste davon berichteten, dass die SA den Reichstag angezündet hat.

 Der SA-Sturm Köpenick, der die Wache stellte, bestand aus primitiven Leuten, die groß damit angaben. Jetzt wurden ihnen aber große Vorwürfe gemacht von der SS-Führung, nachdem klar war, daß die Sozialdemokraten in Prag waren und die Kommunisten es auch erfahren hatten. Abends in der Kneipe hatten sie zusammengesessen und getrunken und großgetan. Und so mußten die liquidiert werden. Deswegen kam es im Juni dazu, und die eigentlichen SA-Mörder sind dann 1934 beim Röhm-Putsch von der SS erschossen worden, so dass Gras darüber gewachsen ist.

 

 

 Die Gruppe [von Altkommunisten] in Köpenick hat das alles herausgefunden und eine kleine Broschüre darüber herausgegeben. Ich finde das interessant, und so kommt man über diese geschichtlichen Vorgänge wieder ins Gespräch."

In tiefer Trauer um einen der wenigen alten Arbeiter-Vertreter, der sich das Rückgrat nicht hat zurechtbiegen lassen.

Edmund Steinschulte

 

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