Helmut Schmidt über
die Frage des „Gemeinwohls“ und „Pflicht zur Verantwortung“
der Politiker
Vor kurzem nahm
Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem Interview mit dem ZDF
(28.06.2010) und in einer Rede anlässlich seiner Auszeichnung mit
dem Point-Alpha-Preis (17.06.2010) in Thüringen Stellung zur
gegenwärtigen Lage in Deutschland. Besonders bemerkenswert war sein
Einblick in die Politikverdrossenheit der deutschen Bevölkerung. So
bezeichnete er den Koalitionsvertrag als einen Akt der
„Instinktlosigkeit“ und äußerte Verständnis dafür, dass viele
Menschen in Deutschland das Sparpaket als „sozial unausgewogen“
empfinden. Es sei objektiv wahr, dass in Wirklichkeit die kleinen
Leute stärker belastet erscheinen und dass einige der großen Leute,
nicht alle, ungeschoren davon zu kommen scheinen. Über die tiefer
liegenden Gründe für das „Unbehagen“ an der Politik
reflektierend, sprach der 91- jährige Ex-Bundeskanzler Schmidt von
einem „Vertrauensverlust in die Politik“ und in die „politische
Klasse“. Dies sei jedoch kein spezifisch deutsches Phänomen,
sondern finde gleichermaßen auch in anderen Ländern Europas statt.
Schmidt sprach von einer „Führungskrise“ und erinnerte die
politisch Verantwortlichen an ihre „Pflicht zur Verantwortung“,
welche im Einklang stehen müsse mit der „Idee des Gemeinwohls“.
Von Elisabeth Hellenbroich
Die eigentliche Ursache für den „Vertrauensverlust“ sieht
Schmidt in der nach wie vor nicht gelösten globalen Finanzkrise: „Es
ist überall eine ähnliche Reaktion auf die Folgen der Finanz- und
Bankenkrise.“ Ohne weiter auf die Gründe des Rücktritts von
Bundespräsident Dr. Horst Köhler einzugehen, wertete er diesen „als
einen Akt der Verzweiflung“. In der Tat wurde über Bundespräsident
Köhlers Rücktritt viel gerätselt. Einen möglichen Hinweis für
die Motive Köhlers lieferte eine Anzeige in der FAZ vom 6. Juli, in
der die Wirtschaftsexperten Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Karl
Albrecht Schachtschneider, Dieter Spaethmann und Joachim Starbatty
das Vorgehen der Regierung gegen Bundespräsident Dr. Horst Köhler
monierten. Ohne vorher ausreichend konsultiert zu werden, sei der
Bundespräsident kurz nach seiner Ankunft aus Afghanistan von der
Regierung Merkel „genötigt“ worden, die von den EU
Finanzministern beschlossenen Maßnahmen zur Rettung des Euro, ohne
dessen Verfassungsmäßigkeit vorher zu prüfen, wie es seine Pflicht
gewesen wäre, zu unterzeichnen, so lautete ein Passus der Anzeige.
Kritisch äußerte sich Schmidt über die Sparpolitik der
Regierungskoalition. Im Herbst 2009 sei klar gewesen, dass
Deutschland haarscharf an einer Depression vorbeigekommen war und ein
gigantischer Schuldenberg auf das Land zukommen würde. Die neue
Regierung habe ohne eine klare Idee, was zu tun sei, eine Mischung an
Konzepten vorgestellt, die nicht mit dem übereinstimmten, was
notwendig sei. Schmidt sprach von einer „Führungskrise“, welche
ihren Ausdruck in einem wachsenden „Vertrauensverlust“ in die
„politische Klasse“ finde. Eine gut funktionierende Regierung
muss von der „Idee des Gemeinwohls“ („Salus Publica im Sinne
Ciceros“) geleitet sein. Dabei handele es sich nicht um eine fixe
Kategorie, sondern die Bestimmung dessen, was „Gemeinwohl“ ist
und sie müsse von Fall zu Fall stets neu entschieden werden.
Entscheidend sei, dass sowohl die politisch Verantwortlichen wie auch
der einzelne Staatsbürger „Verantwortung“ übernehmen.
Ehrung mit dem Point-Alpha Preis. Schmidts
sicherheitspolitische Entscheidungen und seine Rolle als
Bundeskanzler
Am 17. Juni war der Ex-Bundeskanzler in einem Festakt in der
thüringischen Stadt Geisa mit dem Point-Alpha-Preis geehrt worden.
Der Point-Alpha-Preis, der in den letzten Jahren u.a. an Helmut Kohl,
Vaclav Havel und George Bush vergeben wurde, ist nach einem US
Stützpunkt an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen benannt. Der
Beobachtungspunkt lag während des Kalten Krieges zwischen den Orten
Geisa und Rasdorf im sogenannten „Fulda Gap“ [Fulda Lücke], in
der die Militärstrategen der westlichen Alliierten einst im
Ernstfall die Invasion der Truppen des Warschauer Pakts erwarteten.
Heute ist Point-Alpha eine Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte.
In seiner Rede beschrieb Helmut Schmidt den Weg, welcher 1989 zu den
Umwälzungen in Europa führte. Wesentlicher Baustein auf dem Weg zur
deutschen Wiedervereinigung und der Einigung Europas waren u.a. die
sicherheitspolitischen Entscheidungen, die er als Bundeskanzler Mitte
der siebziger Jahre traf. So setzte er sich auf dem Höhepunkt des
Kalten Krieges für die Einberufung einer „Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit“ (KSZE) ein. Wenige Jahre später
folgte der heftig umstrittene NATO-Doppelbeschluss.
In
seiner Rede erinnerte Helmut Schmidt an die Herausforderungen, vor
denen er sich Mitte der siebziger Jahre als Bundeskanzler gestellt
sah. Die Ursache für die Überwindung der Teilung Europas führte
Schmidt u.a. auf die umwälzenden Vorgänge im Osten Mitteleuropas
zurück. So hätten sich in Polen und Ungarn, in der Tschechoslowakei
und in der DDR im Laufe der 1980er Jahre mutige Freiheitsbewegungen
geregt. „Unter ihnen vor allem Solidarność in Polen. Zwar waren
1968 Alexander Dubcek und der ‚Prager Frühling’ innerhalb der
damaligen tschechoslowakischen Kommunistischen Partei vorangegangen.
Aber die sowjetische Führung hatte mit militärischer Gewalt diesen
Ansatz zerschlagen. Damit wurden alle Freiheitsbewegungen im Osten
Mitteleuropas zunächst weit zurückgeworfen. Immerhin ließ sich die
sowjetische Führung wenige Jahre später auf die neue Ostpolitik
Brandts und Scheels ein.“
Schmidt wertete den damals von Moskau gemachten Vorstoß, „eine
gesamteuropäische Konferenz über ‚Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa’ vorzuschlagen, als weitsichtigen Vorschlag, und mit der
Eröffnung der KSZE 1975 in Helsinki wurde ein Prozess eingeleitet,
der sich im Laufe der Jahre als erfolgreich erwies. Schmidt
erinnerte: „Damals kamen alle ost- und westeuropäischen Staats-
oder Regierungschefs persönlich, und beinahe jeder mit jedem hat zum
ersten Male reden können.“ So saßen im Plenum der KSZE
beispielsweise Honecker, Schmidt und Ford nebeneinander in ein- und
derselben Reihe, was für die damalige Zeit ein ungewöhnlicher
Vorgang war. „Es war sozusagen ein Marktplatz für vielerlei
Gespräche in entspannter Atmosphäre. Zum anderen aber erhielt am
Ende der Westen die Unterschrift aller kommunistischen Staatschefs
unter die Menschenrechte, die haben alle persönlich unterschrieben:
Breschnew, Ceaucescu, Honecker und wie sie alle hießen. Und der
Osten erhielt alle Unterschriften der amerikanischen und
westeuropäischen Staats- und Regierungschefs unter die
Festschreibung der Staatsgrenzen im Osten Europas, insbesondere die
östliche Grenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen.“
Von Anfang war Schmidt überzeugt, „mit diesem friedensdienlichen
Kompromiss den freiheitlichen Oppositionen in Polen, in Ungarn und in
der Tschechoslowakei zu helfen. Der sogenannte Korb III (Human
Aspects of Security) der Helsinki-Schlussakte wurde zur Legitimation
für die Arbeit vieler osteuropäischer Menschenrechtsorganisationen
und Bürgerrechtsbewegungen und zur Hilfe für Solidarnosc, für
Vaclav Havel und die Charta 77 und wurde zur Legitimation für
Sacharow und Alexander Solschenizyn in der Sowjetunion.“
Schmidt ging in seiner Rede auch auf die Hintergründe ein, welche
ihn damals zu der Entscheidung für den NATO-Doppelbeschluss bewogen.
In sehr eindringlicher Weise schilderte er, mit welch schwerwiegenden
Fragen er sich als Bundeskanzler auseinandersetzen musste. Die
Sowjetunion stand kurz vor der Rüstung mit atomaren
Mittelstreckenraketen (SS-20). Diese neuen Raketen hätten, wie
Schmidt in seiner Rede reflektierte, zwar Amerika nicht erreichen
können, „wohl waren sie aber in der Masse auf die damalige
Bundesrepublik Deutschland gerichtet und auf andere Ziele in
Westeuropa. Auf westlicher Seite gab es keine Gegendrohung; das
ohnehin prekäre Gleichgewicht der militärischen Rüstungen drohte
verloren zu gehen.“
Angesichts der damals unsicheren sicherheitspolitischen Lage stellte
sich Schmidt die bange Frage, wer Breschnews Nachfolger in der
Sowjetunion und was in einem nuklearen Konflikt mit Deutschland
geschehen würde. „Was wäre, wenn es in ungewisser Zukunft zu
einer allein auf die Bundesrepublik gerichteten sowjetischen Nötigung
käme, gestützt auf jene (sowjetischen) SS-20 Raketen? Wie würde in
solcher Situation ein dann im Amt befindlicher amerikanischer
Präsident reagieren? Würde er einen atomaren Weltkrieg wegen einer
auf Deutschland gezielten Nötigung riskieren? Und wie würde in
solcher Notlage unser eigenes deutsches Volk, gespalten in zwei
Teile, reagieren?“ Diese Fragen verbunden mit der wachsenden
Besorgnis angesichts der zunehmenden Zahl sowjetischer SS-20 Raketen,
führten Anfang 1979 zu einem Vierer-Treffen auf der karibischen
Insel Guadeloupe zwischen US-Präsident Carter, Giscard d’Estaing,
Callaghan und Bundeskanzler Helmut Schmidt. Mit der entscheidenden
Hilfe durch die Franzosen und Engländer, sei damals der sogenannte
„Doppelbeschluss“ konzipiert worden, gefolgt von einer
Entscheidung der NATO, die sich im selben Jahr das Konzept zu eigen
machte. „Damit bot der Westen einerseits der Sowjetunion an, über
die Beseitigung der Mittelstreckenwaffen zu verhandeln, andererseits
kündigte er aber an, sofern nach Ablauf von vier Jahren kein
Verhandlungsergebnis zustande käme, sodann auch selbst atomare
Mittelstreckenraketen in Europa (keinesfalls allein in Deutschland)
zu installieren, die auf sowjetisches Gebiet gezielt sein würden und
dergestalt in Europa ein Gleichgewicht der atomaren Bedrohungen
wiederherstellen würden..“
Es gab damals erhebliche Proteste auch innerhalb der SPD, aber im
Rückblick auf die von ihm getroffene Entscheidungen, so das Urteil
des Ex- Bundeskanzlers, hätte sich seine Auffassung als richtig
erwiesen. Im Jahre 1987, zwei Jahre vor der Wende, wurde der INF
(Intermediate Range Nuclear Forces)-Vertrag zwischen Moskau und dem
Westen vereinbart. Es war der erste Abrüstungsvertrag seit 1945, wie
Schmidt hervorhob, der auf beiden Seiten die atomaren
Mittelstreckenraketen in Ost- und Westeuropa beseitigte. „Unsere
lange abgewogene strategisch-diplomatische Vernunft in Ost und West“
hatte sich durchgesetzt. Der Vertrag von 1987 war einer von vielen
entscheidenden Schritte, die zu den Ereignissen von 1989, 1990 und
1991 führten.
Schmidt sprach in seiner Rede von der „Kontinuität der Außen-
und Sicherheitspolitik“, zu der alle Bundeskanzler gleichermaßen
beigetragen hätten. Die deutsche „Stetigkeit“ und
„Berechenbarkeit“ sei zu einem der unverzichtbaren Faktoren des
in Europa anhaltenden Friedens geworden und habe die deutsche
Wiedervereinigung vor zwanzig Jahren möglich gemacht. Deutschland
sei heute der „völkerreichste Mitgliedsstaat der EU“ und die
„viertgrößte Volkswirtschaft der ganzen Welt.“ Aber diese
Größenordnung verlange im Besonderen Rücksichtnahme auf die vielen
Nachbarn und Partner Deutschlands und müsse daher Vorrang behalten.
„Unser Feld ist nicht die Weltpolitik und nicht die atomare globale
Strategie, (....) sondern unsere europäischen Nachbarn sind unser
Arbeitsfeld. Dauerhaft gute Beziehungen zu allen unseren neuen
Nachbarn das ist unsere Aufgabe.“ Der Ausbau der EU erfolge nicht
aus „Idealismus“, sondern sei eine strategische Notwendigkeit.
Das Vereinigte Deutschland habe die Einbindung in die europäische
Gemeinschaft dringend nötig. Wenn die EU derzeit als
handlungsunfähig erscheine, so lägen die Ursachen in den seit
Maastricht 1991/92 gemachten Fehlern, an denen Paris und Berlin
gleichermaßen beteiligt gewesen seien. Schmidt warnte eindringlich:
„Wenn diese beiden Regierungen aber darüber hinaus neuerdings bei
der Lösung akuter Probleme (z.B. Staatsverschuldung) sogar
gegeneinander operieren, dann können beide gemeinsam schuldig werden
gegenüber allen anderen Nachbarn.“
Weitere Beiträge von Elisabeth Hellenbroich finden Sie hier.
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