| Byzanz – Pracht und Alltag |
| 28. Mai 2010 | |
Unter diesem Titel präsentiert die Bonner Bundeskunsthalle eine faszinierende Schau des reichsten und mächtigsten Reichs des Abendlandes. Mit mehr als 600 Exponaten, Kurzfilmen und Computeranimationen zeigt sie nicht nur die Pracht des oströmischen Reiches, sondern versucht auch ein umfassendes Bild über den Alltag in Byzanz zu geben. Von Maria Schmitz Als vor über 550 Jahren am 29. Mai 1453 die osmanischen Türken Konstantinopel eroberten, war das einst reichste und mächtigste Imperium des Abendlandes bereits seit über zwei Jahrhunderten nicht mehr als ein Stadtstaat. Die Glanzphase des Reiches war bereits 1204 beendet worden, als unter der Führung der Venezianer christliche Kreuzfahrer Konstantinopel eroberten und plünderten. Zahllose Kunstwerke aus den prächtigen Palästen und kostbar ausgestatteten Kirchen gelangten als Beutestücke ins Abendland. Sie zeugen von Pracht und Prunk eines Reiches, dem die Türken nur noch den Gnadenstoß gaben. Nach dem Untergang Westroms hatte sich Byzanz als wahrer Erben Roms betrachtet. Von nun an prägten Kaiser, Orthodoxie, griechische Kultur und römisches Erbe den byzantinischen Kosmos. Die Byzantiner nannten sich stolz „Rhomaioi“, ihre Hauptstadt Konstantinopel hieß im offiziellen Schriftverkehr nur „Nea Rohmé“, neues Rom. Über ein Jahrtausend bildete das byzantinische Kaiserreich die Leitkultur des Abendlandes. Während die Kaiser des Westens von Pfalz zu Pfalz durch ihre Reiche zogen, um ihre rudimentäre Herrschaft zu festigen, herrschten die Kaiser des Ostens über ein Reich, das von Italien bis an den Euphrat und von der Krim bis nach Kreta reichte. Die Metropole über dem Goldenen Horn, die mit bis zu 500.000 Einwohnern alle europäischen Städte des Mittelalters bei weitem übertraf, prägte das Bild eines Reiches, das als Inbegriff für Macht und Reichtum galt. Die Stadt mit ihren Palästen, Kirchen, Bibliotheken und Befestigungsanlagen beherbergte Luxusindustrien für kostbare Seidenstoffe, Elfenbeinschnitzereien und feine Goldschmiedearbeiten. Es gab eine breite, gebildete Gelehrtenschicht, die sich mit dem Wissen der Antike auseinandersetzte, eine Kirche, die bis nach Russland missionierte, eine hoch entwickelte Kriegsflotte. Byzanz war eine Großmacht mit einer Zivilisation, der das abendländische Mittelalter nicht das Wasser reichen konnte. Kein Wunder, dass die orientalische Pracht von Byzanz zu Neid und Missgunst im Westen führte und man das Klischee des schwül-dekadenten Ostroms kräftig nährte. Was wäre geschehen, wenn Konstantinopel nicht 1204 ein Opfer Venedigs und der von ihm gedungenen Kreuzfahrer geworden wäre? Hätte das weitgehend verloren gegangene antike Gedankengut nicht auf friedlichem Wege nach Europa gelangen können? Mit der reichen Beute aus dem eroberten Konstantinopel kamen zwar einzigartige Kunstwerke aus der Antike, kostbare Reliquien, Gold- und Silbergefäße und edle Gewänder nach Europa. Aber wie viele Zeugnisse einer langen historischen Entwicklung waren während der Plünderungen zerstört worden! Kostbare Handschriften aus Bibliotheken hatte man rücksichtslos vernichtet. Doch zum ersten Mal begann man sich intensiver mit der weiterentwickelten Kultur des Ostens auseinander zu setzen. Jedoch musste erst ein so unermesslich hoher Blutzoll gezahlt werden, bevor man die Kultur des Anderen lernte zu respektieren? Rund 600 Jahre zuvor um 674 hatte Kalif Muawiya I. ein riesiges arabisches Heer ausgesandt, um Konstantinopel auszulöschen. Die Erfindung eines syrischen Alchemisten rettete damals Byzanz. Die Flotte des Kalifen ging „im Griechischen Feuer“, einer aus bronzenen Siphonen abgefeuerten brennenden Flüssigkeit, in Flammen auf. Ohne diese kriegsentscheidende Innovation würden wir vielleicht heute Arabisch sprechen. Dank einer geschickten Diplomatie, Gold und einer hoch entwickelten Kriegskunst gelang es den Byzantinern über Jahrhunderte hinweg, Invasoren wie Awaren, Slawen, Perser, Araber, Ungarn und Bulgaren erfolgreich abzuwehren. Die Ausstellung und der begleitende Katalog versuchen Glanz und Alltag im byzantinischen Reich zusammenzubringen. Dabei werden nicht nur Kultur und Kunst beleuchtet, sondern ebenso Gesellschaft, Militär, religiöse Praxis und Wirtschaftsleben. Erst in jüngerer Zeit konnte man durch archäologische Grabungen auch mehr über die Lebensumstände der breiten Bevölkerung in Byzanz in Erfahrung bringen. So geben die 15 erläuternden Essays des Kataloges die neuesten Forschungsergebnisse wieder. Sie beschäftigen sich mit dem byzantinischen Herrschaftssystem, Heer und Flotte, Verkehrswegen und Versorgung im byzantinischen Reich, Produktion und Vertrieb in Landwirtschaft und Handwerk. Ein weiterer Schwerpunkt ist dem religiösen Leben gewidmet: Kirche, Mönche, Heilige. Das Mönchtum erfuhr gerade in Byzanz einen wahren Höhepunkt. Es gab Eremiten, Wandermönche, Mönche in Klöstern wie auf dem Berg Athos, das Katharinenkloster auf dem Sinai und asketische „Extremisten“ wie Simeon, der Jahrzehnte auf einer Säule verbracht haben soll. Allerlei Segen spendende „Souvenirs“ von Pilgertouristen zeugen von der Verehrung der heiligen Männer. Eine faszinierende Computeranimation verdeutlicht in der Ausstellung die geometrischen Grundprinzipien, nach denen die prachtvolle Hagia Sophia konzipiert ist. Die gewaltige Kirche wurde unter Kaiser Justinian I. in nur sechs Jahren errichtet. Die gewaltige Kuppelkonstruktion übertraf in ihrer Pracht und Kühnheit alle bisherigen Bauten und war Vorbild für die Moscheen der islamischen Baukunst. Kostbare Pergamente bezeugen das Fortleben antiken Bildungsgutes. In der frühbyzantinischen Zeit war zunächst das Lateinische die Hauptsprache. Seit Justinian setzte sich mehr und mehr das Griechische als Hauptsprache durch. Der Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung in Byzanz war höher als in vergleichbaren westlichen Gesellschaften des Mittelalters. Hatte man byzantinische Literatur bisher lediglich als Nachahmung der antiken griechischen Kultur betrachtet, so entdeckt die neuere Forschung inzwischen auch Innovatives. Alltagsgegenstände aus Haushalt und Arbeitswelt runden das Bild ab: Teller, Gläser, Pfannen, Schalen aus Küche und Wohnbereich geben einen Eindruck vom Alltagsleben. Die Räume waren mit Öllampen aus Bronze oder Ton beleuchtet. Kämme, Salböl- und Schminkgefäße dienten der Toilette. Gürtelschnallen und fein gearbeiteter Schmuck bezeugen den hohen Standard des Kunsthandwerks. Wer nicht mehr die Gelegenheit hat, die Ausstellung zu besuchen, erhält mit dem prachtvoll bebilderten Katalog einen umfassenden Überblick über das „Byzantinische Jahrtausend“ und einen faszinierenden Einblick in die byzantinische Lebenswelt.
Kunst-
und Ausstellungshalle Bonn bis 13. Juni
Katalog:
Hirmer-Verlag. München
Bildnachweis: Cover des Ausstellungskataloges mit freundlicher Genehmigung des Verlages Weitere Beiträge von Maria Schmitz finden Sie hier. |