| Die Hilfsorganisation medica mondiale – Über die Lage der Frauen in Afghanistan |
| 24. Juli 2010 | |
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Von medica mondiale Das folgende Positionspapier von medica mondiale fokussiert auf die Lage der Mädchen und Frauen in Afghanistan, aber es gibt einen sehr ernüchternden Einblick in die Gesamtlage in Afghanistan – nach fast neun Jahren ausländischer Militärpräsenz. Die Aussagekraft des Dokuments wird nicht dadurch geschmälert, das man nicht alle darin enthaltenen Einschätzungen und Positionen teilen muss.
Bildnachweis: Dr. Monika Hauser, CC-Bild von "Dontworry" (LINK)
„Wir waren voll Hoffnung auf eine bessere Zukunft...“Positionspapier von medica mondiale zur Lage der Frauen in Afghanistan, Juni 2010
„Wir waren voll Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und viele von uns haben sich an die Arbeit gemacht, um das Leben der Frauen zu verbessern. Aber jetzt wird es jeden Tag schwerer, diese Arbeit fortzusetzen. Es ist ganz einfach: Wenn uns die internationale Gemeinschaft nicht unterstützt, können wir nicht weitermachen. “ Humaira Rasuli, Leiterin von medica mondiale Afghanistan
1. „Ich lebe jeden Tag in Angst“ – Der Druck auf die Frauen wächstNeun Jahre nach dem 11. September und dem Beginn der Operation „Enduring Freedom“, die ihren Einsatz nicht nur mit der Jagd auf Terroristen, sondern auch mit dem Kampf um Frauenrechte rechtfertigte, ist die Lage von Mädchen und Frauen in Afghanistan nach wie vor katastrophal. 87 Prozent aller Frauen werden „regelmäßig geschlagen“, berichtet UNIFEM. 80 Prozent aller Ehen werden unter Zwang geschlossen, die Hälfte der Ehefrauen ist unter 16 Jahre alt. Dementsprechend hoch ist die Zahl der Risikoschwangerschaften und der Müttersterblichkeit. Flüchten diese Mädchen vor ihren oftmals sehr viel älteren Ehemännern, werden sie häufig ins Gefängnis gesteckt – ohne rechtsgültige Anklage, denn ihr ‚Verbrechen’, Weglaufen von Zuhause, existiert entgegen der Annahme vieler Polizisten, Staatsanwälte und Richter im afghanischen Strafgesetzbuch gar nicht. Vergewaltigungen sind laut UNAMA (UN Assistance Mission in Afghanistan) „in allen Teilen des Landes eine Alltagserscheinung“. Vergewaltigte Frauen gelten als schuldig an der Tat, weshalb sie das Verbrechen selten öffentlich machen oder gar anzeigen. UNAMA: „Die aktuelle Realität ist, dass Frauen ihre grundlegendsten Rechte verweigert werden, und dass sie weitere Gewalt riskieren, wenn sie sich an Polizei und Justiz wenden.“ Die Zahl der Frauen, die als einzigen Ausweg aus ihrer verzweifelten Situation die Selbsttötung sehen, steigt. Wie das Institute for War and Peace Reporting (IWPR) meldet, ist allein in der Provinz Herat die Zahl der Suizide von Frauen innerhalb des Jahres 2009 um 50 Prozent gestiegen. Das Regionalkrankenhaus meldet für die letzten sechs Monate 85 Fälle von Selbstverbrennungen und Selbstvergiftungen (Petroleum oder Rattengift sind für die ins Haus verbannten Frauen oft die einzigen Mittel zur Selbsttötung), 57 Frauen starben daran. Hamida Husseini von der Abteilung für Frauenangelegenheiten der Regionalregierung erklärt: „Wenn wir nichts tun, erreichen die Zahl der Suizide von Frauen eine völlig inakzeptable Höhe.“ Neben dieser Alltagsgewalt in den Familien wächst aber aktuell auch der Druck auf Frauen, die sich für ihre Rechte engagieren.
2. Die London-Konferenz: Keine Afghanisierung ohne Frauenrechte„Die internationale Gemeinschaft hat früher Druck auf die Regierung ausgeübt. Das tut sie jetzt nicht mehr. Auch bei der Londoner Konferenz über die Zukunft von Afghanistan hatten die Frauen keine Stimme.“ Humaira Rasuli, Leiterin von medica mondiale Afghanistan Am 20. Juli wird in Kabul die Fortsetzung der Londoner Afghanistan-Konferenz stattfinden. Auf der London- Konferenz im Januar 2010 wurde unter anderem die sogenannte „Afghanisierung“ beschlossen, also die sukzessive Übergabe der Verantwortung für die militärische Sicherheit an die afghanische Regierung. Im Zuge dieses Stabwechsels zieht sich der Westen auch gleichzeitig aus seinen Aufgaben zurück, Menschen- /Frauenrechte zu stärken und die Demokratisierung der Gesellschaft zu unterstützen. Die ‚Afghanisierung’ ist prinzipiell zu begrüßen, wäre aber aufgrund der massiven Fehler, die Einsatztruppen und internationale Gemeinschaft beim Wiederaufbau des Landes gemacht haben, derzeit fatal:
3. Die Kabul-Konferenz: Frauenrechte dürfen nicht verhandelbar sein!„Wenn der Konflikt mit den Taliban befriedet werden soll, müssen wir Kompromisse eingehen, was die Verfassung, Frauenrechte und bürgerliche Freiheiten anbelangt.“ Afghan Scene, populärstes englischsprachiges Magazin für AuslandsmitarbeiterInnen in Afghanistan, Juni 2010 Die Befürchtung, dass die künftige Entwicklung, für die die Kabul-Konferenz die Weichen stellen soll, katastrophale Folgen für die afghanischen Frauen haben wird, gilt insbesondere, wenn demnächst die Taliban als Partner für Friedensverhandlungen an den Verhandlungstisch geholt werden sollen. Wie der ehemalige pakistanische Geheimdienstchef Hamid Gul erklärte, lauten die Bedingungen der Taliban für eine Einstellung der Kampfhandlungen: Abzug der ausländischen Truppen, die Absetzung von Präsident Karzai und die Einführung der Scharia – womit eine sehr konservative Auslegung der Scharia gemeint ist. Zwar verbietet selbst die Verfassung, dass Gesetze gegen die Scharia verstoßen, ausschlaggebend ist hier jedoch, wie die Scharia interpretiert wird. Frauenorganisationen befürchten, dass die mühsam erkämpften Frauenrechte als Verhandlungsmasse eingesetzt werden, um den Taliban entgegenzukommen. In Anbetracht der Tatsache, dass der internationalen Gemeinschaft die Frauenrechte seit Jahren aus dem Blick geraten sind und sie auch angesichts der zunehmenden Attacken und Bedrohungen nicht reagiert, dürften diese Befürchtungen der Frauen mehr als gerechtfertigt sein. Das zeigte sich auch auf der Friedens-Dschirga die Anfang Juni stattfand. Die traditionelle Versammlung von rund 1.600 Delegierten debattierte über einen möglichen Weg zum Frieden. Obwohl der Anteil der Frauen mit rund 400 bei über 20 Prozent lag – und damit die obligatorische Quote formal eingehalten wurde – kamen die Frauen mit ihren Anliegen de facto nicht zu Wort. Eine dementsprechende kritische Beobachtung der Veranstaltung, teilfinanziert von der deutschen GTZ mit einer halben Million Euro, durch deutsche Institutionen fand nicht statt. „Ein rascher Blick auf die Teilnehmer machte die Hoffnung auf ein Ergebnis der Dschirga zunichte, dass die Gewalt beenden oder auch nur einen Schritt in diese Richtung sein könnte“ schreibt Wazhma Frogh, eine junge afghanische Frauenrechtsaktivistin, in ihrem Blog auf der Website des „Afghanistan Analysts Network“. „Die Männer, die die treibende Kraft der Dschirga waren, hatten mit Frieden und Sicherheit nichts am Hut. Es sind die sogenannten Warlords und Rebellenführer, die sich gegenseitig bekämpften, Städte zerstörten und Afghanen im Bürgerkrieg umbrachten und die heute Posten in der Regierung haben, wo sie Straflosigkeit für ihre früheren und aktuellen Verbrechen genießen.“ Und weiter: „In den drei Tagen der Dschirga hatten die Frauen, die mehr als alle anderen zu verlieren haben, keine Gelegenheit zu sprechen. Keiner Frau wurde angeboten, in einer Rede ihre Befürchtungen zu äußern, was passieren würde, wenn die Taliban in die Regierung oder andere politische Prozesse eingebunden werden.“ Dafür meldeten sich in der Folge der Friedens-Dschirga zehn afghanische Frauenorganisationen zu Wort. Auf Initiative von medica mondiale Afghanistan und dem Afghan Women’s Network kamen die im Peace Building Network organisierten Frauen zusammen und erklärten anschließend gemeinsam: „Die afghanischen Frauen werden keine Friedensverhandlungen akzeptieren, die einen Verlust ihrer Errungenschaften bedeuten, die sie in den letzten zehn Jahren erkämpft haben.“ In diesem Sinne fordern sie eine angemessene Beteiligung von Frauen an der bevorstehenden Kabul-Konferenz.
4. Vermischung von Militär und Menschenrechts-/Entwicklungszusammenarbeit – die falsche Strategie„Wir ersuchen mit Nachdruck die internationalen Streitkräfte, alle Fehler zu vermeiden, die im Zuge ihrer Operationen zu zivilen Verlusten führen. Wir fordern sie auf, ihre Fehler nicht zu wiederholen. Das afghanische Volk ist es überdrüssig, von der NATO immer wieder Entschuldigungserklärungen zu hören.“ Afghan Women Network in einer Erklärung zum 8. März 2010 Die westlichen Truppen sind inzwischen aufgrund von sogenannten Kollateralschäden für ein Drittel der zivilen Todesopfer verantwortlich. Die afghanische Bevölkerung steht dem internationalen Einsatz immer skeptischer gegenüber. Vor diesem Hintergrund ist es für die Arbeit von Menschenrechts-Organisationen besonders fatal, dass eine unheilvolle Vermischung von militärischen Aktionen und zivilem Engagement stattfindet. Dies geschieht vor allem durch die „Provincial Reconstruction Teams“, die seit Ende 2002 ihre Arbeit aufgenommen haben: Soldaten, die der NATO unterstellt sind, leisten Aufbauarbeit zum Beispiel durch Brunnen- und Schulbau. Erklärtes Ziel: Die „Herzen und Köpfe“ der Menschen gewinnen. Doch Militär kann kein Faktor für Entwick lung sein! Neben der zunehmenden Anzahl ziviler Opfer der Militäreinsätze, die dieses Ziel ad absurdum führen, besteht die Gefahr, dass die Bevölkerung mit der Vermischung von militärischem und humanitärem Mandat die Arbeit von Menschenrechts-Organisationen wie medica mondiale nicht mehr als politisch unabhängig wahrnimmt, sondern als Teil des Militärs und seiner politischen Ziele. Dass diese Ziele nicht so sehr in der Armutsbekämpfung und dem demokratischen Aufbau des Landes liegen, sondern in der „Terrorismusbekämpfung“ (die international zum Anstieg des Terrorismus geführt hat) und der geostrategischen Bedeutung Afghanistans als Transitland für Öl-Pipelines, ist der afghanischen Bevölkerung nicht verborgen geblieben. Die kürzliche Meldung über Bodenschätze, die ausländischen Unternehmen Milliardenumsätze versprechen, tragen das ihre zu dem Eindruck bei, dass die Maßnahmen zu ‚Befriedung’ und Staatsaufbau allenfalls Mittel zum Zweck und dementsprechend halbherzig sind. Entwicklungsminister Dirk Niebel hat nun das Problem weiter verschärft, indem er die Strategie der „Vernetzen Sicherheit“ forciert, die besagte Verquickung von militärischen und Menschenrechtsaktivitäten zwingend vorsieht. Im Rahmen des deutschen Strategiewechsels zum verstärkten zivilen Aufbau („Entwicklungsoffensive“) knüpft der Minister die finanzielle Unterstützung von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechts-Organisationen an das Bekenntnis zum Afghanistan-Konzept der Bundesregierung. Das Konzept der Vernetzten Sicherheit erklärt Minister Niebel wie folgt: „Vernetzte Sicherheit bedeutet für mich, dass Entwicklungspolitik, Außenpolitik, Verteidigungspolitik und andere Politikfelder eng aufeinander abgestimmt an gemeinsamen Zielen arbeiten. Unter Vernetzte Sicherheit verstehe ich auch, dass sich militärische und zivile Organisationen ergänzen, etwa beim Aufbau Afghanistans.“ Für Menschenrechts-Organisationen ist diese Verknüpfung höchst problematisch und ein echter Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit zwischen Ministerium und NRO: „Erstmals in der Geschichte der Zu sammenarbeit zwischen dem Bundesentwicklungsministerium und den Nicht-Regierungsorganisationen wird die Vergabe von Hilfsgeldern an politische Vorgaben geknüpft, die das Ziel verfolgen, unsere Arbeit in eine politische und militärische Gesamtstrategie einzubinden“, erklärt der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorgansiationen (VENRO), dem auch medica mondiale angehört. Eine Folge: „Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen oder ihre Zielgruppen häufig von Aufständischen zu legitimen Angriffszielen erklärt werden, sofern eine militärische Anbindung der zivilen Hilfsprojekte besteht.“
5. medica mondiale fordert:
medica mondiale in AfghanistanSeit 2001 engagiert sich medica mondiale für Frauen und Mädchen in Afghanistan. Die Projektarbeit konzentriert sich auf die Städte Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif. Der Projektstandort Kandahar musste aufgrund der Sicherheitslage Ende 2008 aufgegeben werden. Dass dezidierte Projekte für Frauen wertvolle Schritte auf dem Weg zur Demokratisierung und Stärkung der Zivilgesellschaft sind, belegen einige wenige Beispiele aus der Arbeit von medica mondiale:
Das Angebot von medica mondiale Afghanistan:Schulung medizinischer FachfrauenDie wenigsten Patientinnen, die Opfer von Vergewaltigung oder anderer Gewalt wurden, nennen die wahre Ursache für ihre Beschwerden und Verletzungen. medica mondiale schult seit 2002 ÄrztInnen und medizinisches Personal in traumasensibler Behandlung von Patientinnen. Zunächst behandelten in Deutschland lebende afghanische Ärztinnen rund 10.000 Patientinnen und gaben ihre Kenntnisse an ihre Kolleginnen weiter. Seit 2006 führt medica mondiale Afghanistan Fachseminare für weibliches Krankenhauspersonal durch, das unter anderem in Psychosomatik weitergebildet wird.
Rechtshilfe für Mädchen und FrauenEin Großteil der Mädchen und Frauen in afghanischen Gefängnissen wird zu Unrecht inhaftiert: Mädchen, die vor einer Zwangsverheiratung geflüchtet sind oder Frauen, denen Ehebruch vorgeworfen wird, die aber de facto oft Opfer von Vergewaltigung oder Zwangsprostitution geworden sind. Anwältinnen von medica mondiale Afghanistan sorgen dafür, dass sie einen fairen Prozess bekommen und versuchen per Mediation zu erreichen, dass sie wieder in ihren Familien aufgenommen werden. Seit 2003 konnten die Juristinnen für mehr als 2.000 Frauen einen Freispruch oder ein deutlich geringeres Strafmaß erreichen.
Psychosoziale Beratung und WeiterbildungPsychologinnen und psychosoziale Beraterinnen bieten für Frauen in Kabul und Herat Einzel- und Gruppenberatung an. Die Nachfrage ist groß, da es in Afghanistan kaum Anlaufstellen für traumatisierte Frauen gibt. Seit 2003 bildet medica mondiale afghanische Fachfrauen aus medizinischen und psychosozialen Berufen fort. Bis heute konnten sich rund 430 Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und Hebammen mit den Grundlagen von psychosozialer Beratung vertraut machen.
Kampagnen für FrauenrechteDie gesetzlich verbrieften Rechte von Frauen müssen auch tatsächlich umgesetzt werden. Deshalb führt medica mondiale Afghanistan jedes Jahr eine große Aufklärungskampagne durch. So ermittelte die Organisation erstmalig das Ausmaß an Kinderheiraten und setzte sich in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium für eine Registrierung von Eheschließungen ein: Mit Einhaltung des gesetzlich festgelegten Heirats-Mindestalters von 16 Jahren wäre den weit verbreiteten Kinderverheiratungen Einhalt geboten. medica mondiale Afghanistan prangerte die erschreckende Zahl der Selbstverbrennungen an und führte Polizeischulungen durch, um PolizistInnen Basiskenntnisse über Frauenrechte und Gewalt gegen Frauen zu vermitteln.
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