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- Naher Osten
Afghanistan- ein Reisebericht mit ganz persönlichen sicherheitspolitischen Anmerkungen
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| 29. Mai 2009 | |
Teil II: Mein afghanisches Zuhause
Als Berater einer humanitären NGO war
Jürgen Hübschen im April 2009 in Afghanistan. Er erlebte das Land
etwas anders als dies gewöhnlich bei „offiziellen“,
ausländischen Besuchern der Fall ist. Als ehemaliger Militärattaché
hat er natürlich ein besonderes Sensorium gerade für die
Sicherheitslage. Es folgt Teil II seiner sehr persönlichen
Reiseeindrücke.
Beim Betreten des Gebäudes relativiert sich das prächtige äußere Bild sehr schnell. Neben dem Wohn- und Schlafraum steht der Gasherd mitten in der Küche und unmittelbar daneben die dazu gehörende, leicht verbeulte Gasflasche. Meine Gedanken gehen zurück in unser Haus in Bagdad in den 1980er Jahren. Da stand auch eine dieser irakischen Gasflaschen, die sich durch Beulen und Rost merklich von der deutschen Ausführung unterscheiden, direkt neben dem Gasherd in der Küche. Ich habe mir damals sofort von einer deutschen Firma eine „Hilti“-Bohrer geliehen und ein Loch durch die Außenwand gebohrt. Dann habe ich die Gasflasche nach draußen gestellt, den Schlauch durch das Loch in der Wand geschoben und ihn an den Herd angeschlossen. Nicht auszudenken, wenn so eine Gasflasche in der Küche explodiert wäre, weil der Verschluss vielleicht nicht mehr ganz dicht war oder aus diesem maroden Metallbehälter sonst irgendwo Gas ausgetreten wäre. „Es gab im ersten Stock einen Wasserrohrbruch“, holt mich der Fahrer aus meinen irakischen Erinnerungen nach Afghanistan zurück, „dabei ist die ganze Küche abgesoffen“. Und dann fügt er ungefragt hinzu: „Dabei ist das Haus total neu, die humanitäre Organisation ist die erste Mieterin, aber diese Bauweise ist eben pakistanischer Standard. Wenn die Afghanen das Haus gebaut hätten, wäre es zwar etwas teurer geworden, aber würde auch eine viel bessere Qualität haben.“
Kolonialgeschichte ganz aktuell: Afghanistan und PakistanSo ähnlich werde ich es später noch öfter hören. Das erinnert mich irgendwie an das ehemalige Jugoslawien auf unserer denkwürdigen Autofahrt von Bagdad nach Greven im Jahre 1989. Damals schoben in Gesprächen die Kroaten alle Pannen und Unzulänglichkeiten im Lande auf die Serben – und umgekehrt. Wohl weiß ich, dass Afghanistan und Pakistan zwei verschiedene Staaten sind, aber ich weiß auch, dass auf beiden Seiten der völkerrechtlich nicht verbindlich definierten Grenze Angehörige derselben Stämme leben. Die 2.450 km lange „Grenze“ zwischen Afghanistan und Pakistan ist als „Durand-Linie“ bekannt, so benannt nach dem damaligen Außenminister der britisch-indischen Verwaltung Sir Henry Mortimer Durand. Diese Linie zur Abgrenzung Britisch-Indiens von Afghanistan wurde 1893 festgelegt – für 100 Jahre. Zuvor hatte die Kolonialmacht Großbritannien zweimal vergeblich versucht, Afghanistan zu erobern. Mit der „Durand-Linie“, die gezielt durch die Siedlungsgebiete der Paschtunen gezogen wurde, verlor Afghanistan aber etwa ein Drittel seines Territoriums. 1947, mit der Teilung Indiens durch die abziehende britische Kolonialmacht, wurde der Staat Pakistan unter Einbeziehung afghanischer Paschtunen-Gebiete gegründet. 1949 erklärte die afghanische „Loja Jirga“ („Große Ratsversammlung“) die „Durand-Linie“ für ungültig. Afghanistan besteht bis heute auf der Rückgabe seiner Gebiete, und da die Abmachung über die „Durand-Linie“ 1993 ausgelaufen ist, gibt es keine völkerrechtlich verbindliche Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan. Im heutigen Afghanistan wird eigentlich fast alles aus Pakistan importiert – leider seit geraumer Zeit auch die Taliban, die ja auf der anderen Seite dieser „Grenze“ ihre Rückzugsgebiete haben. Mittlerweile scheint man das im Westen erkannt und auch begriffen zu haben, dass es ohne Pakistan keine dauerhafte Lösung in Afghanistan geben wird. Die wirklichen Kenner der Region wissen aber, dass man für Stabilität in Afghanistan neben Pakistan im Süd-Osten auch den Nachbarn im Westen, also den Iran braucht.
Die merkwürdigen Prioritäten beim WiederaufbauEs ist schon seltsam, was einem so durch den Kopf geht, wenn man in Kabul zum ersten Mal ein Haus betritt, das von Pakistanis gebaut wurde. Eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation zeigt mir mein Zimmer im Erdgeschoss. Sie übergibt mir ein afghanisches Handy und sagt, sie komme gleich noch einmal, um mich zu fragen, ob sie mir etwas aus dem Supermarkt mitbringen könne. Ich probiere erst noch einmal mein deutsches Handy aus und tatsächlich kann ich aus dem Kabuler „Guest House“ problemlos eine SMS an meine Frau schicken, was ja auch schon nach meiner Ankunft am Flughafen geklappt hatte. Gut zu wissen, dass wir über SMS in Kontakt bleiben können, vor allem falls es in Deutschland wieder mediale Horrormeldungen aus Afghanistan geben sollte. Auch das afghanische Handy funktioniert einwandfrei und ich stelle mit Erstaunen fest, dass der Laptop, der auf dem Tisch in meinem Zimmer steht, über einen Internet-Anschluß verfügt. Das Kabel für den Laptop ist allerdings quer durchs Zimmer verlegt, weil, wie ich später erfahre, nicht alle Steckdosen im Zimmer funktionieren. Im Bad finde ich eine imposante Wanne in Rosa, in der es sich zwei Personen gemütlich machen können. Beeindruckend, aber das relativiert sich schnell: Die Steckdose direkt neben dem Waschbecken hängt etwa 5 cm aus der Wand heraus und die Lampe über dem Spiegel funktioniert nicht, auch nicht, nachdem ich die Birne ausgewechselt habe. Ich vermute einen Kurzschluss in der Wand und beschließe, nur noch die absolut notwendigen Schalter anzufassen. Da ich ja keinen Koffer auspacken muss, weil der, nach letzten Erkenntnissen, inzwischen immerhin in Dubai steht, schalte ich den Laptop ein und stelle fest: Der Internetzugang funktioniert tatsächlich. In diesem Moment kommt meine neue Kollegin und erkundigt sich, was sie mir aus dem Supermarkt mitbringen solle. Ich weiß es selbst nicht so genau und frage, was es denn dort gebe? Ihre Antwort: „Hier in Kabul kann man alles kaufen, vorausgesetzt man hat genügend Dollar oder Euros“. Ich sage ihr, sie solle von allem etwas mitbringen, was ich nach ihrer Meinung so in den nächsten Tagen brauche würde. Sie steigt zum Fahrer in den Wagen, der Wachmann öffnet das Tor und schließt es hinter dem Fahrzeug sofort wieder ab. Nach kurzer Zeit kommt die Kollegin mit Schweizer Müsli, Orangensaft, Chips, einer Tütensuppe, einem Toastbrot, etwas Käse und einem Stück Butter zurück. Ich schaue das alles etwas ungläubig an, und sie lässt mich mit meinem Staunen allein. Später werde ich mich selbst in einen dieser Supermärkte fahren lassen, um mit einem leicht schlechten Gewissen ein paar Dinge zu kaufen, die sich nur die afghanischen Oberklasse und Ausländer leisten können. Jetzt mache ich erst einmal einen Rundgang durch mein afghanisches Zuhause – vom Keller bis zur Dachterrasse. Hier oben im 2. Stock hat man einen wunderbaren Blick auf die schneebedeckten Ausläufer des Hindukush in der Abendsonne und auf die Festung von Kabul. Über die Flachdächer der meist einstöckigen Gebäude hinweg kann man weit über diesen Stadtteil Kabuls schauen, der zu den „besseren“ Wohngegenden gehört. Hier gibt es überall Gärten mit Bäumen. Lehmhäuser wie in vielen anderen Bezirken dieser Großstadt mit drei Millionen Einwohnern gibt es hier nicht. Zerstörungen sind im Gegensatz zu anderen Stadtteilen auch nicht erkennbar. Die Bilder aus Kabul, die man in Deutschland immer wieder in den Zeitungen oder im Fernsehen zu sehen bekommt, muss man woanders aufgenommen haben. In dieser Ecke Kabuls gibt es viele solcher Gästehäuser internationaler Organisationen und auch Botschaften. Die niederländische Botschaft kann ich vom Dach unseres Gebäudes sehen; wie eine moderne Festung liegt sie in einer Parallelstraße, die man aus Sicherheitsgründen für den gesamten Verkehr gesperrt hat. Von den afghanischen Kollegen erfahre ich später, dass viele Länder sämtliche Gebäude, die an der Straße ihrer Botschaft liegen, anmieten und dann leer stehen lassen, um so sicher zu gehen, dass es keine „unliebsamen Nachbarn“ gibt. Für die Afghanen, die trotzdem in solchen Straßen wohnen bleiben, ist das normale Leben vorbei, weil sie ständig von irgendwelchen Sicherheitskräften kontrolliert oder mindestens beobachtet werden. Nach Sonnenuntergang „sicherheitshalber“ durch Außenscheinwerfer angestrahlt, stehen die Botschaftsgebäude wie Fremdkörper in der Kabuler Nacht. Kurz nach 18:00 Uhr fällt zum ersten Mal der Strom aus. Wahrscheinlich ist das vorher auch schon passiert. Man müsste vielleicht den Kühlschrank fragen, weil der es, im Gegensatz zu den Bewohnern, auch bei Tageslicht bestimmt gemerkt hat. Aber Kühlschränke können auch in Afghanistan nicht reden. Der Wachmann kommt aus seinem Häuschen und wirft den Generator an, der uns wieder mit Strom versorgt. Ich schmiere mir in der Küche ein paar Brote, gehe in mein Zimmer zurück – und stehe dort wieder im Dunkeln. Da ansonsten die Beleuchtung im Haus funktioniert, muss wohl die Sicherung das Problem sein. Als ich den Wachmann nach dem Sicherungskasten fragen will, geht er mit mir zielstrebig in den Flur und legt in dem bewussten Kasten eine Sicherung hoch, die aber sofort wieder rausspringt. Mit einem wissenden Lächeln geht er zum Außentor und schaltet dort die Lampen auf der linken Seite aus. Jetzt ist dort sicherheitstechnisch zwar eine Dunkelzone entstanden, aber jetzt bleibt die Sicherung drin. Kompromisse müssen sein. Auf meine Frage, ob in den linken Torlampen wohl ein Kurzschluss sein könne, zuckt der Wächter mit den Schultern und meint nur, dass die Sicherung immer raus fliege, wenn man diese Lampen einschalte. Nachdem ich im nun beleuchteten Zimmer meine Unterwäsche durchs Wasser gezogen habe – Gott sei Dank habe ich ja für morgen den Reservesatz aus dem Rucksack – , gehe ich früh ins Bett. Aber ich kann aber lange nicht einschlafen, weil die Geräusche aus dem benachbarten, privaten Krankenhaus ziemlich intensiv sind; Besuchszeiten scheinen dort sehr großzügig geregelt zu sein. Gegen 03:00 Uhr wache ich auf, weil es mir kalt geworden ist. Die Temperaturen gehen in Kabul in dieser Jahreszeit nachts deutlich in den einstelligen Bereich zurück. Vielleicht kann ich mir ja morgen einen Heizstrahler besorgen. Ein Schluck „Johny Walker“ täte jetzt gut, aber mein silberner „Flachmann“ mit dem Emblem der deutschen Luftwaffe befindet sich leider in meinem Koffer und selbiger irgendwo auf dem Flughafen von Dubai. Angeblich soll er morgen mit SAFI-AIR in Kabul ankommen. Mit dem Gedanken an meinen Whisky schlafe ich wieder ein. Da sich am 28. April Ausländer wegen der „White City“-Anordnung nicht in Kabul bewegen dürfen, überprüfe ich in aller Ruhe Grundstück und Gebäude unter sicherheitstechnischen Gesichtspunkten und schreibe darüber den ersten Teil meines Berichts. Leider kann aus selbigem Grund mein Koffer nicht vom Flughafen abgeholt werden. Also, abends noch einmal Wäsche waschen und in der Hoffnung einschlafen, dass ich morgen meinen Koffer wieder habe. Gott sei Dank kann ich auch einen Heizlüfter auftreiben, so dass ich die Chance auf ein morgendliches Bad habe. Am nächsten Morgen die ernüchternde Feststellung, dass ich keinem Strom in meinem Zimmer und im Bad habe. Aber jetzt kenne ich mich ja aus. Ich sage der Wache, sie soll die linke Torbeleuchtung ausschalten, lege den Schalter im Sicherungskasten um – und es funktioniert! Trotz der wieder hergestellten Beleuchtung ist es im Bad ziemlich dämmerig. Beim Rasieren muss man sehr aufpassen, aber dafür sieht man im Spiegel nicht so viele Falten. „Positiv Denken“ ist (nicht nur) in Afghanistan sehr wichtig. Die Wanne ist zum Duschen bestens geeignet, nur leider fließt das Wasser nicht ab. Jetzt weiß ich auch, warum neben der Toilette so eine schwarze Saugglocke steht. Mit ihrer Hilfe kommen immer mehr kleinere Putzbröckchen aus dem Siphon, offensichtlich Nachwirkungen von dem Rohrbruch im ersten Stock, wo man anschließend die Wand aufgebrochen hatte. Beim Frühstück mit Schweizer Müsli geht mir nicht mehr aus dem Kopf, wieso es in Afghanistan ein flächendeckendes Mobilfunknetz und Internetanschluss (wenn man es sich leisten kann) gibt, aber nur wenige asphaltierte Straßen, keine vernünftige Kanalisation und vor allem noch immer keine stabile Stromversorgung. Offensichtlich wurden hier wesentliche Entwicklungsschritte übersprungen. Eigentlich braucht man doch zuerst eine zuverlässige öffentliche Stromversorgung und dann ein Mobilfunknetz, oder? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die ausländischen „Befreier“ die Prioritäten gesetzt haben und dies auch weiterhin tun. Für sie sind Mobilfunknetz und Internet-Anbindung wichtiger als die öffentliche Stromversorgung. Schließlich verfügen die Ausländer über leistungsfähige Generatoren, die im Regelfall – unser Generator ist da wohl eine Ausnahme – automatisch anspringen, wenn das Netz ausfällt oder sogar permanent die Stromversorgung sicherstellen. Offenbar naiver Weise dachte ich bislang, es ginge beim Wiederaufbau Afghanistans in erster Linie um die Afghanen. Aber das bezweifeln und bemängeln die Menschen am Hindukush ja schon lange. Viele Afghanen sind der Meinung, dass die ausländischen Soldaten und auch die Hilfsorganisationen in erster Linie für sich selbst da sind. Nach meinem Aufenthalt werde ich zugeben müssen, dass das sicherlich nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist.
„Zu Hause“ in KabulDraußen hupt der Fahrer, um mich ins Büro zu fahren. Ich steige ein, drücke die Knöpfe auf meiner Seite runter und öffne mein Fenster eine Handbreit. Die Wache öffnet das Tor, und der Fahrer rangiert vorsichtig auf die Straße, weil die Besucher des Krankenhauses wieder alles verstopft haben. Es ist 08:45 Uhr; die Kabuler „Rush Hour“ dauert von etwa 08:00 –10:00 Uhr. Wenn es möglich wäre, würde man diese Zeit aus Sicherheitsgründen vermeiden, aber die Termine mit den lokalen Dienststellen müssen von der Hilfsorganisation auch vormittags wahrgenommen werden. Die Organisation hat die Fahrer mit ihren eigenen Fahrzeugen unter Vertrag genommen, die, wie ich meine, bestmögliche Lösung, um das Sicherheitsprinzip des „Low Profile“-Auftretens umzusetzen. Ich sitze in einem etwa 15 Jahre alten Toyota Corolla, den es in Afghanistan massenhaft gibt. Corollas sind zuverlässig und offensichtlich mit einfachen Mitteln auch zu reparieren und in Schuss zu halten. „You can’t kill a Toyota”, lerne ich von den Fahrern. Im Bagdad der 1980er Jahre hatte ich gedacht, der Straßenverkehr sei verrückt. Vor vier Wochen habe ich diesbezüglich in Damaskus noch eine Steigerung erlebt. Aber ich glaube, Kabul ist beim Straßenverkehr nicht zu toppen. Hier geht es aber nicht nur um Verkehrssicherheit, sondern um Sicherheit überhaupt. Der Fahrer und ich achten besonders darauf, „offiziellen“ Fahrzeugkolonnen nicht zu nahe zu kommen. Diese schwarzen Geländewagen ohne Nummernschilder und mit schwarz getönten Scheiben sollte man unbedingt meiden, weil sie bevorzugte Objekte von Selbstmordattentätern oder auch am Straßenrand platzierten „Improvised Explosive Devices“ (IED’s) sind. Dasselbe gilt für alle Arten von Militärkonvois. Wenn einem eine solche Militärkolonne entgegenkommt, dann gilt: So schnell wie möglich runter von der Straße. Fahren Militärfahrzeuge vor einem her, hält man mindestens 100 m Abstand und überholt auf gar keinen Fall. Noch sind humanitäre „Non Governmental Organizations“ ( NGO’s) in den meisten afghanischen Provinzen keine direkten Ziele der Taliban, aber wenn man zur falschen Zeit am falschen Platz ist, trifft es einen eben auch. Nach knapp 10 Minuten Fahrzeit erreichen wir das Büro der Hilfsorganisation. Es liegt in einer nicht asphaltierten Seitenstraße, und alles sieht aus wie vor zwei Jahren, auch die Schreinerei an der Ecke ist noch da. Der Fahrer hupt vor einem unscheinbaren grauen Tor in einer Häuserfront. In der kleinen Personeneingangstür geht ein Kläppchen auf, und ich sehe das freundliche Gesicht des Wachmannes, den ich schon 2007 kennen gelernt habe. Das große Tor geht auf, wir fahren in die Toreinfahrt und halten an. Die Wache schließt das Außentor und fragt, ob der Wagen seit dem letzten Befahren des Grundstücks unbeaufsichtigt war. Der Fahrer verneint, sonst wäre jetzt das Fahrzeug gründlich überprüft und mit einem Spiegel auch der Fahrzeugboden untersucht worden. Ich steige aus, und der Wachmann begrüßt mich mit einem afghanischen Bruderkuss auf beide Wangen. Es ist so ein ganz klein bisschen wie „nach Hause“ kommen, weil mir hier, im Gegensatz zum Guest House, das ja neu angemietet wurde, alles vertraut ist. Mit Freude stelle ich fest, dass ein leistungsstärkerer Generator angeschafft wurde, der im Dauerbetrieb läuft, um die Stromversorgung ohne jede Unterbrechung sicherzustellen. Nach und nach treffen alle lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Sie werden alle von den Fahrern zu Hause abgeholt und abends auch wieder zurückgebracht. Auch alle Termine werden mit den Fahrzeugen der Organisation wahrgenommen, öffentliche Verkehrsmittel werden ebenso wenig benutzt wie Taxis. Man geht auf Nummer sicher, und das ist in Kabul auch angebracht, obwohl es hier sicherer ist als in vielen anderen Teilen des Landes. Aber auch in der Hauptstadt kann es zu jeder Zeit an jedem Ort einen Anschlag geben. Früher konnte man bei den Selbstmordanschlägen davon ausgehen, dass sie nach den rituellen Waschungen, also am frühen Vormittag, stattfanden, heute sind sie, wie die Übersichten der Sicherheitsvorkommnisse zeigen, jederzeit möglich. Die Sicherheitslage hat sich seit 2007 deutlich verschlechtert – und die Tendenz ist weiter negativ. (Fortsetzung folgt) Bildnachweis: Skyline von Kabul von Oxam Hartog (LINK). Weitere Beiträge von Jürgen Hübschen finden Sie hier. |
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