Die Rückgewinnung der Sprachlichkeit – zum Sammelband „Die drei Revolutionen der Denkart – Systematische Beiträge zum Denken von Bruno Liebrucks“ (Karl Alber Verlag 2013)

Share

Auch unter philosophisch Interessierten den Namen Bruno Liebrucks (1911 – 1986) ins Gespräch zu streuen, kann verdutzte Blicke auslösen, die oft zu Fragezeichen zu gerinnen scheinen. Einer der originellsten und profundesten Denker des 20.Jahrhunderts scheint so gut wie vergessen, es sei denn, es hat jemand in den 60er Jahren in Frankfurt Philosophie studiert, und begegnete

Weiterlesen

Sagen als Antworten? Zeugnis und Prophetie in Levinas’ Jenseits des Seins – zweiter Teil eines Kommentars

Share

Im ersten Teil hatten wir die stete Wiederholung des Wortpaares „Sagen und Gesagtes“ als Orgelton des gesamten Textes von „Jenseits des Seins“ benannt. In heutiger Zeit scheint dies in einem philosophischen Text ominös, und also des jeweils neuen Nachbohrens bedürftig. Wiederholen wir zunächst auf schlichte Weise: das Gesagte könnte man als das schon einmal Gesagte lesen, mithin als das Bekannte, Verständliche, sogar als Jargon könnte man es unter bestimmten Voraussetzungen bezeichnen. Zumindest aber als Worte, die als bereits gesagte zwar – so wie Levinas es beschreibt – thematisieren, informieren oder mitteilen, aber indem sie scheinbar eindeutig ihre Stelle im Kanon der Bedeutungen längst gefunden haben, auch schon verblasst und erstarrt sind, ihr Leben verloren haben, als bleiche Schatten ihrer selbst nur mehr die Kommunikation als leblose Abstraktion eines Gesprächs zulassen. Das Sagen demgegenüber finge je neu an, geschähe im Augenblick des lebendigen Zuhörens und Sprechens mit einem Anderen.

Weiterlesen

Jacques Derrida: Denken in und mit der Sprache

Share

Die drei Autoren dieses Beitrags haben im Rahmen ihrer Forschungen zum Thema Sprache gemeinsam einen Text von Jacques Derrida gelesen, den sie im Folgenden versuchen zu kommentieren und zu „entschlüsseln“. Es handelt sich um Derridas Aufsatz „Babylonische Türme“, der selbst ein Kommentar zu Benjamins berühmten Text „Die Aufgabe des Übersetzers“ ist. Die folgenden Seiten sind also ein Kommentar des Kommentars zum Thema Sprachverwirrung, Übersetzung, Namensgebung, das so alt ist wie die Geschichte vom Turmbau zu Babel – und so neu wie jeder Tag der Begegnung unterschiedlicher Menschen in dieser vielfältigen Welt. von Katrin Funke, Frank Hahn, Reinhard Hildebrandt

Weiterlesen

Das Unbegründete nicht vergessen

Share

Gedanken zum Anti-Semitismus heute und gestern Wie anti-semitisch ist unsere Gesellschaft noch oder schon wieder? Die Frage wird gerade in diesen Wochen verstärkt aufgeworfen – Antworten aber, die sich als offen zu haltende Fragen läsen, gehen im Getöse des Meinungsstreits unter oder werden erst gar nicht ausgesprochen. Wir wagen an dieser Stelle zumindest einen Zwischenruf zum Thema – unter Bezugnahme auf Überlegungen des Philosophen Jean-Francois Lyotard.

Weiterlesen

Die Rolle der Tragödie in der zeitgenössischen Philosophie – Über die ethisch-politische Dimension tragischer Erfahrung

Share

Dem Athen des 5. Jahrhundert v. Chr. verdanken wir zwei kulturelle Ereignisse, deren globaler Erfolg bis heute nicht zu überschätzen ist: die Tragödie und Sokrates. Die zeitnahe Entstehung argumentativ operierender Philosophie und dramatischer Kunst in der attischen Polis ist keine zufällige Koinzidenz. Vielmehr entwickelt sich die philosophische Reflexion des platonischen Sokrates, Mitbürger und Gesprächspartner von Sophokles und Euripides, in Konkurrenz zur Kunst der Tragödie, die sie einerseits mit einer inhaltlichen, insbesondere ethisch-politischen Kritik und andererseits durch eine Transformation des Dramas in den Dialog abzulösen beansprucht.1 Richtet sich die inhaltliche Kritik gegen den von der Tragödie vorgeführten Bruch zwischen dem gutem, im sozialen Zusammenhang der Polis sich behauptenden Leben und der es leitenden Rationalität, nimmt die Form der platonischen Philosophie das Dialogische auf, um es von seiner bis zur Peripethie zugespitzten Dramatik und der Funktion des Chores zu trennen. Beides, die inhaltliche Kritik an der Tragik der Tragödie und die Auflösung der Tragödie in den Dialog und seine sich „diesseits von Tragik und von Komik“2 entfaltende Dialektik, hat nach Platon allerdings nicht zur endgültigen Aufhebung der Tragödie oder zu ihrem seit Nietzsche mehrfach proklamierten „Tod“3 durch Reflexion geführt.4 Von Asmus Trautsch

Weiterlesen

China – Annäherung an eine komplexe Herrschaftsstruktur

Share

In welchem Übergangsstadium sich China als „sozialistischer Staat unter der demokratischen Diktatur des Volkes“ gegenwärtig befindet, ist für Außenstehende kaum feststellbar. Vielleicht sind sich die Machthaber noch nicht einmal selbst darüber völlig im klaren. Ob die Informationen, die frei verfügbar sind, bereits eine realistische Lageanalyse liefern, ist ungewiss. Der nachfolgende Text stützt sich sowohl auf eigene Eindrücke wie auch auf Berichte. Auf der Grundlage einer theoretischen Analyse stellt er aber vor allem ein Instrumentarium zur Verfügung, mit dem man sich einem präziseren Bild annähern kann.

Weiterlesen

Verlorene jüdische Wurzeln? Hermann Cohens Philosophie aus den Quellen des Judentums

Share

“Reinige Dein Denken“ – über den jüdischen Hintergrund der Philosophie von Hermann Cohen“ – so lautet der Titel der 2010 im Verlag Könugshausen und Neumann erschienenen Aufsatz- und Vortragssammlung aus dem Nachlass des 2008 verstorbenen Philosophen und Cohen-Forschers Dieter Adelmann. Die darin enthaltenen Texte sind wahrlich nicht nur für sog. Experten, Philosophen oder Kenner des Jüdischen interessant. Vielmehr könnte man sagen, die Texte Adelmanns gehörten dringend in den Diskurs über die deutsche und europäische Vergangenheit, zeigen sie doch in erstaunlicher Dichte, welch reiche Kultur wir durch die Vernichtung des europäischen Judentums verloren haben.

Weiterlesen

Das Denken zum Tanzen bringen – neue Einsichten zur Philosophie des Wandels und der Bewegung

Share

Mit seinem neuen Buch zur Philosophie des Wandels und der Bewegung möchte Rudolf zur Lippe unser Denken zum Tanzen bringen. Der Autor, der von 1974 bis 2002 als Professor für Sozialphilosophie und Ästhetik an der Universität Oldenburg lehrte, hat bereits zahlreiche Bücher zu den Themen „Sinnenbewusstsein“, „Am eigenen Leibe“, „Entfaltung der Sinne“ etc. verfasst. Bekannt ist der in Berlin und Hude lebende Philosoph, Künstler und Ausstellungsmacher nicht zuletzt für die „Karl Japsers Vorlesungen zu Fragen der Zeit“, in denen er über 15 Jahre lang Denker aus Europa, Asien und Afrika in Hude zum gemeinsamen Gespräch eingeladen hatte. Das transkulturelle Philosophieren sowie seine zahlreichen anderen Projekte aus dem Bereich der Kunst konzipiert er im Rahmen seiner Stiftung „Forum der Kulturen“. Die folgende Rezension seines neuesten Buches wurde nicht zuletzt von der mitreißenden Präsentation desselben im Berliner Radialsystem V angeregt, die aus einem Gespräch des Autors mit dem japanischen Philosophen Ryosuke Ohashi und der international renommierten Choreographin Sasha Waltz bestand.

Weiterlesen

Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Existenz

Share

Die Krise der westlichen Welt ist nicht zuletzt durch übersteigertes Macht- und Gewinnstreben sowie die darin sich ausdrückende Maßlosigkeit geprägt, die man im antiken Griechenland „Hybris“ nannte. Der folgende Beitrag zum Thema der Selbsterkenntnis möchte zwar einerseits als philosophisch- historische Betrachtung darüber gelesen werden, wie das sokratische Ethos des „Erkenne dich selbst“ sich aus der delphischen Tradition der Apollon-Religion entwickelt hat; zum anderen aber berührt er mit dem Thema der Mäßigung als Antwort auf die Hybris, wie es von den Apollon-Priestern oder dem Dichter Pindar im Zuge der gesellschaftlichen Krise des antiken Griechenland im 6./7. Jahrhundert v.Chr. behandelt wurde, ganz aktuelle Fragen. Von Dr. Bettina Fröhlich

Weiterlesen

Vom Denken des Ursprungs zum Sprachdenken: Hermann Cohen und Franz Rosenzweig

Share

Immer wieder gilt es zu erinnern, welchen Verlust das deutsche und europäische Geistesleben durch Vertreibung und Vernichtung der Juden unter der NS-Diktatur erlitten hat. Die Namen Hermann Cohen und Franz Rosenzweig sind unter Philosophen natürlich bekannt, aber die Bedeutung dieser jüdischen Denker im Kontext unserer Geistesgeschichte wird selten in der Tiefe gewürdigt und verstanden. Frank Hahn hat in einem philosophischen Kolloquium an der Humboldt-Universität Berlin über die Bedeutung des Infinitesimalen bei Hermann Cohen und das Sprachdenken von Franz Rosenzweig gesprochen. In der jüdischen Denkwelt hat das gesprochene Wort eine gleich große Bedeutung wie das geschriebene Wort, verhindert das Sprechen im Augenblick doch das Erstarren des Denkens in Dogmen und abgeschlossenen Systemen. Das Sprachdenken Rosenzweigs will zu dieser Methodik des Nicht-Systemdenkens vordringen und die Dynamik des Lebens, das sich immer im Jetzt und immer wieder neu vollzieht, besser erfassen. Die jeweilige Öffnung des Systems und die Dynamisierung der Begriffe war auch Cohens Anliegen, jedoch mithilfe der Mathematik und nicht der Sprache. Die Verwandtschaft mancher Aspekte des jüdischen Denkens mit der ostasiatischen Gedankenwelt unterstreicht die Aktualität der Themen – schließlich wird das Bedürfnis nach einem Gespräch der Kulturen immer drängender. Es folgt der überarbeitete Vortrag

Weiterlesen