Anmerkungen zu Kultur und Bildung anlässlich einer Konferenz in Frankfurt
„Standortfaktor Kultur“ war der Titel einer Konferenz, die am 19. Mai im Frankfurter Congress Center von der Maleki Group organisiert wurde. Dort fand eine lebhafte Diskussion zwischen Politikern und Experten aus den Bereichen Musik, Theater-, Tanz- und Bildende Kunst statt. Im Zentrum der Debatte stand die Frage, welchen Stellenwert Kunst und Kultur als Standortfaktor für die Profilgebung einer Region wie der Rhein-Main-Region spielt und welchen Stellenwert diese in Zeiten großer wirtschaftlicher Verwerfungen haben wird. Die Teilnehmer der verschiedenen Diskussionen – darunter die ehemalige hessische stellvertretende Ministerpräsidentin Ruth Wagner, Staatssekretär Otto (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie), Staatssekretärin Nicola Beer (Integration und Europa, Hessisches Ministerium für Justiz), Raimund Trenkler (Leiter der Kronberg Academy), Michael Herrmann (Intendant, Rheingau Musik Festival) und Professor Thomas Rietschel (Leiter der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst) – kamen dabei zu teils übereinstimmenden, teils paradoxen Ergebnissen. SOLON hatte im Rahmen der Konferenz die Gelegenheit zu Hintergrundgesprächen mit einigen der Diskutanten.
Von Elisabeth Hellenbroich
Ein überraschender Kontrapunkt zur „Trend-Meinung“ war der Beitrag der ehemaligen hessischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Ruth Wagner. Während einer Podiumsdiskussion „Wirtschaftsfaktor Kultur- eine Bestandsaufnahme“ stellte sie zunächst die Frage: „Was bedeutet eigentlich Kunst und Kultur für uns heute?“ Wagner bezeichnete die Kunst und Kultur als die „Seele eines Landes“. Ein Land mit selbstbewussten Künstlern sei Gradmesser für die Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstreflexion. Genau darum müsse die Frage gestellt werden: „Was sind die Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten und wie wird die Seele einer Gesellschaft geprägt?“
Die Politikerin zitierte aus dem 2. Brief von Friedrich Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, die der 27-jährige Autor 1795 niederschrieb.
„(...) [D]ie Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen. Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der N u t z e n ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte frönen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser großen Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts.“
Schillers Brief habe auch in der heutigen Zeit seine wegweisende Funktion behalten. Die Kulturförderung – Wagner verwies auf die Tatsache, dass es in Deutschland 420 Theater und 100 selbständige Orchester gebe – dürfe „nicht auf dem Lärm des Marktes“ untergehen. Sie sei auch der jungen Generation als Aufgabe gegeben. Kultur sei wesentlich für die menschliche Entwicklung der Kinder und dafür brauche man die Begeisterung bei den Lehrern und Künstlern. Zugleich betonte sie, dass Kunst gerade in Zeiten der Sparprogramme ein „harter Wirtschaftsfaktor“ sei. Jeder Kämmerer, der im Bereich der Kunst und Kultur Kürzungen vornimmt, sei „verantwortlich für die Schäden, die damit der Seele einer Gesellschaft zugefügt werden.“
In einem Hintergrundgespräch mit SOLON ging Wagner auf die von ihr gemachten Äußerungen näher ein.
„Ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Kultur die Seele eines Landes ist, denn die Kultur gibt dem Künstler und dem Menschen die Möglichkeit, sich seiner selbst zu vergewissern. Das zweite ist, dass die Kultur auch eine Möglichkeit der Selbstreflexion einer ganzen Gesellschaft sein kann. Ich denke, diese beiden Dinge zusammen, sind in ähnlicher Weise wie die Philosophie oder die Religion, das eigentliche Fundament, das Ethos, die Seele, welche eine Gesellschaft bestimmen wird. In der Gesellschaft kann dies sehr verschiedene Ausdrucksformen finden. Jedoch muss es die Freiheit geben, dass jeder seine Ausrichtung, seine bildnerischen, literarischen und musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten findet. Als Politik müssen wir gewährleisten, dass es diese Freiheit gibt.“ Gegenüber dem, was die Welt derzeit im Inneren bewegt, die Frage nach der Arbeitsplatzsicherung, nach der Sicherheit der Währung, verbunden mit der Frage, inwieweit die Lebenssicherung für das Alter gewährleistet sei, dürfe man nicht ausser Acht lassen, dass dies alles nur Sinn mache, „wenn ich eine gute Basis habe.Wenn ich weiß, warum ich lebe, wie ich mit anderen Menschen umgehe und was ich in der Gesellschaft ausstrahle.“
SOLON wollte wissen, was Wagner während der Podiumsdiskussion gemeint habe, als sie die Befürchtung äußerte, dass es zu der Entwicklung eines „neuen“ Bürgertums kommen könne, einer sozialen Ausgrenzung, wenn z.B. Hauptschülern nicht die Möglichkeit gegeben wird, an der Kunst und Kultur teilzunehmen. Was könne man z.B. konkret im Fall einiger Förderschulen tun, wenn diese erklärten, dass sie weder über Räume noch das Geld für eine solche Kunst- und Kulturförderung verfügten.
Musik und Bildung
Wesentlich sei im erzieherischen Bereich die Vorbildfunktion der Eltern, so Ruth Wagner, welche häufig bei Hauptschülern fehle. In diesem Fall müsse die Gesellschaft, der Staat, einspringen.
„Wir müssen eine Situation schaffen, in der Kreativität möglich wird und wo der Unterschied erlebbar gemacht wird. Das bedeutet z.B., dass die Kinder bereits im Kindergarten ein Musikinstrument erhalten, dass ihnen künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten geboten werden, also das, was wir früher ‚musische’ oder heute ‚ästhetische Erziehung’ nennen. Die ästhetische Erziehung ist nicht nur Grundlage für die Entwicklung des Menschen, sondern auch für die Herausbildung seiner Intelligenz. Mit ihrer Hilfe werden Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgebildet, welche dann später in der Schule abberufen werden.“
Auf die Wirtschaftskraft der Rhein-Main-Region und die historisch gewachsene bürgerlich-urbane Tradition der Stadt Frankfurt verweisend wollte SOLON wissen, inwieweit der Rhein-Main-Region eine Vorbildfunktion zukomme.
„Ich glaube, dass dies auf das Rhein-Main-Gebiet zutrifft, weil man erkannt hat, dass Kultur nicht nur ein Wirtschaftsfaktor ist, sondern zur Menschenbildung dazugehört.“
Während der Podiumsdiskussion hatte der sehr engagierte Landrat des Rhein-Main-Taunus-Kreises Hofheim, Berthold R. Gall, auf den „polyzentrischen Charakter der Rhein-Main-Region“ hingewiesen, mit Verbindungen in die ganze Welt. Besondere Betonung legte er auf die Förderung des Musikunterrichts und verwies auf die Initiative von Professor Rietschel, Leiter der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Mit Hilfe eines vor zwei Jahren gegründeten Kulturfonds, so Gall, würden seitdem gezielt Grundschullehrer und Musiklehrer an Frankfurter Grundschulen in ihrer Musikausbildung gefördert. Das Ziel sei, an den Grundschulen (zunächst) in Frankfurt, aber später auch im ganzen Bundesland, eine kompetente Musikausbildung zu gewährleisten.
Gall sprach von einer „kulturell“ (auch infrastrukturell) gut „vernetzten“ Rhein-Main-Region, die nicht zuletzt auch bei der Standortwahl wirtschaftlicher Unternehmen einen wesentlichen Faktor darstelle. So verwies er auf die große Resonanz, welche die vom Staedel Museum veranstaltete Botticelli Ausstellung (s. Artikel bei Solon-line von Maria Schmitz, LINK), zu der 380.000 Besucher kamen, bei den Bewohnern in der Rhein-Main-Region, aber auch bei ausländischen Besuchern fand. Zugleich kündigte er neue Pläne für das kommende Jahr an, darunter einen Welttag der Pantomime in Hofheim und die Einladung des St. Petersburger Marinksij Theaters nach Hessen. Staatsekretär Otto, der in seinem Beitrag darauf verwiesen hatte, dass pro Jahr 65 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung im Bereich Kunst und Kultur statt fänden – daran seien 238.000 Unternehmen und 1 Million Erwerbstätige beteiligt – forderte, dass man in der Zukunft in den öffentlichen Rundfunkanstalten dem Thema Kunst und Kultur in jeder Nachrichtensendung einen wichtigen Stellenwert geben solle.
Kulturelle Leuchttürme in der Rhein-Main-Region
In einer weiteren Podiumsdiskussion verwies die Staatssekretärin Nicola Beer vom Hessischen Ministerium für Justiz (Integration und Europa) auf den „katalysatorischen Charakter“ von Kultur und Kreativität für die Gesellschaft. Durch Kultur und Kunst werde nicht nur das geistig-kreative Potential eines Landes geweckt, sondern diese trügen sehr wesentlich auch zur Entwicklung der „sozialen Kohäsion“ einer Gesellschaft bei.
Raimund Trenkler, Künstlerische Leiter der Kronberg Academy, die zum Zeitpunkt der Konferenz ihr zehnjähriges Jubiläum feierte, schilderte in beeindruckender Weise, welche Ausstrahlung von dieser Kronberg Academy Initiative für die gesamte Region ausgehe. Dabei handele es sich nicht nur um einen „Leuchtturm“ künstlerischer Aktivität, sondern das Projekt erfreue sich zugleich einer großen Unterstützung von Seiten der Bevölkerung. Die ursprünglich als Cellofestival in der Tradition von Pablo Casals und Mistislaw Rostropowitsch konzipierte Kronberg Academy (2000) habe inzwischen mehr als 100 Kinder allein im Städtchen Kronberg angeregt, das Cellospiel zu erlernen. Seit sechs Jahren finden sich hier unter dem Motto „Chamber Music connects the World“ junge begabte Kammermusikspieler („Juniors“) zusammen, die von weltbekannten „Seniors“, darunter Gidon Kremer, Tajana Grindenko, Yuri Bashmet und in diesem Jahr der weltbekannte Pianist András Schiff in entsprechenden Meisterklassen gefördert werden.
Das von der Crespo Foundation (Wella Erbin) und den „American Friends of the Kronberg Academy“ privat geförderte Projekt, Kronberg Academy, ist eine „einzigartige“ Einrichtung in Hessen, ein Forum für die Förderung weltberühmter Solisten. Viele davon kommen auch aus Osteuropa und Asien.
Neben dem alljährlich stattfindenden Kronberg Academy Festival wird Stipendiaten rund um das Jahr die Möglichkeit zu einer Master- und Bachelor-Ausbildung in Kronberg geboten. Trenkler wies auf den „international ausgerichteten Charakter“ der Kronberg Academy hin, die sich als ein „Ausbildungsinstitut für junge Streicher und Wegbreiter für die Weltspitze“ verstehe. Sicherlich stelle Kronberg so etwas wie einen „Leuchtturm“ der Kultur dar, aber die Förderung von Hochbegabten kann nur dann erfolgreich sein, wie Trenkler in der Diskussion mit dem Publikum hervorhob, wenn dies auch einen Rückhalt, ein Echo in der Bevölkerung finde, was nicht zuletzt auch von dem Kronberger Bürgermeister Klaus Temmen bestätigt wurde. Auf die Frage des Moderators Sarkowics von hr2-kultur, ob Kultur im Wettbewerb eine Rolle spielen solle, meinten sowohl Trenkler als auch die Leiterin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, Dr. Gaensheimer, dass es bei der Kultur auch um Geld gehe, aber Kultur sei „ein Wert an sich“, die auf die Region und ihre Menschen ausstrahle.
SOLON fragte Trenkler nach seiner Einschätzung über das Ergebnis des diesjährigen Kronberg Academy Festivals. Im Gespräch betonte Trenkler, dass es für ihn persönlich immer wieder ein Wunder ist, „wie aus einem inneren Bekenntnis für die Kronberg Academy es stets neu möglich wird, dass die Künstler dahin kommen, weil sie diesen Ort ein Stück weit für sich entdeckt haben. Das Besondere und das Schöne ist, dass man in Kronberg sagen kann, dass es immer wieder neu und frisch ist, weil es von innen heraus lebt.“
Vom Geist des Cellospielers Mistislaw Rostropowitsch (1927-2007) geprägt, wie Trenkler im Gespräch mit SOLON anmerkte, ist „die Grundlage der Academy das geistige Erbe von Pablo Casals (1876-1973). Bei Casals sind Kunst und Menschlichkeit untrennbar. Und das ist etwas, was wir in Kronberg leben und was die Künstler auch spüren. Sie finden hier ein Umfeld, in dem sie sich entfalten und entwickeln können.“ Nach der Konzeption für die kommenden Kronberg Academy Festivals gefragt, betonte Trenkler, es gehe darum, die Welt kleiner zu machen. „Wir wollen die technische Möglichkeit nutzen, das Pendant zur Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, die ‚Digital Master Classes’, ein ‚Distance Learning Programm’ aufzubauen.“ Noch in diesem Jahr solle dies zwischen der Manhattan School of Music und der Kronberg Academy initiiert werden. Damit käme man zu erweiterten Ausbildungsmöglichkeiten.
In einer Podiumsdiskussion „Zukunftsfaktor Kultur“ gab sich der Intendant des Rheingauer Festivals Herrman sehr optimistisch. Trotz Wirtschaftskrise finde das rein privatwirtschaftlich finanzierte Rheingaufestival nach wie vor eine sehr große Resonanz. Kultur, so diskutierten auch der Frankfurter Dezernent für Kunst und Wissenschaft, Professor Semmelroth und der Intendant des Künstlerhauses Mousonturm, Dieter Buroch, bedürfe einer Stadt wie Frankfurt, welche sehr viel tue, um die kulturelle und künstlerische Szene am Leben zu erhalten. Entscheidend sei, dass es für die Künstler genügend „Freiräume“ gebe. Während Semmelroth anmerkte, dass die „Kultur zur Sozialfürsorge, zur Daseinsfürsorge einer Stadt“ gehöre, betonte der Leiter der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Professor Rietschel, dass die Kunst „keinen Zweck“ habe. Sie solle nicht den Standort oder Wettbewerb fördern. Nur wenn sie „zwecklos“ sei, könne sie sich entwickeln. „Kultur darf nicht benutzt werden“. Man müsse sich mit anderen Kultursparten auseinandersetzen. „Was Not tut, ist Kooperation und Zusammenarbeit.“
Die Kultur lebt mit den Menschen, die diese gestalten. Sie lebt von der Begeisterung der Schüler und Schulen, so könnte man die Quintessenz der Diskussion zusammenfassen, wie es am Ende der Tagung die Redakteurin von hr2-kultur, Birnbaum, in ihrem Beitrag während der Plenumsdiskussion tat.
Das „Primacanta“ Projekt
SOLON fragte im Anschluss an die Konferenz Professor Rietschel nach seiner „Primacanta“ Initiative, die von vielen Seiten große Zustimmung erhält. In einer Beilage hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 17. Mai ausführlich über das Programm berichtet. „Primacanta“ ist ein musikalisches Fortbildungsprogramm der Stadt Frankfurt für Grundschullehrer. Initiatoren des „Primacanta“ Programms sind u.a. die Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die Alte Oper, das HR-Sinfonieorchester, Dr. Hochs Konservatorium, die Bigband der Musikschule Frankfurt und die Oper Frankfurt. Etwa 6300 Schüler aus knapp 80 Frankfurter Schulen nehmen in diesem Jahr an den Projekten teil, die unter dem Titel „Erlebnis Musik“ stehen. Rund 125 Professoren und 225 Studenten gehen in die Schulen, um dort zu spielen, mit den Schülern zu singen und zu musizieren. Umgekehrt gehen Schüler in Einrichtungen wie den Hessischen Rundfunk oder die Alte Oper und erleben dort anschaulich Proben und Konzerte.
Im Gespräch mit SOLON erläuterte Rietschel sein Musikprojekt „Primacanta“: „Es handelt sich um ein Weiterbildungskonzept für Lehrer, die an Grundschulen den Musikunterricht leisten. Diese Lehrer bilden wir in Wochenendseminaren und zum Teil auch während der Schulzeit weiter aus. Jeder Lehrer hat einen Coach, der diesen Lehrer über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet. Nach zwei Jahren sind die Lehrer dann soweit, dass sie dieses Konzept selbständig weiterführen und ihren Musikunterricht entsprechend ausrichten können.“ Von 78 Grundschulen nehmen etwa 72 Schulen an diesem Projekt teil. „Es sind Kinder aus der 3. Klasse und das Projekt ist in 3 Staffeln organisiert. Pro Staffel sind es 2000 Kinder. Aber es geht auch um den Aspekt der Nachhaltigkeit; nämlich darum, dass alle Kinder, die in die 3. Klasse gehen – dies betrifft inzwischen auch die 1. Klasse – mithilfe der von den Lehrern neu erlernten Prinzipien unterrichtet werden.
SOLON wollte wissen, inwieweit es problematische Brennpunkt-Schulen gibt, die davon ausgeschlossen sind. Rietschel verneinte dies entschieden. Es gebe etwa sechs Schulen, bei denen die Umsetzung des Projekts nicht klappt, „weil die Schulleitung entweder sagt, ‚wir schaffen es nicht, wir sind überfordert, oder es ist kein Lehrer da, der sich dafür begeistert.’ Oder es ist ein Schulleiter, der sagt: ‚So ein Blödsinn, das will ich nicht.’“
Jugendkulturarbeit sei auch Jugendsozialarbeit, meinte Rietschel. Dies betreffe ein sehr wichtiges Thema.
„Das Problem der Jugendsozialarbeit ist ja, dass Jugendliche kein Interesse haben, sozial bearbeitet zu werden. Vor diesem Problem steht jeder Streetworker. Es geht um die Frage, wie man Jugendliche am Besten erreicht. Man darf nicht alles verpädagogisieren. Die Frage, die sich stellt, ist die nach der Achtung der Würde und des Selbstwertgefühls der Jugendlichen. Das heißt, man muss ihnen Wege zu zeigen, sich kulturell selbst zu betätigen. Man kann ihnen die Möglichkeiten dazu bieten. Die Jugendlichen haben Musik, mit der sie sich identifizieren. Man sagt ihnen: Du kannst auch Musik, deine eigenen Lieder schreiben, spielen und dich rhythmisch betätigen.“
Abschlusskonzert der Kronberg Academy
Am Schluss der Tagung „Standortfaktor Kultur“ standen zwei Konzerte mit Gidon Kremer und Yuri Bashmet auf dem Programm. Sie fanden in der Kronberger Stadthalle im Rahmen des Festivals der „Kronberg Academy“ statt.
Der Leiter der Kronberg Academy, Raimund Trenkler, wies in einer Einführungsrede auf den besonderen Charakter dieses Abschlusskonzertes hin, bei dem es sich um eine von Gidon Kremer zusammen mit einem „Juniors“-Streicher Ensemble erarbeitete Uraufführung „The Art of Instrumentation“ handele. Zehn zeitgenössische Komponisten – einige von ihnen waren bei dem Schlusskonzert am 19.5. in der Stadthalle Kronberg anwesend – hätten aus dem Repertoire von Glenn Gould schöpfend Werke von J.S. Bach „neu instrumentiert“.
Besonderer Dank galt den „Seniors“ Gidon Kremer, Yuri Bashmet, Tatjana Grindenko, András Schiff und Frans Helmerson (er war für den Cellisten Steven Isserlis eingesprungen), die in diesem Jahr mit großem Engagement die Master Classes geleitet und mit den verschiedenen „Juniors“-Streicher Ensembles Konzerte aufgeführt hätten.
Die Idee „Chamber Music Connects the World“ habe auch in diesem Jahr zu einer „vertieften“ Zusammenarbeit zwischen Juniors und Seniors geführt. Einer der teilnehmenden Musiker habe vielen Juniors aus dem Herzen gesprochen, als er sagte, für ihn persönlich seien die Proben und Aufführungen in Kronberg das „interessanteste Musikerlebnis im bisherigen Musikleben“ gewesen. In Kronberg, so Trenkler, seien Künstler tätig, die das Projekt „mit Leben“ erfüllten. So begleite der Violonist Gidon Kremer seit 10 Jahren mit größtem persönlichen Einsatz und tollen Einfällen das Projekt. Basis für die Partnerschaft in Kronberg, welche durch die Crespo Foundation großzügig gefördert werde, seien die „gemeinsamen Ziele“: „Soziales Engagement und Eliteförderung“. Dabei werde die persönliche Entwicklung einzelner Talente gefördert, das betrifft Lehrer oder Kammermusiker, die wiederum ihre Idee künstlerisch weitergeben werden. Die Juniors lernten, dass man nicht nur auf sich selbst hören solle, nicht nur die 1. Geige spielt, sondern entscheidend sei, wie man zur musikalischen Gestaltung eines gelungenen Ganzen beitrage. „Hier lernt man, dass man nicht sich selbst, sondern einer höheren Sache dient.“
Eine Meisterklasse mit András Schiff
Die Autorin des vorliegenden Artikels hatte am 13. Mai Gelegenheit, an einer Meisterklasse der Kronberg Academy zur Erarbeitung des Klavierquintetts A- Dur op.114 „Forellenquintett“ von Franz Schubert (1797-1828) als Zuhörerin teilzunehmen. Der weltbekannte Pianist András Schiff vermittelte in einer eineinhalbstündigen intensiven Probe mit den „Juniors“ Valery Sokolov (Violine), Lily Francis (Viola), Julian Arp (Violoncello) und Sophie Lücke (Kontrabass) faszinierende Einblicke in die Werkstatt künstlerischen Schaffens. Die Probe fand in Vorbereitung für das Konzert mit András Schiff in Kronberg am 18. Mai statt.
Die Meisterklasse und die Arbeit an Schuberts Klavierquintett machten deutlich: András Schiff gelang es, aus den sehr begabten Juniors - alle schon sehr erfahrene Solisten - eine kammermusikalische Einheit mit großem musikalischem Verständnis für die klanglich- poetische Gestalt dieses Schubertschen Werkes zusammenzubringen.
Sei es, dass er die Tempi neu gestalten ließ, an mehreren Stellen auf die ironisch klangliche Gestalt oder auf die Intention des Komponisten Schubert verwies, der ursprünglich „Die Forelle“ als Lied komponiert habe. (Schiff fragte an einer Stelle, ob jemand unter den Juniors eine Liedaufnahme mit Fischer-Dieskau angehört habe). An einer anderen Stelle merkte er, auf ein zu schleppendes Spiel bezugnehmend ironisch, man spiele nicht Haydns Deutschlandlied, sondern das „Lied“ von der Forelle, welche sich pfeilschnell im Wasser bewege („...da schoss in froher Eil die launische Forelle vorüber wie ein Pfeil...“). Wiederholt ließ er ausgewählte Streicherstimmen zusammen – oder einzeln spielen, um die klanglichen Kontraste und die „Topographie“ des Stückes, wie er an einer Stelle anmerkte, prägnanter herauszuarbeiten. Zugleich machte er die Juniors auf die Wichtigkeit des intensiven „Kommunizierens“, des „Aufeinanderzuhörens“ aufmerksam, ohne das es keine gelungene Aufführung geben werde.
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Bildquelle: Maleki Group
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